Zugestochen „wie ein Berserker“: Abgelehnter Flüchtling bekommt Haftstrafe

Erfurt  Ein abgelehnter Flüchtling ist wegen versuchten Mordes in Erfurt nach dem Jugendstrafrecht nun zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Abdulrahim S. bleibt nach dem Urteil in Haft.

Abdulrahim S. bleibt nach dem Urteil in Haft.

Foto: Fabian Klaus

Er wollte seinen Großcousin töten. Sechseinhalb Jahre muss Abdulrahim S. deshalb jetzt in den Knast. Die 6. Strafkammer hält ihn für schuldig – und verurteilt den abgelehnten Flüchtling aus Afghanistan nach Jugendstrafrecht wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Dennoch: Es bleiben erhebliche Zweifel am Alter bestehen. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer zehn Jahre und ein Urteil nach Erwachsenenstrafrecht gefordert.

Für die Urteilsverkündung hat sich der junge Mann noch einmal frisieren lassen. Der akkurate Kurzhaarschnitt und ein blütenweißes T-Shirt lassen ihn aussehen wie einen normalen Jugendlichen, dem man eine solche Tat zunächst nicht zutrauen würde.

Umso heftiger wirkt die Begründung des Urteils. Er habe zugestochen „wie ein Berserker“, sagt Richter Pröbstel. Mit mehr als zehn Stichen und voller Wucht hatte S. im vergangenen November seinen Großcousin traktiert und ihn lebensgefährlich verletzt. Dass das Opfer habe aussagen können grenze bei den Verletzungen „an ein Wunder“, meint Pröbstel. Zunächst hatte S. Pfefferspray gezogen und seinem Opfer in die Augen gesprüht. Danach stach er ihm in die Beine, damit er nicht mehr flüchten konnte – und traktierte ihn dann mit weiteren Messerstichen in Oberkörper und verschiedene andere Körperregionen.

Den Hintergrund der Tat aber aufzuklären, das vermochte die Strafkammer nicht. Zunächst war man davon ausgegangen, dass die Gerichtsentscheidung des Verwaltungsgerichtes Meiningen Auslöser gewesen sein könnte. Zwei Tage vor der Tat war dort über den Widerspruch von S. gegen den abgelehnten Asylantrag mündlich verhandelt worden. Allerdings, das wurde gestern nach Akteneinsicht benannt, erhielt S. die Entscheidung erst am 20. November zugestellt und zur Kenntnis – der Übergriff war da bereits neun Tage geschehen.

Ein anderer möglicher Hintergrund: S. bezichtigt seinen Großcousin, an der Ermordung seiner Mutter beteiligt gewesen zu sein und die Tatwaffe besorgt zu haben. Das Opfer bestreitet das allerdings. Wäre es so gewesen, das machte Pröbstel deutlich, dann sei es unplausibel, warum S. erst jetzt mindestens zwei Jahre später Rache nehmen wolle – nachdem er zuvor mit seinem Großcousin gemeinsam geflüchtet und einige Zeit in Arnstadt in der Gemeinschaftsunterkunft gelebt hatte.

Zweifel bleiben auch am Alter des Verurteilten: Drei verschiedene Altersangaben kursierten im Prozessverlauf. Zwischen 17 und dem Erwachsenenalter erschien alles möglich. Einer von der Staatsanwaltschaft verfügte Altersfeststellung ergab, dass S. mindestens 19 ist – wahrscheinlich aber älter. Dennoch: Das Urteil ist nach Jugendstrafrecht gefällt, jedoch noch nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gaben zur Möglichkeit der Revision gestern noch keine Erklärung ab.

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