Berlin. Der Militärexperte Christian Mölling sieht Moskau hinter der Staudamm-Sprengung. Aber: Das habe keine Auswirkung auf den Kriegsverlauf.

Der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sieht Russland hinter der Sprengung des Staudamms in der Südukraine. „Die Russen wollen die ukrainische Gegenoffensive durcheinanderbringen, die an einigen Stellen zu wirken beginnt“, sagte Mölling unserer Redaktion. „Wenn es die Ukrainer gewesen wären, würde das zudem die Unterstützung durch den Westen gefährden. Das wäre kontraproduktiv.“

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Für die ukrainische Offensive sei die Sprengung des Staudamms „ein Stolperstein, aber es ist weder ein ‘Gamechanger’ noch eine Eskalation. Ich sehe keine strategischen Auswirkungen auf den Verlauf oder das Ergebnis des Krieges“, fügte Mölling hinzu. Durch die Überflutung müssten nun weniger russische Soldaten auf der Ostseite des Dnipro-Flusses präsent sein, wo Moskau einige Tausend Kräfte in festen Verteidigungsstellungen stationiert habe.

„Russland kann Kräfte an andere Frontabschnitte im Osten verteilen“

„Eine Überquerung des Flusses durch ukrainische Soldaten wird in den nächsten Tagen oder Wochen nicht möglich sein. Dadurch kann Russland einige Kräfte an andere Frontabschnitte im Osten verteilen: Für die Ukraine wird die Gegenoffensive dadurch schwieriger“, betonte Mölling. „Allerdings können auch die Russen nicht ermessen, wie die taktische Lage vor Ort in drei oder vier Wochen aussieht. Stehen sie dann besser oder schlechter da? Denn die Flutwelle ist relativ schnell durch.“

Es sei unwahrscheinlich, dass ein Vorstoß über den Dnipro im Zentrum der ukrainischen Gegenoffensive stehe, unterstrich der Militärexperte. „Aber Entlastungsangriffe waren sicher geplant, um russische Truppen dort zu binden, die dann an anderer Stelle fehlen.“ Die Ukrainer suchten durch ihre derzeitigen Angriffe den Schwachpunkt in den russischen Verteidigungslinien.

Entscheidend seien aber nicht nur die Stärke der gegnerischen Truppen an einem Frontabschnitt, sondern auch, wie sie versorgt würden. „Wenn die Soldaten von den Nachschublinien abgeschnitten sind, haben sie irgendwann keine Munition mehr. Sie sind buchstäblich leergeschossen und müssen aufgeben. Beide Seiten betreiben zunächst „shaping operations“ – sie versuchen, das Schlachtfeld vorzubereiten, bevor sie in das Gefecht eintreten“, erklärte Mölling.

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