Smartphone beeinträchtigt Hirnentwicklung

Weimar/Ulm.  Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer: Für das Lesenlernen ist mit der Hand schreiben wichtig.

Schüler arbeiten in einem Klassenraum einer Grundschule an Computern: Das soll in Zukunft in vielen Einrichtung schon bei den Unter-Zehnjährigen der Fall sein. Allerdings gibt es von ärztlicher Seite gute Gründe, Kinder auf hergebrachte Weise Lesen und Schreiben beizubringen.

Schüler arbeiten in einem Klassenraum einer Grundschule an Computern: Das soll in Zukunft in vielen Einrichtung schon bei den Unter-Zehnjährigen der Fall sein. Allerdings gibt es von ärztlicher Seite gute Gründe, Kinder auf hergebrachte Weise Lesen und Schreiben beizubringen.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Lesen und Schreiben: Das sind die zentralen Schlüssel zum Bildungserfolg. Aber wie viel Buch muss bleiben und wie digital darf es werden, wenn der Nachwuchs in Zukunft lesen und schreiben lernt? Zu solchen Fragen nimmt der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer Stellung. Er ist der Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm.

Die Digitalisierung der Schulen ist ein großes Thema. Wo sehen Sie Nutzen, wo droht Schaden?

Vor mehr als zehn Jahren haben wir eine Studie durchgeführt, die zeigen konnte, dass eine gute Mathematik-Software, die dem Lehrer Arbeit abnimmt und dem Schüler automatisch Aufgaben stellt, die dessen Kenntnisstand entsprechen, positive Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler hatte.

Wichtig zu wissen: Der Effekt zeigte sich vor allem bei ohnehin schon guten Schülern. Dies ist die einzige mir bekannte Studie zu positiven Auswirkungen von Internet und Computern an Schulen. Die Gehirnentwicklung wird durch Smartphones beeinträchtigt: Grob- und Feinmotorik, Sprache, Aufmerksamkeit und soziale Fähigkeiten müssen von einem jungen Gehirn gelernt werden. Im Grundschulalter zeigte eine erst kürzlich in den USA publizierte Untersuchung von etwa 4500 Acht-bis Elfjährigen: die Entwicklung des Denkvermögens wird beeinträchtigt. Bei Jugendlichen gilt: Man kann Mitgefühl nicht vom Bildschirm lernen, sondern nur durch reale Sozialkontakte. Es gibt sehr viele Studien zu den negativen Auswirkungen der Digitalisierung von Schulen. Die Datenlage ist so klar und eindeutig, dass man nicht versteht, warum man jetzt Schulen digitalisiert, denn nach allem, was wir dazu wissen, schadet dies dem Lernen deutlich.

Mir geht es so, dass ich Stichworte, die ich per Hand aufgeschrieben habe, später abrufen kann und kaum in meinem Block nachschauen muss. Wie wichtig ist die Ausprägung der Schreibschrift?

Schreiben ist besser als Tippen, wenn es darum geht, sich etwas zu merken – dies ist nachgewiesen. Auch Lesen lernt man unter anderem durch Schreiben, weil dann die Feinmotorik am Lernen beteiligt ist. Wischt man nur über eine eigenschaftslose Oberfläche, wird die Hand sensorisch und motorisch nicht trainiert, was sich nicht nur auf die Fähigkeiten der Hand, sondern sogar auf die Entwicklung des Denkvermögens nachweislich negativ auswirkt.

Kein Smartphone für Kinder unter elf Jahren, heißt es neuerdings. Wo liegt die Gefahr – und wo die die Altersgrenze?

Kinderärzte sagen das mittlerweile, und ich denke, dass diese Empfehlung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Zugleich ist sie aber auch nur der Anfang, denn auch Kinder und Jugendliche über elf Jahren werden durch Smartphones in ihrer Gesundheit und Bildung stark beeinträchtigt. Die Ergebnisse einer großen, von deutschen Kinderärzten durchgeführten Studie zeigen beispielsweise: Bei Kindern und Jugendlichen besteht die besondere Problematik, dass sich ihr Gehirn noch in Entwicklung befindet und dass das Smartphone diese Entwicklung beeinträchtigt. Schon bei Einjährigen kommt es – durch die Smartphone-Nutzung der Mütter beispielsweise beim Stillen – zu vermehrtem Schreien, vor allem nachts, und damit zu Schlafstörungen bei Mutter und Kind. Dann – im Alter von zwei bis fünf Jahren – wird durch Bildschirm-Medien die Sprachentwicklung gestört, es kommt zu Aufmerksamkeitsstörungen, die sich dann ungünstig auf die schulische Entwicklung auswirken.

Und bei Jugendlichen?

Da kommt es zu Stress mit all seinen ungünstigen Auswirkungen. Smartphones verursachen Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Demenz, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, Diabetes, Bluthochdruck und ein erhöhtes Risikoverhalten beim Geschlechts- und Straßenverkehr: Die Nutzung von sogenannten Geo-social Networking Apps fördert täglich millionenfachen Gelegenheitssex und damit eben auch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Was den Straßenverkehr anbelangt, so wissen die wenigsten Menschen, dass Smartphones mittlerweile bei jüngeren Verkehrsteilnehmern den Alkohol als Unfallursache Nummer 1 abgelöst haben.

Wer hat eigentlich am meisten von einer digitalisierten Grundschule: die Mädchen und Jungen, das pädagogische Personal, die Eltern oder womöglich doch vor allem die Hard- und Software-Lieferanten?

Die Industrie. Die reichsten Firmen der Welt werden auf Kosten der Gesundheit und Bildung unserer Kinder noch reicher.

Digitale Dörfer sind jetzt das große Thema. Auf diesem Weg soll auch das Problem mit den mangelnden Landärzten angepackt werden, indem beispielsweise der kranke Senior dann per Skype mit dem Arzt spricht… Was bedeutet das für das Arzt-Patienten-Verhältnis?

Schon früher konnte man seinen Arzt anrufen, wenn man nur eine Frage hatte. Wenn aber Untersuchungen gemacht werden oder komplexe Themen besprochen werden müssen, braucht es einfach den realen Kontakt. Der ist durch nichts zu ersetzen. Betriebswirtschaftler bemängeln, dass er nicht „skalierbar“ sei. Aber so ist das eben mit Menschen im Vergleich zu Maschinen.

Wo sehen Sie Chancen durch die Digitalisierung, die ja sicherlich auch in Ihrem Berufsumfeld eine immer größere Rolle spielt?

Lässt man einmal allen Hype weg, so gilt ganz einfach: Als Arzt und Wissenschaftler nutze ich digitale Informationstechnik täglich als Werkzeug. Dagegen spricht überhaupt nichts.

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