Sehnsucht nach und Angst vor der Wildnis: Jenaer Experten klären auf

Vom "bösen Wolf" und wie die Angst vor dem Unbekannten unser Leben kontrolliert.

Ein Jungtier aus einem Sechslingswurf geht in Berlin im Tierpark neben einem älteren Wolf. Angst braucht man vor den Tieren nicht zu haben, denn sie sind nicht grausam, hinterlistig und heimtückisch wie im Märchen. Foto:Archiv/Johannes Eisele

Ein Jungtier aus einem Sechslingswurf geht in Berlin im Tierpark neben einem älteren Wolf. Angst braucht man vor den Tieren nicht zu haben, denn sie sind nicht grausam, hinterlistig und heimtückisch wie im Märchen. Foto:Archiv/Johannes Eisele

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Jena. Wer kennt es nicht? Das Gefühl, wenn sich der Magen zusammenzieht und die einzelnen Gliedmaßen langsam zu zittern anfangen. Eine innere Panik macht sich breit, jeder Atemzug wird zur Belastung. Angst ist genauso natürlich wie seltsam. Obwohl man seine Ängste oft überwinden möchte, sind sie wichtig und können uns vor brenzligen Situationen schützen.

Erfahrungen, die ein Leben lang bleiben

"Die Angst schützt uns Menschen davor, uns nicht über unsere Grenzen hinwegzusetzen", sagt Wolfgang Miltner, Professor am Institut für Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dabei kommt es bei einer Angst nicht nur auf die Situation alleine an, sondern immer auch darauf, wie der einzelne mit der Situation umzugehen weiß. Jeder Mensch kann Bewältigungsfähigkeiten entwickeln, mit der Angst umzugehen. "Ein Mensch, der mit fünf Löwen in einen Käfig gesteckt wird, hat wahrscheinlich mehr Angst als ein Dompteur, der sich darauf jahrelang vorbereitet hat", sagt Miltner. Die Situation alleine löst meist keine lähmende Angst aus, vielmehr ist es die fehlende Bewältigungsfähigkeit. "Wenn man nicht weiß, was man machen soll, kann das ungute Gefühl zur panischen Angst werden", sagt Miltner.

Eine Situation in der man bereits schlechte Erfahrung gemacht hat, kann außerdem immer wiederkehren. Ein Geräusch oder ein einzelner Gegenstand einer früheren Angstsituation kann später wieder Angst auslösen und einen in die frühere Angst quasi zurück schleudern. Allerdings spielen neben der eigenen Erfahrung auch Einflüsse von außen eine große Rolle.

So können auch Erfahrungsberichte von Bekannten, oder Informationen aus den Medien Ängste auslösen und schüren, obwohl man selbst eine ähnliche Situation noch nie erlebt hat. Die Angst vor Wölfen lässt sich unter anderem dadurch erklären. Auch wenn der Wolf wieder Einzug in die heimischen Wälder hält, begegnet sind ihm bisher die wenigsten, und kaum jemand hat selbst negative Erfahrungen mit ihm machen müssen.

Dass die Wölfe eher scheu sind und eher vor dem Menschen Angst haben als umgekehrt, spielt für das öffentliche Bild des Wolfes als gefährliches Wesen kaum eine Rolle. Immer noch dominiert das in der Kindheit erzählte Märchen vom bösen Wolf sein öffentliches Bild - durchaus mit negativen Auswirkungen auf das spätere Leben. "Reize oder Erfahrungen, die man in der Kindheit gemacht hat, auch solche, die man aus schrecklichen Märchen und anderen Geschichten vermittelt bekam, sind oft prägender, als manch schreckliches Ereignis zu einem späteren Zeitpunkt", sagt Miltner.

Die Wildnis ist dem Menschen fremd

Die "sehr pädagogische Funktion von Märchen" bestätigt auch Friedemann Schmoll, Professor an der FSU und Inhaber des Lehrstuhls für Volkskunde. Für die Angst vieler Menschen vor Wölfen sieht er vor allem historische Gründe.

"Durch den Einzug der Wölfe als wildlebende Raubtiere werden wir Menschen mit der Wildnis konfrontiert. Diese kennen wir hier gar nicht mehr", sagt Schmoll. In der sehr langen Beziehungsgeschichte von Mensch und Wolf sieht der Volkskundler vor allem eine "Ambivalenz von Sehnsucht und Angst". Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Wolf in Deutschland nahezu endgültig ausgerottet. "Wir sprechen von einer Zeit, in der es keinen Naturschutz gab, sondern man sich selbst vor der Natur geschützt hat", sagt Schmoll.

Bis zum Mittelalter pflegten Mensch und Wolf ein friedliche Koexistenz, doch je mehr sich die Menschen ausbreiteten, desto mehr kam man sich in die Quere. Während die Natur immer mehr besiegt wurde, drängte sich schnell Trauer zu diesem "Triumph". Geschichten vom "bösen Wolf" entstanden. Doch wieso gerade der von Natur aus eher scheue Wolf? "Der Wolf gleicht in vielen Belangen dem Menschen. Er ist ein Raubtier und Nahrungskonkurrent des Menschen, intelligent und in einem gut organisierten Rudel unterwegs", sagt Schmoll. So war der Weg nicht weit, dem Tier alle Eigenschaften anzuhängen, die der Mensch an sich selbst entweder nicht akzeptieren kann, oder sehen möchte. "Grausamkeit, Hinterlist und Heimtücke symbolisieren den Wolf in vielen Märchen", sagt Schmoll.

Die Sehnsucht nach der Wildnis spiegelt sich jetzt auch in dem Bemühen wieder, den Wolf in Deutschland einen Lebensraum zu geben. Während beispielsweise in Brandenburg immer mehr Menschen das Bundesland verlassen, fühlt sich der Wolf bereits ziemlich wohl. "Wir leben in einer Generation, die ein immer distanzierteres Verhältnis zur Natur hat", sagt Schmoll. "Denn heute", so Schmoll, "ist die Natur nicht etwas Bedrohliches, sondern viel mehr etwas Bedrohtes".

Naturschutzprojekt in Jena: Nominiert für den größten Umweltpreis Europas

Experte aus Jena erklärt: Wie groß ist die Abhörgefahr für private Handys?

Forschung in Jena: 'Wölfe in Thüringen - vom Gejagten zum Kulturgut'

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.