Mexiko-Stadt/Berlin. Der Amazonas-Regenwald leidet seit Jahrzehnten. Doch es ist nicht zu spät für konkrete Schritte zur Rettung – auch von Deutschland aus.

Ein Gebiet, anderthalb mal so groß wie das der Europäischen Union, und eines der vielfältigsten Ökosysteme der Welt: Der Amazonas-Regenwald in Südamerika ist einzigartig. Doch er ist auch stark bedroht. Zum ersten Mal seit 14 Jahren hatten sich deshalb bis Mittwoch die acht Anrainerstaaten des Waldes im brasilianischen Belém do Pará getroffen, um über seinen Schutz zu beraten.

Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Peru, Surinam und Venezuela verabschiedeten nach brasilianischer Einschätzung eine „neue und ehrgeizige gemeinsame Agenda“ zur Rettung des Regenwaldes. Umweltorganisationen dagegen kritisieren die Beschlüsse als zu schwach. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Zustand und zur Zukunft des Waldes.

Wie geht es dem Amazonas-Regenwald?

„Nicht gut“, sagt Niklas Boers, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der Wald leide an zwei „Krankheiten“: zum einen am menschengemachten Klimawandel, der zur Veränderung der Niederschlagsmuster und dem verstärkten Auftreten von Dürren führe. Und zum anderen an der veränderten Landnutzung, also an Rodungen für Landwirtschaft und illegale Minen.

Der Schaden durch diese beiden Probleme „hat uns bereits 26 Prozent der gesamten Fläche des ursprünglichen Amazonas-Gebiets gekostet“, erklärt Boers. Und schon bei 25 bis 30 Prozent, schätzt die Wissenschaft, könnte ein Kipppunkt erreicht sein, der zum unumkehrbaren Niedergang des Waldes führt.

Der Amazonas-Regendwald ist ein einzigartiges Ökosystem – und sein Überleben wichtig für die gesamte Welt.
Der Amazonas-Regendwald ist ein einzigartiges Ökosystem – und sein Überleben wichtig für die gesamte Welt. © dpa | Filipe Bispo Vale

Auch jene Teile des Waldes, die noch da sind, leiden. Boers und sein Team konnten mit Satellitendaten zeigen, dass etwa 75 Prozent des noch erhaltenen Waldgebiets in den vergangenen zwei Jahrzehnten an Resilienz eingebüßt haben. Der Wald erholt sich dort langsamer von Störungen wie Bränden. Der Verlust an Widerstandskraft ist stärker, wo es ein größeres Wasserdefizit gibt – und je näher man an menschliche, per Satellit wahrnehmbare Aktivitäten heranrückt.

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Amazonas-Regenwald: Was passiert, wenn der Kipppunkt erreicht ist?

Der Amazonas-Regenwald ist zentral für das Niederschlagssystem Südamerikas. Der Wald gibt viel Feuchtigkeit in die Atmosphäre ab. „Dadurch, dass er steht, wo er steht, regnet es dort mehr als wenn es den Regenwald nicht gäbe“, sagt Boers. Gleichzeitig braucht der Wald diesen Regen auch, um sich zu erhalten.

„Wird der Wald durch Abholzung zu klein, kann er nicht mehr in dem Maß Feuchtigkeit in die Atmosphäre bringen, die er für den Selbsterhalt benötigt.“ Für das Ökosystem wäre es der Beginn des Zusammenbruchs, der Wald würde zur Savanne. „Damit gäbe es auch die Bedingungen nicht mehr, unter denen ein Regenwald wachsen kann“, erklärt Boers. „Das ist ein Prozess, den man wahrscheinlich nicht umkehren kann.“

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Mit Folgen für den ganzen Subkontinent. Denn der Amazonas erzeugt ein Tiefdruckgebiet, das mit seiner Sogwirkung die Passatwinde vom Atlantik verstärk. Die wiederum würden Feuchtigkeit vom Meer bringe, erklärt Boers. „70 Prozent eines Regentropfens, der am Fuß der Anden niedergeht, sind schon mal durch einen Baum im Amazonas gegangen.“ Doch weniger Bäume bedeuten auch weniger Niederschlag. Zu spüren wäre das vor allem im südöstlichen Amazonas und weiter Richtung Süden in Richtung des La Plata-Beckens.

2022 verlor der Amazonas-Regenwald allein in Brasilien tausende Quadratkilometer Fläche – im Bild ein verbranntes Waldstück bei Apui.
2022 verlor der Amazonas-Regenwald allein in Brasilien tausende Quadratkilometer Fläche – im Bild ein verbranntes Waldstück bei Apui. © AFP | STR MICHAEL DANTAS

Global betrachtet ist der Wald einer der wichtigsten Speicher für CO2 und trägt so dazu bei, das Klimasystem der Erde zu stabilisieren. Doch auch diese Funktion ist in Gefahr – der östliche Teil des Waldes ist inzwischen so stark beschädigt, dass er netto kein CO2 mehr aufnimmt, sondern selbst emittiert. Würde das gesamte Ökosystem kippen, würde das weltweit 0,3 Grad Erwärmung zusätzlich bedeuten.

Ob der Kipppunkt bereits erreicht ist, lässt sich kaum sagen. Der Prozess selbst würde wohl Jahrzehnte dauern, sagt Boers, und auch nicht in allen Teilen des Gebiets gleich schnell ablaufen. „Es kann gut sein, dass man in Teilen des Amazonas schon in dieser Entwicklung ist, aber das wissen wir nicht.“

Was wurde in Belém do Pará zum Schutz des Amazonas beschlossen?

Anstelle des erhofften großen Wurfs klingen die Beschlüsse eher nach Minimalkonsens: Gemeinsames Handeln, regionale Kooperation und unbedingte Vermeidung des Umkippens der grünen Lunge des Planeten – das ist in etwa alles, worauf sich die Länder verständigen konnten. Aber wo es um Abholzung und fossile Brennstoffe geht, blieb es bei Floskeln.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Brasilien und Kolumbien hatten versucht, die Länder hinter dem Ziel zu vereinen, die Abholzung bis 2030 auf Null zu reduzieren, doch ohne Erfolg. Das Abschlusspapier überlässt es den einzelnen Ländern, ihre individuellen Abholzungsziele festzulegen. „Der Ehrgeiz und die Verbindlichkeit fehlen bei den Ergebnissen“, sagt Roberto Maldonado, Südamerika-Experte der Naturschutzorganisation WWF. Es gebe keinen Aktionsplan für den Kampf gegen die Entwaldung. „Auch bei der Inklusion und Partizipation von indigenen Menschen bleibt man hinter dem zurück, was nötig wäre“, sagt er.

Der vergleichsweise schwache Konsens mache es für die südamerikanischen Staaten auch schwieriger, die internationale Gemeinschaft in die Verantwortung für den Schutz des Waldes zu nehmen. Das hatten sich der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und sein kolumbianischer Amtskollege Gustavo Petro unter anderem vorgenommen. Petro hatte zu Beginn des Gipfels internationale Unterstützung nach Art des Marshall-Plans gefordert, mit dem Erlass von Schulden im Austausch gegen mehr Klimaschutz.

Der Amazonas-Regenwald wird auch als grüne Lunge der Erde bezeichnet.
Der Amazonas-Regenwald wird auch als grüne Lunge der Erde bezeichnet. © JarnoVerdonk/iStock

Das Zögern mehrerer Regenwald-Staaten habe auch wirtschaftliche Gründe, sagt Maldonado. „Wenn man den Amazonas schützt, verzichtet man auf wirtschaftliche Ressourcen.“ Bolivien etwa habe vor kurzem erst die Öl- und Gasförderung in Schutzgebieten legalisiert.

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Schutz des Regenwaldes: Was muss jetzt passieren?

Das Thema müsse international präsent bleiben, und Akteure wie Deutschland und die EU müssten beim Schutz des Waldes unterstützen, sagt WWF-Experte Maldonado. Als positives Beispiel internationaler Kooperation nennt er den Amazonas-Fonds: Dieser wurde 2008 ins Leben gerufen, um Klimaschutz im Amazonas zu fördern. Neben Haupt-Geberland Norwegen beteiligt sich auch Deutschland in großem Umfang. Der Fonds habe „letztendlich den brasilianischen Plan zur Bekämpfung der Entwaldung finanziert“, sagt Maldonado. „Wenn es den politischen Willen gibt und internationale Partner ernsthaft bereit sind zu unterstützen, kann es funktionieren.“

Der WWF hatte vor dem Treffen auch gefordert, 80 Prozent des Gebiets unter Schutz zu stellen. Für umfassende Schutzgebiete plädiert auch Boers. „Eigentlich müsste man den gesamten Amazonas zu einem großen, streng geschützten Gebiet machen und den Einfluss nicht-indigener Menschen auf null zurückfahren“, sagt er. Ebenso wichtig sei es, den globalen Klimawandel zu bremsen, in dem Emissionen gesenkt werden, und so den Druck auf den Wald zu verringern. Denn mit jedem Zehntel Grad steige das Risiko eines großflächigen Amazonas-Sterbens.