Rhythmische Aufmüpfigkeit

Staatskapelle glänzte mit Unbekanntem

Weimar. Anregender kann kein anderes Konzert sein als dieses 5. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Weimar! Und das trotz oder gerade wegen der drei unbekannten Werke, die jedes für sich Einblicke in einen eigenen Kosmos gewährten. Zunächst das frühe Sinfonische Gedicht "Kossuth" von Béla Bartók: Es ist das Zeugnis des 22-Jährigen für seine Herkunft, für die Verbundenheit mit der ungarischen Geschichte einerseits - Kossuth war 1848 der Anführer des fehlgeschlagenen Aufstands gegen Habsburg - und für seine künstlerische Berufung auf Franz Liszt und Richard Strauss.

Deren Kompositionen und deren Orchestersprache waren ihm Wegweiser zu seinem unverwechselbaren Personalstil. Hier fällt bereits die präzise thematische Arbeit auf, Grundlage für die zehn Abschnitte, die inhaltlich klar und dramatisch stringent mit charaktervoll romantischem Wohlklang aufwarten - der Neutöner ist noch weit entfernt.

Die Begegnung mit der 3. Sinfonie C-Dur von Jean Sibelius war eine Bereicherung, konnte sie doch glänzend den Ruf künstlerischer Schwäche ausräumen, die sich angeblich nach seiner 2. Sinfonie bemerkbar gemacht haben soll. Freilich, die Schlussgestaltung nach dem gedehnten Orgelpunkt scheint weniger geglückt. Dafür berührt die tänzerisch-nordländische Stimmung des zweiten Satzes umso mehr, und die großdimensionierten Ecksätze zeugen von der fantasievollen Symbiose farbenreicher Instrumentation und überschaubarer Formdisposition. Allein diese Klangwelten sind geschaffen, den Hörer zu berauschen.

Dazwischen stand aber als unbestreitbarer Höhepunkt das Klarinettenkonzert "The Erratic Dreams of Mr. Grönstedt" von Christian Lindberg. Mochte der Komponist auch "aufschreckende Träume" als Anregung benötigen, der Hörer kommt ohne sie zurecht. Urmusikalität und Einfallsreichtum führen zur Durchdringung von E- und U-Musik, von kabarettistischer Ironie und rhythmischer Aufmüpfigkeit, beseligter Stimmung und schwatzhafter Beredsamkeit. Wer über solch einen Solisten verfügt, hat gut lachen: Emil Jonason hieß der Zauberer, der sein Instrument abseits klassischer Normen als Wunderwaffe benutzte und damit nur ungläubiges Staunen hervorrief: Kann man das auf der Klarinette blasen?

Die Staatskapelle erwies sich erneut als dynamisch reagierender Klangkörper mit wachem Klanginstinkt und Stefan Solyom als versierter Dirigent mit klarer interpretatorischer Zielvorstellung und enorm gewachsenem Ausdrucksvermögen.

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