Mit Musik gegen Vergessen: Professorin über Musik-Studie für Demenz-Kranke

Jena  Professorin Gabriele Wilz von der Universität Jena leitet die erste deutsche Studie zum Hören von Musik bei Menschen mit mittlerer und schwerer Demenz. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht sie über die Studie, die deutschlandweit ein Novum darstellt.

"Wir sind alle richtig begeistert", sagt Gabriele Wilz über den Verlauf der Musik-Studie. Foto: Esther Goldberg

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Professorin Gabriele Wilz leitet die Abteilung Klinisch-psychologische Intervention am Institut für Psychologie der Universität Jena. In ihrer Forschungsambulanz unterstützt sie pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Derzeit läuft unter ihrer Leitung deutschlandweit das erste Mal ein Forschungsprojekt "Individualisierte Musik für Menschen mit Demenz".

Wie sind Sie auf die Idee mit der Lieblingsmusik für demente Menschen gekommen?

Im Rahmen meines Forschungsfreisemesters, das ich vor allem in New York verbracht habe, habe ich erfahren, wie Musik auf Menschen mit Demenz wirken kann. Als ich an mein Institut zurückkam, entschied ich mich, auch in Deutschland eine solche Forschung voranzubringen. Ich erlebte in New York, dass individuell bedeutsame Musik vielfältige, positive Wirkungen auf Menschen mit Demenz haben kann. Beispielsweise belebend, Erinnerungen werden wieder wach, Erleben von Freude oder auch Beruhigung.

Worauf haben Sie bei der Vorbereitung der Studie geachtet?

Zunächst mussten wir natürlich ein Pflegeheim finden, das mit uns gemeinsam die Möglichkeiten für das Projekt einräumt. Das ist uns mit dem Sophienhaus in Weimar gelungen. Anschließend haben wir mit den Angehörigen gesprochen, ob sie diesem Projekt zustimmen. Denn ohne sie wäre das nicht möglich gewesen, wir brauchten ihre Hilfe. Und zwar nicht nur deshalb, weil sie als Vormund ihr Einverständnis geben ­mussten.

Worin besteht diese Hilfe?

Beispielsweise benötigen wir eine ganz individuelle ­Musik-Hitliste des kranken Menschen, der sich mit uns ja nicht mehr verständigen kann. Die Ehefrau oder der Ehemann kennen den Pflegebedürftigen am besten. Die Angehörigen haben uns viele Vorschläge gemacht, die von Klassik über Glenn Miller und Peter Alexander bis zu den Beatles, Elvis und Volksmusik reicht.

Wie oft spielen Sie diese Musik vor?

Als wir mit zehn an Demenz erkrankten Menschen die Studie gestartet haben, spielten wir alle zwei Tage die Musik für je eine halbe Stunde über vier Wochen. Jetzt gibt es diese Titel zweimal in der Woche. Wir sind fünf Wissenschaftlerinnen und das Team des Sozialen Dienstes des Sophienhauses, die mitwirken. Während die Musik läuft, beobachten wir jeweils zu zweit, wie die Menschen reagieren.

Warum tun Sie das als Dopplung?

Wir versuchen so, unsere Beobachtungen zu objektivieren.

Und wie ist Ihr erster Eindruck?

Wir sind alle richtig begeistert. Natürlich reagiert jeder Mensch anders. Aber einer der Bewohner im Sophienhaus, der eine mittelschwere Demenz hat und seit Jahren schon schwer depressiv ist, hat auf die Musik unglaublich reagiert. Er ist seither in ungleich besserer Stimmung und meinte, er brauche nichts mehr, nur noch diese Musik. Eine andere Bewohnerin erzählt plötzlich ganz viel aus ihrer Biografie. Selbst jene, die gar nichts mehr sagen können, bekommen entspannte Gesichtszüge. Wir haben bislang keine negativen Reaktionen beobachtet.

Wann wird die Studie beendet sein?

Noch bis Ende Oktober werden wir eine weitere Gruppe von zehn Menschen mit Demenz in die Studie einbeziehen. Danach werten wir bis zum Jahresende alle Daten aus.

Und die Menschen sind demzufolge wieder ohne Musik?

Wir wollen den Angehörigen anbieten, dass sie die Geräte, Kopfhörer und individuelle Playlisten erhalten und somit die positiven Folgen für die Erkrankten auch nach der Studie fortsetzen können. Zudem plant das Sophienhaus, das Musikangebot regelhaft im Hause zu eta­blieren.

Wenn die positiven Reaktionen anhalten, scheint eine Möglichkeit für mehr Lebensqualität gefunden. Aber wer soll das bezahlen?

Es stimmt schon, dass es für das Pflegepersonal beziehungsweise den Sozialen Dienst einen zusätzlichen Aufwand gibt. Man kann ja auch nicht nach der halben Musikstunde einfach aus dem Zimmer gehen. Einige der Teilnehmenden sind aufgewühlt und sollten nicht allein gelassen werden. Da liegt also schon jetzt die Vermutung sehr nahe, dass mehr Lebensqualität auch mehr Personal verlangt. Doch darüber jetzt schon zu reden, wäre nicht seriös und verfrüht.

Gilt die Chance auf mehr Leben dank Musik auch für Menschen, die zu Hause gepflegt werden?

Das wollen wir ebenfalls in einer Studie prüfen und haben einen entsprechenden Förderantrag bei der Deutschen Alzheimergesellschaft gestellt. Im Juli werden wir hoffentlich erfahren, ob wir tatsächlich diese Studie mit 100 pflegenden Angehörigen durchführen dürfen. Wenn die Förderung bewilligt wird, werden wir mit dieser Studie im Spätherbst beginnen können.

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