Aha-Erlebnis am Jenaer Max-Planck-Institut: Mitteleuropäer haben auch eurasische Ahnen

Das neue Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ist an einer Studie beteiligt, die neue Erkenntnisse über die Herkunft der indoeuropäischen Sprachfamilie liefert und jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht wurde.

Fünffach-Bestattung, gefunden bei Grabungen vor dem ICE-Trassenbau: Die Schnurkeramiker sind eng verwandt mit Viehhirten aus der eurasischen Steppe, die vor 4500 Jahren nach Europa vordrangen und sich hier mit der Vorbevölkerung vermischten. Foto: Landesmuseum Halle

Fünffach-Bestattung, gefunden bei Grabungen vor dem ICE-Trassenbau: Die Schnurkeramiker sind eng verwandt mit Viehhirten aus der eurasischen Steppe, die vor 4500 Jahren nach Europa vordrangen und sich hier mit der Vorbevölkerung vermischten. Foto: Landesmuseum Halle

Foto: zgt

Jena/Leinefelde. Ein internationales Team unter der Leitung der Harvard Medical School Boston/USA und des Australian Centre für Ancient DNA der Universität Adelaide entdeckte durch die Analyse von fossilem Erbgut, dass eine massive Wanderung aus den eurasischen Steppengebieten nach Westen vor etwa 4500 Jahren einen starken Einfluss auf einige indoeuropäische Sprachen gehabt haben muss.

Zu der Sprachfamilie zählen 445 Sprachen, die von drei Milliarden Menschen gesprochen werden. Dazu gehören unter anderem Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Griechisch, Iranisch und Russisch.

Erstautor der neuen Studie ist der promovierte Paläobiologe Wolfgang Haak von der Universität Adelaide. Er wird im Jenaer Max-Planck-Institut, das bis zum Sommer dieses Jahres noch im Aufbau ist, die Forschungsgruppe "Die Besiedlung Europas: Populationsgenetische Untersuchung eiszeitlicher Jäger und Sammler in Europa" leiten. Einer der beiden Institutsdirektoren ist der im Eichsfeld aufgewachsene, 34-jährige Professor Johannes Krause, der in den vergangenen Jahren an der Universität Tübingen einen Lehrstuhl für Paläogenetik aufgebaut hat. Die Tübinger Uni hatte ihn zunächst als Juniorprofessor berufen, nachdem er am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie unter Svante Pääbo mit einer neuen Methode zum Entziffern alter DNA maßgeblich zur Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms beigetragen hatte. Krauses Part bei der neuen Studie, zu deren Autoren er zählt, war ebenfalls das Aufbereiten prähistorischer DNA.

Proben wurden unter anderem von den Universitäten Mainz, Basel und Tübingen, dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt mit Landesmuseum für Vorgeschichte Halle sowie dem Jenaer Institut zusammengestellt. Sie stammten zu mehr als der Hälfte von Skeletten aus Sachsen-Anhalt, wo in den vergangenen Jahren beim Bau von ICE-Trassen, Bundesstraßen und der Autobahn 38 wertvolle Bestattungsneufunde gemacht wurden. Ausgelesen wurden die Gene von über 90 Menschen, die zwischen 3000 und 8000 Jahren vor heute in Europa lebten. Wie Projektleiter Professor David Reich von der Harvard Medcal School berichtet, wurden mehr als doppelt so viele Genome prähistorischer Europäer als bei früheren Studien sequenziert. Ein neues Verfahren ermöglichte, sich auf die betreffenden Teile des Genoms zu konzentrieren.

Bisher tendierte die Fachwelt aufgrund archäologischer Funde dahin, dass der "Urahn" der indoeuropäischen Sprachen bereits mit der Einwanderung der ersten Bauern aus dem Nahen Osten auf zwei verschiedenen Routen vor 9000 Jahren nach Europa gekommen sei. Dem widerspricht die Genetik-Studie mehrfach. Zum einen hätten die vor rund 7500 Jahren in Mittel- und Westeuropa sesshaft gewordenen Bauern nur einen gemeinsamen Ursprung im Nahen Osten. "Die frühen Bauern aus Spanien, Deutschland und Ungarn sind genetisch nahezu identisch", sagt Haak. Die Forscher fanden auch heraus, dass die angestammte Jäger-Sammler-Bevölkerung nicht verschwand und ihr Anteil im Erbgut der Europäer von 6000 bis 5000 vor heute sogar wieder zunahm. Das erkläre sich dadurch, dass es noch lange Zeit auch Jäger-Sammler-Gesellschaften gab und diese allmählich in die Bauerngemeinschaften integriert wurden.

Spannend war nun die Frage, wann und wie später ein kürzlich entdeckter dritter Anteil ins Europäer-Erbgut hinzu kam, der eine große Ähnlichkeit mit den Genen von Sibiriern und den ersten Indianern Amerikas aufweist. "Es war ein echtes Aha-Erlebnis", berichtet Co-Erstautor Iosif Lazardis von der Harvard Medical School. "Der dritte Anteil war in jedem Individuum zu sehen, das jünger als 4500 Jahre war, und in keiner der älteren Proben aus Mitteleuropa." Dies sei ein so starkes "Signal", meint Wolfgang Haak, "dass man fast von einer genetischen Datierung sprechen könnte."

Wie Professor Harald Meller, Direktor des Hallenser Museums, berichtet, passt dieses Ergebnis gut dazu, dass die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramiker und der Yamnaya-Kultur auffällig übereinstimmen. Die Yamnaya waren Viehhirten im Süden Russlands und der Ukraine. Das heißt, dass die Schnurkeramiker im Übergang von Jungsteinzeit zur Bronzezeit mit der dritten Gen-Komponente den zweiten großen Bevölkerungsumbruch markieren. "Und zwar mit einem lauten Hallo", sagt Haak. Lazardis fügt hinzu, dass die Schnurkeramiker aus Sachsen-Anhalt einen genetischen "Steppenanteil" von erstaunlichen 75 Prozent aufweisen. Trotz der Distanz von 2600 Kilometern zu den Yamnaya sähen sie diesen erstaunlich ähnlich. Und beide Gruppen dürften auch eine ähnliche Sprache gehabt haben, weil alle heutigen Nord- und Mitteleuropäer eng mit diesen Steppenhirten verwandt sind und eine indoeuropäische Sprache sprechen. Benannt sind die Schnurkeramiker nach der umlaufenden Verzierung ihrer Keramik durch Eindrücken einer Schnur. Sie lebten im 3. Jahrtausend v. Chr. in Mitteleuropa.

Mit der fächerübergreifenden Deutung archäologischer, sprachlicher und genetischer Daten soll sich im Oktober dieses Jahres, wie Direktor Krause ankündigt, ein Workshop im Jenaer Institut beschäftigen, dessen Labore gerade eingerichtet werden. Das Thema müsse mit Bedacht angegangen werden, sagt der gebürtige Leinefelder. "Allerdings haben wir mit alter DNA endlich die zeitliche und genetische Auflösung, die uns weiterbringen kann" - zu dem Ziel, den genauen Ursprung der Sprachfamilie zu finden. Dabei geht es um die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen aus Europa, Anatolien, dem Kaukasus, Iran und Indien vor 3000 bis 6000 Jahren.

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