Zeulenrodaer "Karpfenpfeifer" verschmähten den Fisch

Herbert Frauenberger
| Lesedauer: 5 Minuten

Foto: zgt

Der TLZ-Koch widmet sich diesmal dem Thema Fisch, erzählt eine Legende aus Ostthüringen und liefert ein Rezept für Vogtländer Karpfen. Vielleicht eine kulinarische Idee für Silvester ...

Bezüglich der Sprache könnte man meinen, man befindet sich schon im Ausland, und dennoch gehört das Vogtland teilweise zu Thüringen und der größere Teil zählt zu Sachsen. "Wo de Hos'n Hus'n has'n und de Hus'n Hos'n sei" - da sind die Vogtländer zu Hause. Im Klartext: Bei den Vogtländern sind Hosen Husen und Hasen Hosen. Man benötigt schon einige Lektionen dieser Mundart, um sich im Vogtland halbwegs zurecht zu finden.

Bei meinem Studium an der Hotelfachschule in Leipzig lernte ich von einer Kommilitonin aus dem Vogtland einige Ausdrücke kennen. So ist das Serviertablett ein Hietrochbratl (Hintragebrett), der Topfdeckel ein Sterz und das Fernglas ein Rozieglos (Ranziehglas). Spricht der Vogtländer vom Meer, dann meint er mitunter die Möhre und nackete Maadle sind nicht - wie zu vermuten - nackte Mädchen, sondern flach gedrückte, gebratene Klöße aus gekochten Kartoffeln.

In der deftigen Vogtländer Küche wird demnach Phantasie groß geschrieben und so manches durchaus auch allgemein bekannte Küchenelement erscheint hier in vollkommen ungewohnter Kombination. Das Rezept wird es zeigen.

Erst vor Kurzem erfuhr ich von sehr guten ostthüringer Freunden vom Zeulenrodaer "Karpfenpfeifer", der den Bezug zu einer beliebten Silvesterspezialität knüpfen soll. Der Karpfen erlebt in jedem Jahr zur Jahreswende eine ganz besondere Beliebtheit- nicht nur im Vogtland. Die kleine dazu gehörende Geschichte vom Karpfenpfeifer ist so schön, dass ich sie gerne weiter erzählen möchte.

Schon im Mittelalter gab es rund um die Ortschaft Zeulenroda mehrere Karpfenteiche mit guter Wasserqualität und damit auch schmackhafte Karpfen. Als dann wohl im unweit entfernten Greiz eine Grafentochter vermählt wurde, wurden auch Zeulenrodaer Bürger zu Wach- und Aufwartediensten in die Greizer Residenz beordert. Zum Hochzeitsmenü gehörte auch ein Karpfengericht nach vogtländischer Art zubereitet. Die Fische stammten aber nicht aus dem quellfrischen Wasser der Zeulenrodaer Teiche, sondern aus dem einzigen Greizer Gewässer, das reichlich verschlammt war. Dementsprechend schmeckte der Vogtländer Karpfen modrig und war keinesfalls ein Genuss. Die vom wohlschmeckenden Karpfen verwöhnten Zeulenrodaer schickten die Teller mit den modrigen Karpfenstücken zurück in die Küche mit dem Kommentar: "Wir pfeifen auf solche Schlammkarpfen!"

Köche reagieren bekanntlich schon mal schnell pikiert und so nannte der Hofkoch die Zeulenrodaer "Karpfenpfeifer". Noch heute kursiert dieser Ausdruck, wenn man über die Einwohner Zeulenrodas spricht.

Auch wenn es noch andere Geschichten zum gleichen Thema gibt, der Karpfenpfeifer erinnert als Figur auf dem Springbrunnen des Marktplatzes an den beliebten Fisch, und alljährig wird auch mit dem Karpfenpfeiferfest an die geschilderte Begebenheit erinnert.

Nicht nur für das Vogtländer Karpfengericht schmecken die "Dreipfünder" am besten. Beim Fischhändler des Vertrauens sollte uns heute das Malheur eines Schlammkarpfens erspart bleiben. Und denken Sie am Silvestertag an die Karpfenschuppe, die, ins Portemonnaie gelegt, regen Geldsegen bescheren soll. Ich wünsche es Ihnen von ganzen Herzen!

Vogtländer Karpfen

Zutaten für 4 Portionen:

  • 1 Karpfen ca. 1,5 kg küchenfertig
  • Saft einer halben Zitrone
  • 150 g Möhren
  • 100 g Petersilienwurzel
  • 100 g Porree
  • 100 g Sellerie
  • 100 g Kohlrabi
  • 100 g Rote Bete
  • 1 Lorbeerblatt
  • 5 Pfefferkörner
  • 3 Pimentkörner
  • 2 Gewürznelken
  • 1 Stück Brotrinde
  • 60 g Butter
  • Salz
  • Pfeffer

Zubereitung:

Der geschuppte küchenfertige Karpfen wird gut gewaschen und in vier gleichwertige Portionsstücke geschnitten. An den Innenseiten werden sie gesalzen, auf der Hautseite mit dem Zitronensaft beträufelt und eingerieben.

Separat wird in einem ¾ Liter Wasser das geputzte, geschälte und gewaschene Gemüse in etwa 2 Zentimeter große Würfel geschnitten mit den Gewürzen zum Kochen gebracht und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt. Die Brotrinde wird ebenfalls mit gekocht. Mitunter wird statt Brotrinde auch Saucen-Lebkuchen verwendet.

Wenn das Gemüse gar ist, wird es mit dem Püriergerät zerkleinert, nachdem man die Gewürze herausgenommen hat.

Jetzt wird in einem Bräter oder in einer Kasserolle die Butter geschmolzen. Darauf kommen die Karpfenstücke und eventuell - so noch vorhanden - ganz obenauf Rogen und Karpfenmilch.

Zum Schluss wird das pürierte Gemüse darauf gegeben und möglichst schnell zum Kochen gebracht. Wenn der Ansatz kocht wird die Hitze reduziert und bei niedriger Temperatur lässt man das Ganze noch eine dreiviertel Stunde ziehen. Danach werden die Fischstücke mit dem Gemüsepüree angerichtet.

Wahrscheinlich nur im Vogtland isst man dazu meist grüne Klöße oder auch Salzkartoffeln und Rotkohlgemüse. Häufig wird der Vogtländer Karpfen aufgewärmt gegessen. Dann soll er ganz besonders gut durchgezogen sein.

Gutes Gelingen!

Den TLZ-Lesern und am Thema Kochen interessierten Menschen möchte ich sehr herzlich für das Verfolgen meiner Beiträge und für ihre Anregungen im Jahr 2013 danken. Mögen die bevorstehenden Weihnachtstage und der Jahreswechsel für alle auch kulinarische Festtage werden.

Gesundheit und Glück wünsche ich Ihnen für das neue Jahr 2014. Zwölf spannende und informative Geschichten zu "Gerichten mit Geschichte" habe ich schon für Sie ausgesucht.

Bleiben Sie neugierig! Ihr TLZ-Koch Herbert Frauenberger

Thüringer Schittchen

Ragout fin

Chateaubriand

Privatkoch Frauenberger (Zentrum des guten Geschmacks)