Berlin. Seit Langem wird über den richtigen Zeitpunkt für eine ukrainische Offensive spekuliert. Auf was oder wen warten die Militärs bloß?

Alle reden über sie. Über die Gegenoffensive. Militärexperten rätseln darüber, wann die Ukraine so weit ist, wo ihre Truppen zuschlagen könnten¸ wie klein der Kreis um Präsident Wolodymyr Selenskyj und Armeechef Walerij Saluchnyj ist, der ihn kennt: Den genauen Termin. Lesen Sie auch: Vor Ort: Hier trainiert die Ukraine für ihre Gegenoffensive

Hanno Pevkur ist der Verteidigungsminister Estlands. Er sagt: “Das größte Hindernis für die Gegenoffensive ist das Wetter.“ Er meint damit die Schlammsaison. Im Winter ging es um die Frage, wem die Kälte mehr zusetzte – nach dem Winterelend setzt nun der Schlamm beiden Seiten zu.

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Auf Twitter findet man vieler solche Videos oder Bilder. Tiefer schlammiger Boden behindert mechanisierte Vorstöße. Truppentransporter, Artilleriegeschütze und zumindest Radpanzer würden im weichen Morast womöglich steckenbleiben. Ein Erfolgsfaktor für eine Offensive ist aber die Geschwindigkeit, das Tempo. Wer sich die maximalen Erfolgschancen bewahren will, muss sich in Geduld üben und warten. Lesen Sie auch: Masala über den Krieg: "Russische Offensive ist gescheitert"

Frühlingsoffensive: Warten auf ein Ende der Schlammsaison

Eine banale, aber nicht ganz falsche Antwort auf die Frage nach dem richtigen Starttermin lautet: Sobald das Wetter es erlaubt. Ist der Boden trocken und hart, ist auch der Transport von größeren Lasten wieder möglich. Aber nur dann. Befehlshaber Saluschnyi wird auf die Meteorologen hören müssen.

"Verdammt.“ David Helms klingt zerknirscht. Es ist ein Monat her, dass er eine Befahrbarkeitsprognose gemacht hat. Damals ging der Amerikaner von einem "normalen“ Frühlingsregen aus. Das sei "zu optimistisch“ gewesen, erkennt er inzwischen. Der April kam und mit ihm neuer Regen. Eigentlich jeden Tag. Allein in den letzten zwei Wochen fiel so viel Regen wie in einem ganzen Monat.

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Ukraine-Krieg: "Rasputiza" wurde schon vielen Feldherren zum Verhängnis

Helms kümmerte sich ein halbes Leben ums Wetter, früher für die US-Air Force. Als Pensionär verfasst er heute auf Twitter für die Ukraine klimatische Prognosen und Analysen, die er in zeitlichen und geographischen Go- oder No-Go-Phasen für die verschiedenen Fahrzeuge kategorisiert – ein Wetterbericht mundgerecht für die militärischen Entscheidungsträger. Das könnte Sie interessieren: Putin nervös: Bringt ukrainische Offensive die Kriegswende?

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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"Rasputiza" nennt man in der Ukraine die Schlammsaison, jene Wochen im Jahr, in denen Regenfälle im Herbst oder auch das Tauwetter im Frühjahr die Erde in tiefen Matsch verwandeln. Man kann natürlich Militäroperationen auf asphaltierte Straßen verlagern. Aber dann müssen die Fahrzeuge in Kolonnen auf den Verkehrsachsen voranrücken, wo sie ein leichtes Ziel abgeben. Auch interessant: Wirbel um Video im Netz: Drohne prallt einfach am Gepard ab

Vor einem Jahr hat "Rasputiza" den Einmarsch der russischen Truppen behindert – und jetzt der Ukraine eine frühere Offensive verhagelt? Schon Napoleons Truppen wurden im Herbst 1812 bei ihrem Rückzug aus Russland vom Herbst aufgehalten (und vom Winter eingeholt); ebenso der Vormarsch der Wehrmacht Richtung Osten im Zweiten Weltkrieg.

Aktuell macht Helms der Ukraine leichte Hoffnung. Für die erste Maiwoche sah er zumeist trockenes, sonniges Wetter mit geringer Luftfeuchtigkeit voraus. Wenn das eintritt und anhält, wird die Frühjahrsoffensive von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Vielleicht noch im Mai, vielleicht auch erst im Juni. Das könnte Sie auch interessieren: 86 Tote für 120 Meter: So grausam ist Putins Kriegsführung

Armeechef Saluschnyj könnte die Verzögerung als Zeitgewinn betrachten: für das Training seiner Soldaten, aber auch für ihre Ausrüstung. Ende letzten Jahres hatte er den Bedarf von Kampfpanzern mit 300 taxiert. Bisher soll er nach Angaben von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg etwa 230 von seinen westlichen Partnern bekommen haben.

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Es herrscht also durchaus noch einen Mangel an Waffen und Munition. Wobei: Vielleicht wichtiger noch als die schiere Zahl könnte der Technologieboost sein: Westliche Panzer können weiter als russische Panzer schießen und diese aus der Ferne zerstören. Zumal sich die Berichte häufen, dass Russland jahrzehntealte Panzer in die Schlacht wirft. Lesen Sie dazu: Putin sorgt mit Sperrmüll-Panzern für Lacher im Netz

Ukraine-Krieg: Auch Putins Soldaten treffen ihre Vorkehrungen

Fürs Erste dürften Aufbau, Ausrüstung und Ausbildung von zwölf Kampfbrigaden abgeschlossen sein. Das konnte man geleakten geheimen Pentagon-Dokumenten entnehmen. Jede Brigade umfasst bis zu 4000 Soldaten mit allem, was dazugehört: mit Kampfpanzern, Schützenpanzern, Mannschaftswagen.

Viele Beobachter halten einen Angriff im Süden des Landes für naheliegend. Das Ziel bestünde darin, von Saporischja ans Asowsche Meer vorzustoßen. Dadurch könnte die Landverbindung zwischen Russland und der Halbinsel Krim gekappt werden. Die besetzten Gebiete würden in zwei Teile zerfallen. Das wird dann nach Ansicht des Militärökonomen Marcus Matthias Keupp, der an der Militärakademie der ETH Zürich lehrte, "der Moment sein, wo sich die russische Niederlage abzeichnet“, wie er der "Neuen Züricher Zeitung" sagte.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Zuletzt häuften sich – auf beiden Seiten – die Angriffe auf Versorgungsstandorte. Auffällig ist auch, dass die ukrainischen Angriffe auf das russische Aufklärungsradar zugenommen haben. Die Analysten der OSINT-Plattform Molfar sammelten bestätigte Informationen über durch die Ukraine zerstörte oder erbeutete elektronische Kriegssysteme, insbesondere mobile Radar- und Störsysteme. Sie registrierten bereits in März einen Anstieg. Ein typischer Hinweis darauf, dass eine Offensive vorbereitet wird. Lesen Sie dazu: Raketenangriffe auf Zivilisten – Sabotage in Russland

Allerdings wissen auch die Soldaten von Kremlchef Wladimir Putin die Wartezeit bis zum Ende von "Rasputiza" zu nutzen. Die Russen bauen Schützengräben, Panzerbarrieren und Minengürtel weiter aus. Trotzdem kommt der US-Militärexperte Michael Kofman im Magazin "Foreign Policy“ zu einer eindeutigen Einschätzung zur weiteren Entwicklung im Ukraine-Krieg: "Je länger die Ukraine zuwartet, desto höher sind die Erfolgschancen.“ Armeechef Saluschny muss warten und dem richtigen Wetterfrosch vertrauen. Das könnte Sie auch interessieren: Panzer-Unfall in Polen: Geköpfter Leopard löst Debatte aus