Verkehrsclub betreibt Ampelanalyse in Jena aus Fußgängersicht

Jena  Lauflust statt Ampelfrust: Die Hilfe der Bürger ist dabei sehr willkommen.

Gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis die Ampel vorm alten Paradiesbahnhof auf Grün umspringt für Fußgänger. Jennifer Schubert und Dr. Mathias Wilde vom Verkehrsclub stoppten für den Ampeltest die Zeit. Foto: Thomas Beier

Gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis die Ampel vorm alten Paradiesbahnhof auf Grün umspringt für Fußgänger. Jennifer Schubert und Dr. Mathias Wilde vom Verkehrsclub stoppten für den Ampeltest die Zeit. Foto: Thomas Beier

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Stehen 20 Autos vor der Ampel, dann spricht man von einem Stau. Bei 20 Fußgängern gilt das als Normalzustand.

Über Dinge zu reden, die Fußgänger an Jenaer Ampeln ärgern, hat sich die Ortsgruppe Jena des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) vorgenommen. Bei einer Ampelanalyse sollen die Bürger mithelfen. Jennifer Schubert und Dr. Mathias Wilde von der Ende 2014 gegründeten VCD-Ortsgruppe Jena freuen sich über die Reaktionen, die ein erster Aufruf in der Zeitung bereits brachte. Menschen kommentierten via Internet die auf einer interaktiven Karte aufgelisteten Ampelstandorte. Überdies kann sich jedermann auch per Mail an jena@vcd.org zu Wort melden.

Problemstellen traten bereits zutage. Zum Beispiel im Bereich Knebelstraße. Hier gibt es Klagen über zu kurze Grünphasen für Fußgänger. An der Paradiesstraßenquerung schaffen es Menschen oftmals nicht, in der Grünphase über die gesamte Straße zu kommen. Fußgänger müssen dann auf der sehr schmalen Mittelinsel ausharren. Nicht ungefährlich ist das vor allem mit Kinderwagen oder Fahrrad.

Der Verkehrsclub nahm bereits Kontakt zu Ampelspezialisten der Stadt auf. Aus dem Gespräch nahm Jennifer Schubert vor allem zwei Dinge mit: Erstens ist die Ampelsteuerung eine ziemlich komplexe und fein abgestimmte Aufgabe. Aber zweitens kann man da viel machen, insbesondere für Fußgänger.

Ein Thema ist die Länge der Sperrzeit, also die Zeit, die Fußgänger längstenfalls vor der roten Ampel warten. Mathias Wilde nennt hier Zahlen, die sich als Maximalwert aus der aktuellen Richtlinie für Lichtsignalanlagen ergeben: maximal 90 bis 120 Sekunden.

Nach den ersten Ampelchecks wurde keine Stelle gefunden, an der Fußgänger länger warten müssen. „Initiativen wie die des Fuß e.V propagieren aber deutlich kürzere Sperrzeiten, maximal 45 bis 60 Sekunden für Fußgänger“, so Wilde. Sich dem anzunähern, müsse das Ziel sein, um die Fußgängerfreundlichkeit einer Ampel zu erhöhen – aber auch als Beitrag zur Verkehrssicherheit, denn bereits ab 30 Sekunden erhöht sich das Rotläufer-Risiko.

Fußgänger sind stärkste Fraktion

Die VCD-Ortsgruppe will die Wortmeldungen der Bürger sammeln, auswerten und dann als Analyse an die Stadt übergeben. „Unsere Eindruck ist, dass Jena insgesamt schon ganz gut dabei ist, was die Umsetzung der zuletzt fußgängerfreundlicheren Richtlinien betrifft“, sagt Jennifer Schubert. Aber dabei könne man natürlich noch kreativer und mutiger sein. Eine interessante Option seien Dunkelampeln, also Fußgängerampeln an schwächer befahrenen Straßen, die sich erst dann einschalten, wenn der Fußgänger eine Querungshilfe benötigt, ansonsten zeigt die Ampel weder Rot noch Grün, sondern ist nach allen Richtungen einfach dunkel. Es gibt auch Überlegungen, das Umspringen von Grün auf Rot für Fußgänger „sanfter“ zu gestalten, zum Beispiel durch ein blinkendes Rotlicht.

Fehlt den Fußgängern in Jena eine Lobby? Für den Radverkehr, den ÖPNV und den Kfz-Verkehr gibt es mittlerweile Stadtrats-Gremien, die als Interessenvertretung fungieren und die Politik mitgestalten. Angebracht wäre ein Fußgänger-Beirat, da Fußgänger den größten Anteil am Modalsplitt in Jena haben, sagt Jennifer Schubert. Aus Sicht des VCD sei es aber sinnvoller, einen Beirat „Mobilität“ zu gründen, um viel stärker miteinander zu reden.

Zur Sache: Das Ampel-Wörterbuch

  • Rundumgrün ist so etwas wie die Grüne Welle für Fußgänger. Es bedeutet, dass an einer Kreuzung die jeweiligen Fußgänger-Grünphasen so geschaltet sind, dass Fußgänger einmal um die Kreuzung laufen können, ohne zusätzlich anhalten zu müssen.
  • Vorlaufgrün meint, dass Fußgänger ein bis zwei Sekunden eher Grün bekommen als der in die Straße einbiegende und wartepflichtige Autoverkehr. Die Fußgänger sind dann schon auf der Straße, wenn Autofahrer Grün sehen, das Unfallrisiko wird reduziert.
  • Gehwegnase: Dabei handelt es sich um eine Fläche, die als Gehwegerweiterung in den Straßenraum gebaut wird, um Fußgängern eine zusätzliche Aufstellfläche zu bieten. Sie verkürzt zugleich die Laufzeit am Überweg.
  • R äumzeit: Sie beginnt, sobald eine Ampel auf Rot umspringt, und endet mit dem Zeitpunkt, an dem die Sperrrichtungen Grün erhalten. Die Räumzeit muss so lang sein, dass Fußgänger den gesamten gesicherten Bereich mit einer Geschwindigkeit zwischen 1,0 und 1,5 Meter pro Sekunde bis zum nächsten sicheren Bereich queren können.

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