Jäten ist Wissenschaft – Gewerkschaft klagt gegen die Uni Jena

Gera/Jena  Gewerkschaft klagt gegen die Uni Jena, weil man dort das Unkraut jäten von studentischen Hilfskräften erledigen lässt.

Gewerkschaft klagt gegen die Uni Jena, weil man dort das Unkraut jäten von studentischen Hilfskräften erledigen lässt.

Gewerkschaft klagt gegen die Uni Jena, weil man dort das Unkraut jäten von studentischen Hilfskräften erledigen lässt.

Foto: Jens König

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Es liegt ein Hauch von Revolution in der Luft, im Gerichtssaal 317 des Arbeits­gerichts Gera, an diesem Vormittag. Weil einer der Unterstützer des Klägers ein betont rotes T-Shirt trägt, das ihn qua Aufdruck als Mitglied der sehr linken Gewerkschaft FAU ausweist; was ausgesprochen „Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion“ heißt. Und weil ein weiterer Unterstützer des Mannes so daher kommt, wie etwa zu Zeiten der 68er linke Revolutionäre an deutschen Hochschulen tatsächlich manchmal aussahen: langen Haare, barfuß.

Schon dieses Auftreten freilich ist ein Symbol in Zeiten, in denen viele Studenten so ganz anders als diese jungen Männer daher kommen; oft mit Hipster-Hose und teurem Laptop. Ein Zeichen dafür, dass sie sich nicht gefallen lassen wollen, was sich viele Beschäftigte an deutschen Hochschulen gefallen lassen: prekäre Arbeitsbedingungen. Die FAU will das auch nicht für Menschen akzeptieren, die Unkraut jäten.

Deshalb ist dieser Gerichtstermin auch nur ein Teil der aktuellen Strategie der FAU in Thüringen, für wissenschaftliches Hilfspersonal an der Friedrich-Schiller-Universität Jena bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf zu drängen, dass die entsprechenden Männer und Frauen nicht wie Hilfskräfte, sondern wie das Stammpersonal der Hochschule behandelt werden. Was in der Regel mit einem höheren Einkommen, mit besserer sozialer Absicherung und nicht selten auch mit unbefristeten Arbeitsverträgen einher geht – wenn dieser Anspruch denn durchzusetzen ist. Ob nun im Wege einer friedlichen Revolution oder eben qua Rechtsstreit.

„Ich wusste eigentlich nicht, was ich da mache“

Konkret soll die Kammer des Arbeitsgerichtes nach dem Willen der FAU bei diesem Termin einen schon lange schwelenden Streit entscheiden; jedenfalls in der ersten Instanz. Der dreht sich im Kern um die Frage, ob es irgendwie wissenschaftlich ist, wenn ein junger Mann Unkraut jätet.

Dieser junge Mann, der Kläger, erklärt vor Gericht kurz noch einmal, was er im Juli 2016 tat, als er für diesen einen Monat an der FSU Jena als studentische Hilfskraft beschäftigt war: Auf einer insgesamt etwa 100 mal 100 Meter großen Versuchsfläche seien damals verschiedene rechteckige Beete abgeteilt gewesen. Seine Aufgabe sei es gewesen, innerhalb dieser Beete Pflanzen zu entfernen, die dort nicht hingehörten. Einmal habe er, etwa eine halbe Stunde lang, dieses Unkraut auch noch verpackt, damit Forscher mit diesem hätten weiterarbeiten können. Ansonsten habe er aber nur „Unkraut ausgestochen“, sagt er. Zuvor habe er jeweils eine kurze Einweisung erhalten; von der bei ihm aber offenbar nicht mehr viel hängen geblieben ist. „Diese Pflanzen“, sagt er, „keine Ahnung, welche das waren. Ich wusste eigentlich auch nicht, was ich da mache.“

Dass die Hochschule ihn trotzdem als studentische Hilfskraft beschäftigt habe, verteidigt die Rechtsvertreterin der Universität, Stefanie Buchmann, vor Gericht. Immerhin sei der Kläger im Zuge eines Forschungsprojektes tätig gewesen und habe Wissenschaftlern zugearbeitet, sagt sie. Eine Argumentation, von der sie eine Zeit lang allerdings offenbar selbst nicht so richtig weiß, ob das Gericht ihr folgen wird. Was besonders offen scheint, nachdem der Beisitzer des Richters Ingo Menke sie fragt, ob man dann nicht auch jeden Mann und jede Frau als wissenschaftliche Hilfskraft qualifizieren müsste, der oder die auf einem Erdbeerfeld Unkraut jäte. Buchmann weicht da aus, bietet dem Rechtsanwalt des Klägers, Maik Elster, eine außergerichtliche Einigung an: „Wollen wir uns verständigen?“, fragt sie. Antwort, eben weil das Verfahren für die FAU Teil einer größeren Strategie ist: „Ich glaube nicht, dass das in Frage kommt.“

Gericht gibt der Uni recht: Jäten ist Wissenschaft

Elster wie auch die FAU nämlich bestreiten, dass Unkraut jäten irgendwie wissenschaftlich ist und wollen, dass die Tätigkeit so abgerechnet wird, wie sie für einen Stammbeschäftigten abgerechnet worden wäre. Was ausweislich des Schriftverkehrs zu diesem Prozess unter anderem dazu führen würde, dass der Kläger von der Universität 74,20 Euro zusätzlich erhalten hätte.

Umso überraschender ist es schließlich sowohl für die FAU, dass die Revolution an diesem Tage eine empfindliche Niederlage hinnehmen muss. Weil die Kammer entscheidet, Unkrautjäten könne eine wissenschaftliche Tätigkeit sein, die Einstufung des Klägers als studentische Hilfskraft sei in diesem Fall richtig gewesen. „Der Kläger beziehungsweise die diesem übertragenen Arbeitsaufgaben unterstützen das hauptberufliche und wissenschaftliche Personal bei der Bewältigung der dortigen Aufgaben“, sagt Menke.

Was im Umkehrschluss zu einem Aufatmen bei der Hochschule führen dürfte, hätte das Gericht doch sonst wohl einen Präzedenzfall für unzählige andere studentische Hilfskräfte in Jena, Thüringen und Deutschland geschaffen. Denn Hilfskräfte jäten an deutschen Universitäten nicht nur Unkraut, sie bereiten auch chemische Experimente vor oder erledigen Büroarbeit. Alles Aufgaben, bei denen nicht nur die FAU-Leute daran zweifeln, dass es dabei einen wissenschaftlichen Anteil gibt.

Und weil das so ist, wollen die FAU und Elster gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Gera wahrscheinlich in Berufung gehen. Eine endgültige Entscheidung soll fallen, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt. „Das Urteil ist für uns nicht nachvollziehbar und widerspricht unserer Meinung nach auch der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts“, sagt der Gewerkschafter mit dem roten T-Shirt. Die anderen Streitfälle, die die Gewerkschaft noch mit der Universität hat – unter anderem um den Status von Hilfskräften in der Bibliothek – sieht er davon nicht berührt.

Unkraut jäten für die Wissenschaft

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