Erfurter Gericht: Vergewaltigung auch ohne Erektion?

Das Landgericht Erfurt will im neu aufgerollten Fall von möglicher Vergewaltigung klären, inwieweit der "vollständige Verlust der Erektionsfähigkeit" des Angeklagten tatsächlich irreversibel ist.

Am Landgericht Erfurt stehen sich derzeit wieder eine Hauswirtschafterin und ihr ehemaliger Arbeitgeber gegenüber. Es geht um den Vorwurf der Vergewaltigung. Foto: Martin Schutt

Am Landgericht Erfurt stehen sich derzeit wieder eine Hauswirtschafterin und ihr ehemaliger Arbeitgeber gegenüber. Es geht um den Vorwurf der Vergewaltigung. Foto: Martin Schutt

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Weimarer Land. Der Fall einer Vergewaltigung, der seit Montag vorm Erfurter Landgericht neu aufgerollt wird, wird uns aus zwei Perspektiven vor Augen geführt: aus der einer Hauswirtschafterin, die angibt, von ihrem ehemaligen Auftraggeber mehrfach zu sexuellen Handlungen und zum Geschlechtsverkehr gegen ihren ausdrücklichen Willen gezwungen worden zu sein. Und aus der des Auftraggebers, der jeden Vorwurf von sich weist.

2012 ist in dem Fall ein Urteil am Landgericht ergangen: Damals waren die Richter von der Schuld des Angeklagten überzeugt und hatten den Mann zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Sowohl der Mann als auch die Staatsanwaltschaft gingen in Revision. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil ein Jahr später aufgehoben, weil die "Beweiswürdigung einer rechtlichen Nachprüfung nicht stand" halte. Vor allem einen Widerspruch sah die oberste Instanz als nicht geklärt an: Wie kann ein Mann Geschlechtsverkehr ausüben, der nach einer urologischen OP keine Erektion mehr bekommen kann?

Sieben Jahre später ist es nun an der Strafkammer von Richter Markus von Hagen, die vier Vorfälle, die sich 2007 und 2008 im Weimarer Land ereignet haben sollen, erneut zu bewerten.

Ulrike A.* hatte zweimal in der Woche im Haus von Lutz B.* und seiner Frau geputzt und gebügelt. Für die kleine Hauswirtschaftsfirma von A. war der Auftrag bei B. ein wichtiger Posten. Die Familien kannten einander schon länger; zumindest die Männer waren Mitglieder im selben Verein.

Sie hätte den Auftrag nach den ersten Zudringlichkeiten kündigen können. Ihre Familie, sagt Ulrike A., sei aber auf die Einnahmen aus den Putzdiensten im Hause B. angewiesen. Sonst hätten die Vorfälle sie früher veranlasst, die Brocken hinzuschmeißen.

Sie habe nach den ersten Handgreiflichkeiten versucht, ihre Einsätze bei B. auf Tage zu legen, an denen Frau B. im Haus gewesen sei.

Ulrike A. zieht zu der Zeit nur ihren Therapeuten und eine Freundin ins Vertrauen. Aber auch ihr damals 18-jähriger Sohn bemerkt Wesensveränderungen an seiner Mutter. Der Junge bohrt nach und ist in der Familie der einzige, dem sie berichtet, was vorgefallen sein soll. Er habe seiner Mutter helfen wollen, erinnert sich der Sohn, "aber sie bat mich, nichts zu unternehmen, sie wolle die Sache selbst regeln". Ihrem Mann gegenüber habe sie sich nicht offenbart, sagt Ulrike A., aus Sorge, er könne Selbstjustiz üben.

Schließlich war es der Sohn, der zu Familie B. ging und Lutz B.s Ehefrau in Kenntnis darüber setzte, was seiner Mutter geschehen sei. Und nun kamen die Ermittlungsbehörden ins Spiel.

Ulrike A. (52) trägt jetzt zum zweiten Mal vor einem Gericht in allen Einzelheiten vor, was 2008 vorgefallen sein soll.

Das Gericht wird unter anderem zu klären haben, ob der "vollständige Verlust der Erektionsfähigkeit" des Angeklagten tatsächlich irreversibel ist.

Lutz B. (68), der die Revision angestrengt hat, schweigt zu den Vorwürfen. Seine Frau jedoch will sich äußern; sie soll heute in den Zeugenstand treten. Frau B. glaubt an die Unschuld ihres Mannes: "Wenn ich Zweifel daran hätte, dann hätte ich ihn schon verlassen".

*Namen geändert

Vergewaltigung ohne Erektion: Drei Jahre Haft für Unternehmer aus Weimarer Land