Zukunftsforum Erfurt: Schnäppchenjagd vom Sofa aus oder Reiz der Altstadt

Das 16. Erfurter Zukunftsforum beleuchtete am Dienstagabend den innerstädtischen Handel in Erfurt im Internet-Zeitalter und die Reaktionen auf die Herausforderung.

Über die Zukunft des innerstädtischen Handels im Zeitalter von Internet-Einkäufen redeten beim 16. Erfurter Zukunftsforum im Mercure Hotel Erfurt Altstadt in der Meienbergstraße (v.l.n.r.): Peter Peterknecht, Inhaber der Buchhandlung Peterknecht, Markus Fels, Einkaufsleiter bei KNV, Knut Bernsen, Geschäftsführer des Thürigner Handelsverbandes und Sebastian Papenbreer, Inhaber des Modehauses Papenbreer, mit dem Moderator und TLZ-Lokalchef Frank Karmeyer. Fotos (5): Marcus Scheidel

Über die Zukunft des innerstädtischen Handels im Zeitalter von Internet-Einkäufen redeten beim 16. Erfurter Zukunftsforum im Mercure Hotel Erfurt Altstadt in der Meienbergstraße (v.l.n.r.): Peter Peterknecht, Inhaber der Buchhandlung Peterknecht, Markus Fels, Einkaufsleiter bei KNV, Knut Bernsen, Geschäftsführer des Thürigner Handelsverbandes und Sebastian Papenbreer, Inhaber des Modehauses Papenbreer, mit dem Moderator und TLZ-Lokalchef Frank Karmeyer. Fotos (5): Marcus Scheidel

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Altstadt. Wie ist es um die Händler in der Innenstadt bestellt, wenn das Einkaufen durch ein paar Klicks einfach und bequem von zu Hause aus erledigt werden kann? Ist der Online-Handel Konkurrenz, Herausforderung oder beides? Vielleicht sogar ein Feld, auf dem sich die Händler neben ihren Geschäften in der Stadt genauso munter tummeln? - Das mittlerweile 16. Erfurter Zukunftsforum befasste sich gestern Abend im Mercure Hotel Erfurt Altstadt mit den Problemen und Chancen für die "Einkaufsstadt" Erfurt. Die TLZ, der Verein "Wir für Erfurt", die WBG Zukunft und das Hotel hatten eingeladen.

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Was die vier Herren im Podium denn zuletzt im Internet eingekauft hätten, wollte Moderator und TLZ-Lokalchef Frank Karmeyer eingangs wissen. Markus Fels als Einkaufsleiter beim Buchgroßhändler KNV, dem größten Buchregal von Europa, das im Norden Erfurts entsteht, machte den Anfang: "Das wird wohl nicht überraschen. Kein Buch, keine DVD, keine CD. Ich bin Weinliebhaber und lege ein klares Bekenntnis für spanische Weine ab, die mir mit der Post ins Haus gebracht werden."

Peter Peterknecht, Inhaber der Buchhandlung Peterknecht, betonte, prinzipiell regional einzukaufen. "Aber ein Dörrautomat war in ganz Erfurt nicht zu haben", bekannte er. Sebastian Papenbreer, Inhaber des Modehauses Papenbreer, war auf der Suche nach einem Bogen für seinen Sohn. Doch das Sportgerät fand er nur im Internet. Und Knut Bernsen, Geschäftsführer vom Handelsverband Thüringen, hatte bestimmte Hotels in Norwegen auf der Wunschliste, die er in hiesigen Reisebüros nicht buchen konnte.

So kamen von allen Antworten, die eines gemeinsam hatten: Sie kauften online ganz spezielle Dinge, die in Erfurt nicht zu haben waren. Den Spaß am unmittelbaren Einkaufen in der Stadt sollten die Menschen nicht verlieren, meinte Gudrun Gießler vom Verein "Wir für Erfurt". Und damit das funktioniert, müssten die Händler kräftig mitmischen.

Peterknecht brach bei der Gelegenheit eine Lanze für den Verein "Buy Local", der sich für regionales Einkaufen auch im Internet einsetzt und inhabergeführte Fachgeschäfte vertritt. "Man kann wirklich fast alles von lokalen Händlern kaufen, auch im Internet", sagt er. Für ihn ist der Handel in der Innenstadt und der im Internet kein Widerspruch. Wie mittlerweile immer mehr Einzelhändler setzt er auch auf einen Online-Shop und verschiedene Internet-Portale.

Das Online-Segment spielt auch für Papenbreer schon länger eine Rolle. Vor allem der Online-Shop für große Größen. Den Reiz der Innenstadt macht für ihn aber die Mischung aus. Sei der Verbraucher nur noch auf der Suche nach dem besten Preis oder dem Schnäppchen? Die Stadt müsse als Ganzes funktionieren. Um Handel attraktiv zu machen, müsse es einen Schulterschluss mit der Gastronomie geben. Die Stadtverwaltung sollte den Rahmen liefern. Weitere Parkhäuser hätten kommen müssen, bevor eine "Begegnungszone" eingerichtet wird. Das Parkplatz-Problem müsse man auch im Wettbewerb zu anderen Städten betrachten. "Macht es uns der Online-Handel schwer oder brauchen wir viel mehr eine andere Willkommenskultur für die Kunden aus dem Umland?", fragt er. Die würden ihre Einkäufe erfahrungsgemäß selten zu den P+R-Plätzen buckeln. Und das Einkaufserlebnis mit dem Essen gehen oder einem Theaterbesuch würden viele gern verbinden.

Für Bernsen stellt sich die Frage, wie man es in Erfurt schafft, sich so aufzustellen, dass mehr Leute aus Weimar kommen oder nicht so viele nach Leipzig zum Einkaufen fahren. "In Erfurt haben wir ein echtes Pfund: Und das ist die Stadt selbst." Verkehrsanbindungen müssten außerdem so funktionieren, dass es Spaß macht, in Erfurt einzukaufen.

Baustellen, vor allem die lange anhaltenden am Anger oder in der Schlösserstraße, machten den Händlern zu schaffen. Doch durchliefen sie die Durststrecke mit der Gewissheit, dass etwas für die Zukunft geschaffen wurde. "Braucht Erfurt aber wirklich so viele Baustellen auf einmal?", fragte Peterknecht, bezogen auf das, was sich auf Einfallsstraßen und um die Innenstadt herum derzeit so alles tut, und schickte eine kritische Frage hinterher, weil ein altes Thema immer wieder auftaucht: die Frage nach erheblichen Erweiterungsplänen des Einkaufscenters im Norden der Stadt. Zudem stellte er die Sinnhaftigkeit mancher Details der "Begegnungszone" in Frage: "Muss wirklich jeder Poller stehen? Hätten es nicht auch Bodenwellen getan, um die Hotels nicht vom Strom abzuschneiden, die durchaus in der Innenstadt verortet seien?"

Keine Angst vor Branchenriesen müssen die regionalen Buchhändler haben, meinte Fels. Der Großbuchhändler KNV arbeitet nicht nur deutschlandweit mit mehr als 6500 Buchhändlern zusammen, sondern ebenso mit Amazon. "Der Handel in den Innenstädten wird in Zukunft nicht ohne den E-Commerce funktionieren", räumte er ein. Doch verfüge die Branche über den Vorteil der Buchpreisbindung. Von der Innenstadt in Erfurt, von den kleinteiligen Strukturen sei er begeistert.

Als es schließlich zu den Fragen aus dem Publikum überging, meldete sich Markus Walloschek zu Wort. Als Rollstuhlfahrer bringt er sich in der AG "Barrierefreies Erfurt" ein und ist auch Mitglied im Behindertenbeirat. Dadurch konnte er nicht nur auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen. "Ich kaufe dort ein, wo ich das barrierefrei tun kann", erläuterte er. "Für Behinderte ist die Gastronomie in Erfurt eine Katastrophe. Und Gastronomie im Zusammenhang mit barrierefreien Toiletten zu finden, ist fast ein Sechser im Lotto", meinte er. Dort, wo bauliche Gegebenheiten den Händlern und Gastronomen ins Handwerk pfuschen, schlug er eine Lösung vor. Der Berliner Verein Sozialhelden habe eine mobile Rampe, spendenfinanziert, mit der Cafébetreiber oder Ladenbesitzer die Rollstuhlfahrer in ihr Geschäft holen könnten. Zur Ansicht hatte er eine solche Rampe dabei. Zum Zukunftsforum konnte er jedoch barrierefrei rollen, auch wenn bei einer Tür genaues Zirkeln angesagt war - die Rampe musste nicht zum Einsatz kommen.

Liveblog zum 16. Zukunftsforum hier nachlesen

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