Jenaer Forscher untersucht Stress im Mutterleib

"Gesundes Altern beginnt im Mutterleib" ist der Leitgedanke von Professor Matthias Schwabs Forschungen. Der Neurologe des Universitätsklinikums Jena untersucht, wie vorgeburtlicher Stress die Hirnfunktion im Alter beeinflusst. Noch bis 2017 läuft das multinationale Forschungsprojekt "BrainAge".

Mit Elektroden werden Daten erhoben, die Professor Matthias Schwab beim Projekt "BrainAge" auswertet und so Erkenntnisse über die Auswirkungen pränatalen Stresses auf unsere Gesundheit gewinnt. Foto: Universitätsklinikum Jena

Mit Elektroden werden Daten erhoben, die Professor Matthias Schwab beim Projekt "BrainAge" auswertet und so Erkenntnisse über die Auswirkungen pränatalen Stresses auf unsere Gesundheit gewinnt. Foto: Universitätsklinikum Jena

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Professor Schwab, zugespitzt gefragt: Kann man etwa schon altern, bevor man auf die Welt kommt?

Es kommt darauf an, wie man Altern definiert. Es beginnt ja quasi mit der Geburt.

Was genau untersuchen Sie bei "BrainAge"?

Bisher dachte man, dass unsere Gene plus spätere Umwelteinflüsse bestimmen, welche Krankheiten wir im Alter bekommen und wie wir altern. Aber: Frühe Umwelteinflüsse, insbesondere während der Entwicklung im Mutterleib, haben wesentlich größere Auswirkungen auf die Gesundheit im späteren Leben als bisher gedacht.

Wie wird die Gesundheit im Alter schon im Mutterleib beeinflusst?

Es gibt zwei ganz wesentliche Umwelteinflüsse: mangelnde Ernährung in der Schwangerschaft und Stress. Beides beeinflusst ganz wesentlich, für welche Krankheiten im Alter wir eine Veranlagung haben. Das betrifft besonders Herz-Kreislauf- und neuropsychologische Erkrankungen wie Depressionen oder kognitive Störungen.

Welcher Art von Stress ist gemeint?

Es gibt drei Formen: mütterlicher psychischer Stress, physischer Stress für den Fötus zum Beispiel durch Mangelernährung und die therapeutische Gabe von Stresshormonen in der Schwangerschaft.

Man unterscheidet beim mütterlichen Stress nicht zwischen der Ursache, beispielsweise zwischen Stress bei der Arbeit oder Angst vor dem Mutterdasein, weil biologisch beides mit einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen einhergeht. Das Baby ist nicht in der Lage, das Stresshormon Cortisol selbst zu bilden, bis kurz vor der Geburt. Denn das Stresshormon wird letztlich erst ausgeschüttet, wenn das Kind raus will, denn es leitet die Wehentätigkeit ein.

Bei einer Mangelernährung kommen zu wenige Nährstoffe beim Kind an - weil die Mutter zu wenig isst oder das Baby nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird, weil eine Plazenta-Insuffizienz vorliegt - und das sorgt für Stress.

Warum werden Schwangeren Stresshormone verabreicht?

Die Gabe von Stresshormonen führt zu einer Förderung der Lungenreifung des Kindes. Wer von Frühgeburt bedroht ist, wird damit behandelt, damit die Lunge reift, und das Kind, wenn es zu früh zur Welt kommt, atmen kann. Sie sichert damit das Überleben des Babies. Die Stresshormontherapie wird bei zehn Prozent aller Schwangeren angewendet.

Wie wirken Stresshormone auf das Kind?

Nur zehn Prozent des wesentlichen Stresshormons Cortisol gehen von der Mutter auf das Kind über, der Rest wird in der Plazenta weggefangen. Da das Kind aber selbst kein Cortisol bildet, sind schon die zehn Prozent sehr viel.

Wenn ein Kind zu vielen Stresshormonen ausgesetzt ist, werden die erhöhten Stresshormonspiegel als normal angenommen. Das Kind produziert dann zeitlebens vermehrt Stresshormone. Das heißt, ob jemand später einmal stressempfindlich sein wird, weil er vermehrt Stresshormone bildet, liegt nicht in den Genen, sondern wird durch den Stress, den das Baby in der Schwangerschaft hat, programmiert.

Welche Folgen haben zu viele Stresshormone?

Stress ist ja eine Ursache für Depression oder für ADHS. Stress sorgt für Blutdruckerhöhungen, das führt zu kardiovaskulären Erkrankungen im Alter.

Wie aber kann man Stress für Ihre Untersuchungen messen?

Stress wird sehr subjektiv empfunden und lässt sich deshalb schwierig objektiv messen. Manche Schwangeren gehen völlig normal bis zum Mutterschutz arbeiten, für andere ist das Stress. Wer schon während der Schwangerschaft gestresst ist, ist erst recht gestresst, wenn das Kind geboren ist. Weil Stress so subjektiv empfunden wird, untersuchen wir als Modell die therapeutischen Stresshormongaben während der Schwangerschaft.

Warum treten die Folgen von pränatalem Stress erst im Alter auf?

Sie treten schon das ganze Leben über auf. Im Alter aber kommen jedoch Umwelteinflüsse aus dem späteren Leben und eine abnehmende Kompensationsfähigkeit des Körpers hinzu.

Wir, die Kliniken für Neurologie, für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie sowie die Abteilung Geburtshilfe der Frauenklinik, haben Kinder im Alter von neun Jahren untersucht, die Stresshormone bekommen haben, man sieht schon in der zweiten Klasse, dass sie im Vergleich zu ihren Altersgenossen verhaltensauffällig sind. Sie sind nicht krank, aber auffällig.

Der IQ ist im Schnitt zehn Punkte geringer - egal, wie sie aufgezogen wurden. Sie haben eine gestörte Stressreaktivität. Man sieht das also schon während der Entwicklung.

Wie kann man dem vorbeugen? Erzählen Sie einer Schwangeren mal, sie soll nicht gestresst sein, das setzt sie doch nur zusätzlich unter Druck.

Das stimmt. Man kann wenig gegen mütterlichen Stress in der Schwangerschaft machen. Eigentlich hat Stress während der frühen Schwangerschaft die stärksten Effekte, unsere Schwangerschaftsprävention berücksichtigt das kaum.

Wir nehmen die Mütter die letzten sechs Wochen aus dem Arbeitsleben, eigentlich müsste man sie die ersten Wochen herausnehmen. Danach ist es eigentlich schon zu spät. Je weiter ein Kind entwickelt ist, umso weniger sensibel ist es gegen Umwelteinflüsse. Mit Prägung und Erziehung kann man viel wieder gut machen, Mütter sollten jetzt also nicht in Panik verfallen. Unsere Forschung will aber auch erklären, warum wir individuell so unterschiedlich sind.

Wie helfen Ihre Erkenntnisse dann?

Die Lungenreifeinduktion mit dem Stresshormon bei drohender Frühgeburt ist eine lebenswichtige Therapie, die man auch machen sollte, aber wenn man die Nebenwirkungen nicht kennt, ist man versucht, viel zu geben, um einen guten Effekt zu haben.

Wenn man weiß, dass es Nebenwirkungen hat, ist man mit der Gabe vorsichtiger.

Kommen wir noch einmal auf die Mangelernährung während der Schwangerschaft zu sprechen, kann eine Mangelernährung die Entwicklung des Kindes auch direkt beeinflussen, unabhängig vom Stressfaktor?

Wenn die Mutter sich schlecht ernährt oder eine Plazenta-Insuffizienz hat, dann wird das Kind auf Guter-Futter-Verwerter programmiert. Es wird an schlechte Umweltbedingungen adaptiert.

Diese Kinder kommen zeitlebens mit weniger Nährstoffen aus, nehmen also viel leichter zu - dazu müssen sie nicht übermäßig essen, das ist wissenschaftlich erwiesen. Sie haben ein höheres Risiko ernährungsbedingte Erkrankungen zu bekommen wie Adipositas, Diabetes oder Arteriosklerose. Diese Krankheiten sind wiederum Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wenn die Mutter also in der Schwangerschaft eine Diät macht, wird das Kind später immer leichter zunehmen als andere. Daher: Diät ist das ganze Leben lang gut, nicht aber in der Schwangerschaft. Wie schon unsere Großmütter sagten: Man isst in der Schwangerschaft für zwei. Und ein kleines oder leichtes Kind soll man nicht mit Macht groß füttern.

Das Forschungsprojekt ist multinational angelegt. Der Kooperationspartner in Amerika forscht an Affen, warum?

Langzeitwirkungen von Stress in der Schwangerschaft zu erforschen ist schwierig, weil wir so alt werden. Das geht bei Tieren natürlich schneller, Affen werden nicht so alt, und die Effekte sind gut auf den Menschen übertragbar.

Bei der Mangelernährung, deren Folgen für Kinder wir verstehen wollen, geht es nicht um Hunger, sondern um eine moderate Mangelernährung, genauer: 30 Prozent Nahrungsrestriktion - statt drei gibt es also beispielsweise zwei Bananen. Das ist keine Hungerdiät, aber schon da sind die Folgen eine gestörte Hirnentwicklung, kognitive und Verhaltensauffälligkeiten und dicke Kinder.

Ihre Kollegen in Holland verfolgen einen anderen Ansatz.

Genau, die Holländer untersuchen die sogenannte holländische Hungerwinter-Kohorte. Das sind die Kinder von Müttern, die im Winter 1944/45 während ihrer Schwangerschaft durch ein Nahrungsmittelembargo der Deutschen kaum Lebensmittel bekamen. Über Lebensmittelkarten ist dokumentiert, dass die Menschen nur 400 bis 800 Kalorien pro Tag zu sich genommen haben. Diese Kinder haben jetzt im Alter eine erhöhte Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von Depressionen und Übergewicht.

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