Schließung, Fusion, Kündigung: Hoff krempelt Theaterland Thüringen um

Erfurt/Weimar/Eisenach  Das DNT ohne Oper, Eisenach ohne Landeskapelle und die Thüringen Philharmonie gen Erfurt fusioniert: Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) will die Theaterlandschaft in Thüringen neu strukturieren.

Plakative Attraktionen: Erfurter Opern-Inszenierungen wie die dort aktuelle Lesart der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“ sollen künftig auch in Weimar über die Bühne gehen. Foto: Martin Schutt

Plakative Attraktionen: Erfurter Opern-Inszenierungen wie die dort aktuelle Lesart der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“ sollen künftig auch in Weimar über die Bühne gehen. Foto: Martin Schutt

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Seit fast einem ganzen Jahr sondiert die rot-rot-grüne Landesregierung, wie das Theaterland Thüringen künftig strukturiert sein soll. Nun endlich haben der für die Kultur zuständige Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) und seine Staatssekretärin Babette Winter (SPD) einen konkreten Plan dafür erarbeitet. Dieser wird aus nachvollziehbaren Gründen vorerst noch geheim gehalten: Es ist aus Sicht vieler Theaterfreunde eine Liste des Grauens.

Nach TLZ-Informationen soll das Deutsche Nationaltheater Weimar seine Opernsparte abwickeln, Eisenach die Landeskapelle auflösen, und die Thüringen Philharmonie Gotha soll endgültig mit dem Orchester in Erfurt fusionieren. In Altenburg/Gera sollen nach Willen Hoffs und Winters die Theaterträger ein Drittel der Musikerstellen im Orchester abbauen. Großer Gewinner in diesem Arrangement würde demnach die Stadt Erfurt: Das dortige Theater soll zur Staatsoper nominell aufgewertet werden und erhielte folglich deutlich mehr Geld aus der Landeskasse als bisher.

Das wäre ein – vorläufiger – Höhepunkt in dem seit der politischen Wende 1990 andauernden, dramatischen Abbau bei Theatern und Orchestern im Lande. Bühnenfachleute wie Theaterfreunde erkennen darin einen abermaligen Kahlschlags-Versuch. Hoff und Winter wissen um die Brisanz ihres Vorhabens. Denn sämtliche Amtsvorgänger, die Ähnliches unternahmen, sahen sich mit heftigstem öffentlichen Widerstand konfrontiert.

In solchen Fällen entfalten hierzulande Kulturbürger demokratische Wehrhaftigkeit: Wenns gilt, geht, wer sein Theater liebt, auf die Barrikaden, demonstriert auf Straßen und Plätzen und unterstützt die kreativen Protestaktionen der betroffenen Künstler. Nicht nur in Weimar, sondern ebenso in Eisenach, Erfurt, Gotha, Gera und Altenburg. In Suhl sind, als es anno ‘98 dort noch etwas zu beschützen gab, sogar Orchestermusiker in den Hungerstreik getreten – unterstützt von der damaligen PDS.

Und nun? Hoff und Winter als rot-rote Schicksalsgemeinschaft wissen natürlich, wie sehr seinerzeit etwa Dagmar Schipanski und Jens Goebel (beide CDU) mit ihren Kahlschlag-Attacken politisch ins Rudern gerieten, Goebel letzten Endes sogar sein Amt im Kabinett Althaus einbüßte. Daher versuchen sie, behutsam für ihren Plan zu werben und in Hintergrundgesprächen sogar Journalisten dafür einzunehmen. Erst im September wollten Hoff und Winter ihren Strukturplan der Öffentlichkeit vorstellen. Dann aber wäre es sehr dringlich, ihn auch in Finanzierungsverträge mit den Theaterträgern umzusetzen, um Kündigungsfristen einhalten zu können.

Der neue Strukturplan für die Thüringer Theaterlandschaft im Detail

So gering die Theater- und Orchesterfinanzierung mit einem Volumen von zurzeit 65 Millionen Euro jährlich im 9,3-Milliarden-Landeshaushalt zu Buche schlägt, so eminent ist ihre politische Bedeutung: Der Erfolg einer Regierung – zumal einer rot-rot-grünen – wird eben an der Zustimmung der Bürger gemessen. Immerhin halten jetzt die beiden Staatskanzlei-Strategen durchaus Wort: Nach ihrem Plan würden, wie versprochen, sämtliche produzierende Standorte erhalten bleiben. Die „Gerechtigkeitslücke“ – gemeint ist die untertarifliche Bezahlung in einigen Thüringer Häusern – soll abgeschafft werden. Zugleich sind landesweit mehr Kooperationen vorgesehen, vor allem durch Gastbespielung und Koproduktion.

Die Laufzeit der neuen Finanzierungsverträge soll auf acht bis zehn Jahre ausgedehnt werden. Das schaffe größere Planungssicherheit, lautet das Argument. Betriebsbedingte Kündigungen sollen weitestgehend vermieden werden, das spart hohe Abfindungen. Für ihr Konzept haben Hoff und Winter in drei Planungsregionen gedacht: Mitte (Gotha, Erfurt, Weimar), West (Eisenach, Rudolstadt, Nordhausen) und Ost (Jena, Altenburg, Gera). Außerdem sollen Theater, die sich wie in Arnstadt oder Hildburghausen kein eigenes Ensemble leisten können, durch die übrigen mitbespielt werden. Für die massiven Strukturveränderungen, die angeblich das Theaterland Thüringen für Jahre, Jahrzehnte fit machen soll, obschon zunächst die Ausgaben für Theater und Orchester erhöht werden müssen, sehen beide gerade jetzt ein „Window of Opportunity“ (Fenster der Gelegenheit). Hoff und Winter haben mehr als 35 Einzelgespräche mit Intendanten, kommunalen Theaterträgern und Gewerkschaftern geführt. Dass die vorliegende Konzeptskizze allerdings einen Konsens aller widerspiegele, lässt sich schwerlich behaupten.

Michaela Barchevitch, Intendantin der Thüringen Philharmonie Gotha, charakterisierte gestern auf Nachfrage zwar die Kommunikation bisher als „sehr gut“; deren Ergebnisse – den Strukturplan – kannte sie aber noch nicht. „Meine Musiker fragen mich ja auch, da würde ich schon etwas genauer antworten können“, sagt sie. Auch mit der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), der Musikergewerkschaft, deren Votum für die Umsetzung des Strukturplanes maßgeblich sein wird, hat bisher noch niemand offiziell gesprochen. Man suche derzeit nach einem Termin, hieß es gestern nur aus Berlin.

Barchevitch fällt heute gewiss aus allen Wolken. Man darf aber unterstellen, dass es nicht allen Beteiligten ebenso ergeht – zum Beispiel in Weimar. Dort soll laut TLZ-Informationen sogar bereits Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD) eingeweiht worden sein – und zum drohenden Abbau am DNT schweigen.

Rot-Rot-Grüne Landesregierung: DNT Weimar soll seine Opernsparte aufgeben

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