Radelnd und singend auf den Spuren von Bach

Erstmals erkunden Musikinteressierte im Sattel die Lebensstationen des Musikers.

Zwischenstopp am Schloss Friedenstein in Gotha:Bach- und Radfans erkunden derzeit zum ersten Mal bei einer geführten Tour die Lebens- und Wirkungsstätten des musikalischen Schwergewichts in Mitteldeutschland. Foto: privat

Zwischenstopp am Schloss Friedenstein in Gotha:Bach- und Radfans erkunden derzeit zum ersten Mal bei einer geführten Tour die Lebens- und Wirkungsstätten des musikalischen Schwergewichts in Mitteldeutschland. Foto: privat

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Eisenach/Wechmar/Weimar. Sabine Wüsthoff ist schwer begeistert: Obwohl sie als Chorleiterin durchaus profunde Kenntnisse besitzt, was Johann Sebastian Bachs Leben und Wirken betrifft, lernt sie derzeit jeden Tag etwas Neues über den musikalischen Großmeister hinzu. Die 60-jährige Berlinerin ist mit sieben anderen Bach-Fans radelnd auf Bachs Spuren unterwegs.

Am Montag starteten die Radwanderer in Eisenach - Bachs Geburtsort -, strampelten dann über Mühlhausen, Gotha, Wechmar und Ohrdruf nach Arnstadt weiter, erreichten am Freitagabend Weimar und werden nach weiteren Zwischenstopps in Großheringen, Weißenfels, Leipzig und Halle am 2."August in Köthen eintreffen.

"Ich erfahre unterwegs eine Menge Dinge, von denen ich noch nichts wusste", schwärmt Sabine Wüsthoff, während sie eine kurze Verschnaufpause einlegt. "Und ich komme in Orte, die man als normaler ,Touri‘ vielleicht nie aufsucht. Eine wunderbare Erfahrung." Noch dazu, da die Tour unter einem guten Stern zu stehen scheint und sich alle acht Radler bei Traumwetter den Fahrtwind um die Nase wehen lassen können.

Organisiert und geführt wird die Radtour - die erste ihrer Art - von Mareike Neumann und Anna-Luise Oppelt, die eine Geigerin im Bonner Beethoven-Orchester, die andere Gesangspädagogin und derzeit Oper- und Gesangsstudentin in Weimar. Vor einem dreiviertel Jahr waren die beiden zum ersten Mal mit ihrer Idee eines Bachradweges an die Öffentlichkeit getreten (TLZ berichtete). Schließlich: Bei keinem anderen deutschen Komponisten von Weltrang, so ihr Gedanke, sei es wie bei Bach möglich, seinem Lebensweg vom Geburts- bis zum Sterbeort auf so gedrängtem Raum in Mitteldeutschland zu folgen. Warum diese Stätten nicht durch eine ausgewiesene Route verknüpfen?

Am Tag zwischen 30 und 60 Kilometer

Für Mareike Neumann (30) und Anna-Luise Oppelt (29), die schon immer gern mit dem Fahrrad Natur und Kultur erkundeten, lag diese Idee schlicht auf der Hand. Beide wunderten sich eher darüber, dass vor ihnen noch niemand darauf verfallen war - sieht man einmal von der Bach-Rad-Erlebnis-Route ab, die wichtige Lebensstationen Bachs und seiner Familien im Kreis Gotha und im Ilm-Kreis verbindet. Der infrastrukturelle Aufwand hielte sich aus Sicht der beiden Musikerinnen in Grenzen: Man kann zum größten Teil die bereits ausgeschilderten Fernradwege nutzen, muss den Bachradweg aber natürlich als Marke entwickeln und beispielsweise mit einem Bach-Porträt oder -Siegel markieren.

Inzwischen haben Mareike Neumann und Anna-Luise Oppelt Kontakt zu Touristikern geknüpft, ihr Konzept auch den Thüringer Ministerien für Verkehr und Wirtschaft vorgestellt und dort ein positives Echo bekommen, auch wegen des Brückenschlags in die Nachbarbundesländer.

Selbst einen Verlag für einen Radwegführer, der im Lenkertaschen-Kartenhalter Platz finden und alles auflisten soll, was radelnde Bach-Kenner interessiert, haben die beiden Musikerin bereits gefunden: den Verlag "Grünes Herz" in Ilmenau, Spezialist für Wander- und Fahrradkarten sowie Reiseführer.

Die ersten Umfragen im Bekannten- und Freundeskreis haben unterdessen bestätigt: Das Interesse an einem Bachradweg ist groß, die Zahl derer, die gern im Sattel sitzend Landschaft und Kultur "erfahren", ebenso. "Eine gewisse Fitness braucht man allerdings schon", sagt Mareike Neumann. Immerhin seien auf der insgesamt fast 270 Kilometer langen Strecke durchaus auch einige Steigungen zu bewältigen - und bei einer Zehn-Tages-Tour wie der jetzigen Premiere am Tag zwischen 30 und 60 Kilometer.

Ganz besonders angetan sind die Teilnehmer - die im übrigen unterwegs auch selbst schon einige Bach-Choräle angestimmt haben - vom überaus herzlichen Empfang gerade in den kleinen Orten und den Führungen "voller Engagement und Herzblut". "Man reagiert sehr flexibel auf unsere Ankunftszeit, ermöglicht sogar längere Öffnungszeiten", berichtet Mareike Neumann und nennt als Beispiel Wechmar: "Dort hat uns mit Elmar von Kolson sogar ein Bachnachfahre durch das Bachhaus und die Kirche führte."

Am Dienstagnachmittag hatte die Gruppe gerade die Schlosskapelle in Gotha erreicht, als ein Gewitter losbrach, und während der Regen aufs Dach und gegen die Scheiben trommelte, lauschten sie - Handy und einem portablen Lautsprecher sei Dank - einer Bachschen Komposition. Die moderne Technik ermöglicht es, ohne großen Aufwand Bachs Kantaten oder Auszüge aus Passionen und Oratorien an jenen Orten zu hören, an denen sie entstanden sind.

In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Detmold haben die beiden Initiatorinnen jetzt bereits eine weitere Tour geplant - für Juni 2014. Mareike Neumann: "Ein paar Anmeldungen gibt es schon, darunter von einem begeisterten Bach-Fan und Radfahrer aus Kanada, der sich zunächst an das Bach-Archiv Leipzig und die Deutsche Zentrale für Tourismus gewandt hat, bis er zu uns fand."

Geradelt wird bei jedem Wetter - auch unter der tropischen Sonne dieses Wochenendes. "Wir sind alle körperlich fit, das ziehen wir durch", stellt Sabine Wüsthoff klar, ehe sich die Berlinerin wieder beherzt aufs Fahrrad schwingt.

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