Mörder sind die Sündenböcke

Laien des Schauspielclubs des Landestheaters bieten mit Premiere von "Kick" eine großartige Inszenierung.

"Der Kick", eine Inszenierung des Schauspielclubs hatte am Landestheaters Eisenach Premiere. Foto: Sebastian Stolz

"Der Kick", eine Inszenierung des Schauspielclubs hatte am Landestheaters Eisenach Premiere. Foto: Sebastian Stolz

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Eisenach. Nein, eigentlich will man nicht klatschen nach dieser Premiere. Nicht, weil die Darsteller vom Schauspielclub des Landestheaters Eisenach zu schlecht gespielt hätten, oder weil die Regie von Stephan Rumphorst nicht gefallen hätte. Ganz im Gegenteil - eben weil diese Aufführung so authentisch und bewegend war - eben gerade deshalb will man eigentlich nicht klatschen. Weil man es lieber ganz schnell wieder vergessen will, all das Gesehene und Gehörte über den wahren Fall aus dem Jahr 2002, als der sechzehnjährige Marinus Schöberl in einem brandenburgischen Dorf von drei Jugendlichen grausam misshandelt und anschließend brutal umgebracht wurde.

In diesem "Lehrstück über Gewalt" von Andres Veiel und Gesine Schmidt spritzt kein Blut und keine Fäuste fliegen, und doch erlebt der Zuschauer Horror pur. Dafür reichen die Originalzitate von Eltern, Tätern und Dorfbewohnern aus Interviews und Vernehmungsprotokollen, dafür reicht allein das Reden über den Tathergang.

Nein, eigentlich will man das nicht hören. Die Erinnerung des 17-jährigen Marcels an die Tatnacht. Als er mit seinem Bruder und einem Freund erst auf Sauftour war und dann das Opfer auf unvorstellbare Weise gefoltert und schließlich ermordet hat. Nüchtern erzählt er von den unzähligen Fausthieben mitten ins Gesicht, davon, wie er selbst auf das Opfer sprang, wie er ihm schließlich mit einem Stein den Kopf zertrümmerte. Und wie danach alle drei schlafen gingen.

Aber es sind nicht nur die Berichte über die Gewaltexzesse, die so erschüttern. Es sind auch die Zitate der Dorfbewohner.

Von dem Mann, der sich für moralisch integer hält, und der über den lernbehinderten Marinus sinniert, der hätte auf die Sonderschule oder ins Heim gehört, aber "nicht in die Gesellschaft". Von dem Freund von Marinus, der herzerweichend über den Verlust klagt, und dann über die Täter sagt: "Die sind Matsch, wenn die wieder auftauchen". Von dem Mann, der es für normal hält, schon mit Zwölfjährigen zu saufen und zu prügeln. Sogar der Pfarrer beteiligt sich, in dem er die Täter als "unmenschliche Kreaturen" und "restlos verkommen" bezeichnet. Schuldzuweisungen und Vorurteile bestimmen in diesem Dorf das Denken, und offensichtlich sind alle froh, dass Sündenböcke gefunden sind, und sie wieder zur "Tagesordnung" übergehen können, wissend, zu den "Guten" zu gehören und schuldlos zu sein. Und selbst die Staatsanwältin macht es sich einfach, wenn sie davon spricht, in diesem Dorf fehle der zivilisatorische Standard...

Dem Zuschauer dieses Stückes wird hingegen solches "Schwarz-Weiß-Denken" verwehrt - der Autor hat die Zitate so klug ausgewählt und aneinander gereiht, dass hier niemand klar unter "Gut" oder "Böse" eingeordnet werden kann; dass das Klima spürbar wird, in dem solch eine grauenvolle Tat geschehen konnte. Was aus vielen Zitaten spricht, ist eine große Perspektivlosigkeit; Alkoholkonsum, Gewaltexzesse und Fernsehen füllen eine Leere, die hier jeder zu fühlen scheint; alle wirken wie abgeschnitten von ihren Gefühlen.

Es ist beeindruckend, mit welcher Aussagekraft die Laien-Darsteller diese Atmosphäre spürbar machen. Stephan Rumphorst hat es geschafft, sie zu sensiblem Spiel anzuleiten, so dass sie ihre Figuren statt mit überzogener Theatralik auf berührende Art charakterisieren.

Besonders stark gelingt das Gloria Dittmar als Mutter des Täters: Sie wirkt hilflos, wie schlafwandelnd - eine großartige Leistung! Jan-Mathias Scharnberger setzt die Ratlosigkeit als Vater in impulsive Hysterie um, und er lässt spüren, wie es in ihm brodelt, wie er leidet. Auch hier ist keine einfache Verurteilung möglich, ebenso wie die Mutter des Opfers (Tabea Roschka gramvoll-nüchtern) für ambivalente Gefühle sorgt, wenn sie die Täter als Bestien bezeichnet. Und selbst die Täter lassen sich nicht einfach in Schubladen einordnen, denn viel zu sehr wird spürbar, wie sehr sie selbst zu Opfern geworden sind. Teilnahmslos und desillusioniert werden sie von Vivian Dürrschmid und Laura Paulina Kulks gespielt - sie erregen eher Mitgefühl als den Wunsch nach Ächtung. Ebenso wie die anderen Jugendlichen - ebenso gut gespielt von Madlen Lamm als respektloser Heiko, Bastian Hoßfeld als traumatisierter Matthias, Katharina Künstler als liebesbedürftige Angela - offenbaren sie einen gestörten Umgang mit Emotionen, die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Verständnis wird in Hass und Zerstörungswut umgeleitet.

Auch die anderen Darsteller haben viel Beifall verdient - viel mehr, als die Zuschauer angesichts des Grauens spendieren können. Denn eigentlich wissen alle im Saal, dass dieser Fall nicht nur in dem brandenburgischen Dorf möglich sein konnte, sondern dass er auch andernorts denkbar wäre.

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