Erfurts OB-Kandidaten im Portrait: Thomas L. Kemmerich (FDP)

In Cowboystiefeln in den wilden Osten: Der gebürtige Rheinländer Thomas L. Kemmerich (FDP) tritt am 22. April zur Wahl des Oberbürgermeisters in Erfurt an. Kemmerich sagt, er sei "aus tiefster Überzeugung" Liberaler - und Lebensfreude beschere ihm die Familie.

Am Lieblingsplatz mit Blick auf die Krämerbrücke: OB-Kandidat Thomas L. Kemmerich (FDP). Foto: Marco Schmidt

Am Lieblingsplatz mit Blick auf die Krämerbrücke: OB-Kandidat Thomas L. Kemmerich (FDP). Foto: Marco Schmidt

Foto: zgt

Erfurt. Der Typ an sich ist eine Marke: Anzug, offener Hemdkragen, keine Krawatte. Den braungebrannten Kopf lässt er sich von der Tochter kurz bis kahl scheren, an den Füßen trägt er stets Cowboystiefel - auch im Hochsommer. Sechs Paar dieses Schuhwerks hat Thomas L. Kemmerich, das er nur gelegentlich gegen Ski-Stiefel oder beim Sport gegen Turnschuhe tauscht, wie er selbst sagt. In diesen Stiefeln, "praktisch in allen Lebenslagen", kam der gebürtige Aachener im Wendejahr in den damals wilden Osten.

Ein halbes Jahr vor der Wende wurden durch einen Studienkollegen die ersten Kontakte nach Erfurt geknüpft. Im Mai 1989 hatte Kemmerich sein BWL- und Jura-Studium beendet, wartete auf eine Referendarsstelle. Einen Monat später war er erstmals in Erfurt. "Hier passiert was - das war damals schon zu spüren", erinnert er sich. "Hier kannst du Geschichte erleben", habe er sich gesagt.

Karneval wollte er am 11. November 1989 in Erfurt mitfeiern - es wurde eine Feier zum Fall der Mauer. Und Juristen waren gefragt in jener Zeit, ebenso sein Rat bei Unternehmen. "Du kennst dich aus", sei er zum Jahreswechsel gebeten worden, einen Vortrag zur sozialen Marktwirtschaft im Haus der DSF zu halten - und viele kamen. Dort wurde er angesprochen, ob er nicht bleiben wolle. Mit Büro, Sekretärin, Telefon - am 8. Januar ging's los mit seiner Unternehmensberatung. "Darüber bin ich an eine kleine Friseureinheit geraten - heute steh' ich nur noch als Friseur da", sagt der Liberale, der ein so genanntes "Management buy out" organisierte und seit 1993 Chef der Friseur Masson AG ist. 46 Filialen laufen unter dieser Marke. Viele Beratungsmandate aus jener Zeit seien ihm bis heute geblieben, so es die Zeit zulasse.

In den Sattel der Politik setzte sich Cowboystiefelträger und "U2"-Fan Kemmerich vor sechs Jahren. Der Ausgang der OB-Wahl damals habe ihn geärgert. Freunde ermunterten ihn, politisch aktiv zu werden. "Schon mein Geschichtslehrer hat immer gesagt: Es geht nicht nur ums Mitreden, sondern ums Mitmachen."

Im Herbst 2006 gab es Kontakte zur hiesigen FDP, Kemmerich gründete den Thüringer Abzweig des Liberalen Mittelstandes, kandidierte 2007 als FDP-Kreisvorsitzender und wurde Parteimitglied. Er verlor die Abstimmung, knapp mit einer Stimme. Drei Monate später trat der gewählte Kreisvorsitzende zurück - und Ende Mai 2007 wurde Kemmerich in dieses Amt gewählt. "So begann meine Laufbahn als Politiker", sagt er. Und: "Ich bin aus tiefster Überzeugung Liberaler", sagt Kemmerich - auch wenn es mit und in der FDP nicht immer leicht sei, wie er zugesteht.

"Gelebte Heimat" ist für Thomas Karl Leonard Kemmerich längst Erfurt geworden - obwohl er mit Frau und fünf Kindern in Weimar wohnt. Ein sechstes Kind hat Kemmerich aus einer früherer Beziehung. "Für meine Frau und mich war klar, dass wir eine kinderreiche Familie haben wollen", sagt er. Das älteste ist 15, das jüngste Kind vier Jahre alt. Lebensfreude und Entspannung verbindet er mit dem Stichwort Familie, für Hobbys bleibt darüber hinaus kaum Platz. Selbst in der Hoch-Zeit des Wahlkampfes nimmt er sich eine fünftägige Auszeit, um mit der Familie in ein Ferienhaus zu fahren. Rügen, Sächsische Schweiz, Legoland und Europapark - es gebe in Deutschland viele schöne Ziele für die Familie. Die Ehefrau ist "mehr als nur Hausfrau - und das ist gut so": Gelernte Bankerin, helfe sie in der Firma bei den Bilanzen, trainiere den Tanznachwuchs im Erfurter Karneval: "Es ist eine bewusst gewählte Arbeitsteilung, mit der wir beide sehr zufrieden sind."

Warum tut sich jemand wie Kemmerich - sechs Kinder, Unternehmens-Vorstand, Landtags- und Stadtratsmandat - nun noch die OB-Kandidatur an? "Es rührt aus dem Bedürfnis, mich einzubringen. Dass es zeitlich überhaupt zu schaffen ist, ist eine Frage der Organisation", sagt er. In seinem Friseur-Unternehmen habe er Aufgaben delegiert, nehme als Vorstandsvorsitzender aktuell eher die Rolle eines Aufsichtsratsvorsitzenden ein. Konzentration aufs Wesentliche - so laute die Devise.

Was auch für den Stadtrat gilt: Die FDP vermag dort bei manchen Themen nur an der Oberfläche zu kratzen "Das gebe ich zu, muss es realistisch einschätzen. Mit einer Drei-Mann-Fraktion kann ich keine 18 Mann schlagen. Daher konzentrieren wir uns auf Schwerpunkte", sagt Kemmerich.

Kemmerich ist Realist: Mit einem Lächeln beantwortet er die Frage, ob er glaubt, die OB-Wahl für sich entscheiden zu können. Es gehe darum, mit liberaler Politik und als Person präsent zu sein. Aber wer wisse schon, ob es am Ende nicht gar für die Stichwahl reiche: "Spannend ist, wer sich von den sieben Kandidaten wie neutralisiert", wagt er aktuell keine Prognose zum Wahlausgang.

Etwas aus dem Scheinwerferlicht gerückt ist der Rechtsstreit, ob für Kemmerich Erfurt als Hauptwohnsitz gelten kann. Dies ist Voraussetzung für sein Stadtratsmandat. Ihn ficht diese "rein formelle Frage" nicht an: "Mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist und bleibt Erfurt." Hier habe er Büro und Wohnung, verbringe hier die meiste Zeit, auch mit der Familie.

In Erfurt sitzt er gern im oder vorm "Faustus", hat hier das Ohr an den Menschen, wie er sagt. Testet Positionen aus, holt sich unverblümten Rat. Kemmerich ist überhaupt ein geselliger Mensch: Er mischt mit bei Rot-Weiß Erfurt, war Karnevalsprinz, planscht als Täufer in Badehose alljährlich mit der Karnevalsprinzessin in einem ausgedienten Braugold-Gärbottich. "Es gehört zum Brauchtum, sich selbst einmal nicht so ernst zu nehmen", wisse er sehr wohl, dass es souveränere Posen gibt, als halbnackt mit behaarter Brust den Täufer zu geben, aber schließlich komme viel Geld zusammen für den guten Zweck.

In Köln sagt man Klüngel, neuerdings ist von Netzwerk die Rede, zu dem sich Kemmerich in Erfurt zugehörig zählen kann. Verbindliches und verantwortliches Auftreten zähle darin, wie er sagt.

Ihm gefalle, wie dieser Kreis seine Netze miteinander spanne, wie jedem geholfen wird, der einmal daneben tritt. Wer sich aber schlecht verhalte, der fliege auch schnell raus aus dieser Runde: "Das diszipliniert ungemein."


Diese Zeitung stellt die sieben Bewerber für das Oberbürgermeisteramt von ihrer persönlichen Seite vor. Die Porträtierten sollten einen Ort für das Foto auswählen, der etwas über sie aussagt. Nächste Folge: Dr. Gerd Stübner (Freie Wähler).

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