Roland Jahn zum Fall Domaschk: Stasi-Leute könnten Last von sich geben

Jena  Der Stasi-Unterlagen-Beauftragte Roland Jahn sieht auch 35 Jahre nach dem immer noch ungeklärten Tod von Matthias Domaschk Chancen zur Aufklärung. Am heutigen Samstag wird seinem Freund auf dem Jenaer Nordfriedhof gedacht.

Matthias  Domaschk– eine Privataufnahme, die ihn in der Mitte der 1970er Jahre in Jena zeigt. Foto: Thüringer Archiv für Zeitgeschichte

Matthias  Domaschk– eine Privataufnahme, die ihn in der Mitte der 1970er Jahre in Jena zeigt. Foto: Thüringer Archiv für Zeitgeschichte

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„Keine faulen Kompromisse mehr!“ So beschreibt der Jenenser Roland Jahn, Jahrgang 1953, in seinem 2014 herausgebrachten Buch „Wir Angepassten“ die Grundhaltung, die ihn bis in die kleinste Faser durchdrungen hatte nach dem bis heute unaufgeklärten Tod seines Freundes Matthias Domaschk am 12. April 1981 im Geraer Stasi-Knast. „Keine faulen Kompromisse mehr!“ – Diese Worte schwingen mit beim Gedenken anlässlich des 35. Todestages am heutigen Samstag um 15 Uhr. Am Grab auf dem Jenaer Nordfriedhof treffen sich Freunde, Verwandte, Weggefährten und der Oberbürgermeister.

„Keine faulen Kompromisse mehr!“ Dies mag für Matthias Domaschk bereits Lebensgrundhaltung gewesen sein. – Ein Stück Vermächtnis für Roland Jahn, den DDR-Bürgerrechtler, der 1983 gegen seinen Willen aus der DDR gedrängt wurde. Der 28 Jahre später vom Bundestag zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt wurde.

Matthias Domaschk und Roland Jahn waren Mitte der 70er Jahre Freunde geworden. „Er war immer Teil der Jenaer Szene“, sagte Jahn gestern dieser Zeitung. Und so gebe es für ihn viele bleibende Erlebnisse. Ganz Alltägliches etwa wie diesen Tag, als Matthias Domaschk half, die Wohnung in der Geschwister-Scholl-Straße 22a zu renovieren, die Jahn und seine schwangere Freundin bezogen. Oder als in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde: „Wir sangen auf der Camsdorfer Brücke dieses ‚Noch ist Polen nicht verloren!‘ aus der polnischen Nationalhymne.“

Wie lassen sich heute die ersten Gedanken umschreiben, die ihn, Roland Jahn, damals bewegten auf die Nachricht vom Tode seines Freundes hin? – „Das war schon ein Ereignis, das deutlich gemacht hat: Es geht nicht um ein Versteckspiel mit der Stasi. – Es geht um Leben und Tod. Ganz nah dran an uns“, sagt Jahn. „Dabei waren wir doch keine Berufsrevolutionäre, sondern Träumer, die eine gerechte Gesellschaft wollten.“ Hier seien er wie manche Freunde an einen Punkt angelangt, wo zu fragen gewesen sei: Ausreise? Eine Nische suchen? „Oder du sagtest dir: ‚Das kannst du so nicht länger mitmachen!‘“

Rund um den 35. Todestag ging mehrfach die Rede vom „Schweigekartell“ der DDR-System-Träger, die Domaschk kurz vor und nach seinem Tod umgaben (TLZ berichtete). Offenkundig sei heute: „Es waren viele beteiligt, aber keiner will es gewesen sein“, sagt Roland Jahn. „Keiner geht in die Verantwortung. Es gilt immer noch: Wir brauchen Aufklärung, wie es dazu gekommen ist.“ Roland Jahn verweist gestern darauf, wie er schon 1993 als TV-Journalist für das Magazin „Kontraste“ mit einem 13-Minuten-Film Ansätze zur Aufklärung der wahren Todes-Ursache gefunden hatte. Der Film zeigt, wie Renate Elmenreich – Domaschks ehemalige Freundin und Mutter des gemeinsamen Kindes – bei den zuständigen Stasi-Mitstreitern vorsprach und auf Aussage-Verweigerungen stieß oder Türen vor der Nase zugeschlagen bekam. Es werden Namen im Film genannt: Stasi-Unterleutnant Schaller, der Domaschk stranguliert an der Heizung vorgefunden haben will; der Steinmetz „IM Steiner“, der Domaschk bei der Stasi verleumdet hatte; Major Würbach und Roland Mähler von der Stasi-Kreisdienststelle Jena wie auch Stasi-Offizier Horst Köhler, den die TV-Leute in einem Westberliner Immobilienbüro trafen. Oder der Stasi-Vernehmer Roland Peißker.

Die Beteiligten seien nach wie vor eingeladen zu sprechen, „ohne sie vorher abzustempeln“, sagt Roland Jahn. Er sieht die Chance, dass diese Menschen „mit einem gewissen Zeitabstand aus einem Gruppendruck herauskommen und einen Schritt auf uns zu gehen“. Das sei doch eine „Chance, eine Last von sich zu geben“, sagte Jahn. „Dazu braucht’s ein Klima. Und das heißt für uns: Nicht verdammen, sondern zuhören!“

www.bpb.de/geschichte

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