Thüringer Schriftstellerin Sibylle Berg: „Unsere Welt ist männergemacht“

Erfurt  Sibylle Berg hat die globalen Verwerfungen im Blick. Am kommenden Dienstag nimmt sie den Thüringer Literaturpreis entgegen.

Sibylle Berg wird im Erfurter Kultur-Haus Dacheröden mit dem Thüringer Literaturpreis geehrt.

Sibylle Berg wird im Erfurter Kultur-Haus Dacheröden mit dem Thüringer Literaturpreis geehrt.

Foto: Soeren Stache/dpa

Am 3. September wird die in Weimar geborene Schriftstellerin, Dramatikerin und Kolumnistin Sibylle Berg mit dem Thüringer Literaturpreis (12.000 Euro) geehrt. Damit würdigen der Freistaat, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Thüringer Literaturrat alle zwei Jahre herausragende Autoren, die aus Thüringen stammen, dort leben oder deren Werke einen Thüringen-Bezug aufweisen.

Sibylle Berg beschreibe in stilistischer und struktureller Klarheit „die zentralen Veränderungen und Verunsicherungen unserer Gesellschaft und analysiert ihre Wirkung auf den Einzelnen mit großer Präzision“, begründete die Jury ihre Entscheidung. Die Autorin war 1984 aus der DDR in die Bundesrepublik ausgereist. 1996 zog sie in die Schweiz und lebt heute in Zürich und Tel Aviv. Ihre Werke wurden in 34 Sprachen übersetzt. Die Preisträgerin war für ein Interview nur per E-Mail erreichbar.

Frau Berg, sich per E-Mail zu unterhalten, ist eher unpersönlich, finden Sie nicht auch?

Ich liebe schriftliche Gespräche. Wir können beide in unserem Pyjama auf den Betten sitzen und sprechen, statt in irgendeinem Konferenzraum zu hocken und Wasser aus diesen Plastikgallonen zu trinken.

In was für einem Projekt stecken Sie denn gerade?

Ich versuche, auf Grundlage meines Buches „GRM Brainfuck“ ein Musical zu machen, das wir, wenn alles gut geht, in England und Deutschland produzieren werden. In England werden Kinder und Jugendliche spielen und singen, die ich dort kennengelernt habe.

Glückwunsch erst mal zum Thüringer Literaturpreis! Wie eng ist Ihre Beziehung noch zur alten Heimat, aus der Sie sich dereinst, wie Sie es nennen, „verdrückt“ haben?

Meine Beziehung zu Orten ist generell nicht besonders intensiv, und für mich bedeutet – Achtung, das ist jetzt langweilig – dieses strapazierte Heimat-Wort: Leute, die mir vertraut sind, und der Ort, an dem ich zusammen mit meinen Rechnern wohne. Heimat ist viel Gewohnheit, und die bricht ja aufgrund des Turbokapitalismus gerade überall weg. Läden verschwinden, schöne Häuser werden durch Blöcke ersetzt, Menschen verlassen die Innenstädte, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können, die liebgewonnene Briefträgerin wird durch gehetzte Niedriglohnarbeitende ersetzt und so weiter.

In Ihrer Weimar-Kolumne „Tanz den Goethe“ kommt eigentlich nur das „Residenzcafé“ gut weg, zu DDR-Zeiten das „Verschwörerloch“.

Weimar war und ist, glaube ich, wie viele Touristenhochburgen, ein seltsamer Ort, dessen renovierte Fassade nie wirklich das Leben der Einwohner widerspiegelte. Es ist richtig, dass ich mich nicht mehr an sehr viel erinnere, nur das Gefühl von Neid und gleichzeitiger Abneigung den West-Touristen gegenüber, die sich die Sehenswürdigkeiten ansahen und von unserem Leben nichts mitbekamen, da es sie auch nicht interessierte. Heute denke ich, das ist der vornehmliche Job von Touristen, den meisten jedenfalls. Dinge abhaken und weiterreisen. Bei meinem letzten Besuch meinte ich, sehr viele Bürger aus dem ehemaligen Westteil auszumachen, die jetzt in den nett renovierten Villen in Weimar wohnen.

Wollen Sie anlässlich der Preisverleihung nicht mal wieder vorbeischauen?

Ja, das mache ich vermutlich. Ich bin gespannt, wie sich die Stadt verändert hat.

In „GRM – Brainfuck“ entwerfen Sie ein düsteres Zukunftsszenario. Der Roman spielt im englischen Rochdale, wo die Armen und Hoffnungslosen stranden. Sie waren dort. Wie haben Sie den Ort erlebt?

Rochdale ist nur einer der Orte im Vereinigten Königreich, an dem ich mich aufgehalten habe. Das Buch handelt von Orten und Menschen jenseits der kleinen reichen Londoner Innenstadtviertel. Das Buch spielt in England, nicht, weil es den dortigen Zerfall der Gesellschaft und ihre Spaltung in Reich und Arm nicht überall auf der Welt gäbe, sondern, weil es da, in einem reichen westlichen Land, besonders deutlich sichtbar ist, dass über 20 Prozent der Bevölkerung für die Wertschöpfungskette nicht mehr benötigt und vergessen werden. England ist überdies das Land Europas, das führend im Aufbau einer Überwachungsdiktatur ist. Seit Jahren ist dort fast jeder Zentimeter des öffentlichen Raumes – der allerdings privatisiert wurde – mit Kameras überwacht. Die jetzt auch biometrisch werden. Das Zusammenspiel aller Faktoren dort macht den Krieg der Reichen gegen die Armen besonders anschaulich.

Was trennt uns noch vom totalen Überwachungsstaat?

Nichts. In der Schweiz haben die Bürger ein Gesetz zur kompletten Überwachung ihrer Rechner bereits selber angenommen, in Deutschland steht ein neuer Gesetzentwurf kurz vor seiner Verabschiedung, der dem Staatsschutz nahezu unbegrenzte Zugriffe auf die Daten der Bürger erlaubt. Den Rest erledigen die Menschen alleine, indem sie smarte Geräte verwenden, sich Abhöranlagen wie Alexa in die Wohnung stellen, den Kassen ihre Fitnessdaten übermitteln, um Prämien zu sparen. Bald werden jene, die sich hervorragend verhalten – sprich, sich gesund ernähren, ein sauberes Fahrverhalten zeigen und Sport treiben –, mit Prämienverbilligung belohnt. Das ist der erste Schritt in Richtung des chinesischen Modells der Bürgerpunkte, bei dem Fehlverhalten bestraft wird. Das heißt: keine Kredite, keinen Mietvertrag, keine Auslandsreisen. Das sind Wege zur Erziehung des Volkes. Im nächsten Schritt die Bewertung und Bestrafung unsozialen Verhaltens.

Man hat das Gefühl, manch einer wartet nur darauf, einen neuen Gott anbeten zu dürfen – die alles regelnde künstliche Intelligenz, KI genannt. Fürchten Sie sich davor?

Die KI wird bereits jetzt schon aktiv verwendet. Szenarien, die im Buch auftauchen, gibt es schon in allen Bereichen. KI, die Drehbücher und Bücher nach ihrer Verwertbarkeit und Erfolgsaussichten prüft. KI, die Bewerber für Stellen checkt. KI, die seit langem Börsenspekulationen durchführt. Man kann sagen, die Fehlerquote, die durch Menschenversagen entsteht, ist auch nicht unerheblich. Sie wird durch die KI geringer, aber vermutlich wird die Welt noch unsozialer und unmenschlicher werden. Ein kleines Detail: Die neue digitalisierte, moderne Welt ist wie die alte, vor der digitalen Revolution, zu über 90 Prozent männergemacht. Weiße Männer.

Überall finden sich auch Inseln der Wohlhabenderen und Reichen, doch glücklich scheinen die auch nicht zu sein…

Wieso sind Reiche nicht glücklicher als Arme? Diese Beruhigungsfloskel stimmt leider nicht. Meinen Beobachtungen nach sind Menschen entspannter und zufriedener, wenn sie keine Angst vor Armut, dem Verlust von Job und Wohnung haben müssen. Die meisten reichen Menschen leben länger und gesünder. Die Frage ist nur, wie wollen die treibenden Kräfte, die gerade die Spaltungen in den Ländern steuern und finanzieren, um sich endlich des Sozialstaates zu entledigen, leben, wenn sie das nur mehr in geschützten Communitys können, wie zum Beispiel in Indien zu beobachten ist.

Sie übertreiben, verknüpfen, spitzen satirisch zu – Ihre Form des Aufbegehrens und Sich-nicht-abfinden-Wollens?

Ich empfinde meine Arbeit nicht so. Es ist eher ein genaues Hinsehen und Mitfühlen, das mich antreibt. Ich wollte immer verstehen, was dieses Menschsein bedeutet und was die Zufriedenheit der Menschen verhindert, wenn die äußeren Bedingungen eigentlich in Ordnung sind. Warum zum Teufel vermiesen wir uns unser kurzes Leben durch Hass und Streit?

Haben Sie Hoffnung, dass die sich anbahnende Klimakatastrophe zu einem globalen Umdenken führen wird?

Unser Planet steht gerade an einem Punkt der Entscheidung. Ich muss die langweiligen Fakten nicht wiederholen: das Klima, 50 Prozent aller Tierarten ausgerottet, Plastik in den Meeren und in der Luft. Es ist einfach die Frage, wie weise werden die Menschen in demokratischen Ländern wählen. Werden sie Parteien unterstützen, die mit dem Großkapital und dessen eingeschriebener Gier, also dem Ruin der Erde verzahnt sind, oder jene, die sozialer und bedachter agieren? In den Diktaturen der Welt wird die Entscheidung zur Rettung der Erde eine finanzielle sein. Gelingt es den Industrienationen, Umweltverschmutzung und Raubbau so zu verteuern, dass sie einfach nicht mehr lukrativ sind?

Hätten Sie einen Vorschlag, wie sich die Bevölkerungsexplosion und das ökonomische Wachstum stoppen ließen?

Das ist sehr einfach. Eine hervorragende Bildung für Frauen und Gleichberechtigung, der Rückzug der Industriestaaten aus ihren ehemaligen Kolonien, in denen sie immer noch Bodenschätze stehlen und ihren Müll abladen. Wir können am Beispiel einiger Länder in Afrika beobachten, dass nach einiger Zeit Demokratien entstehen, Regierungen mit regulativ einwirkenden Politikerinnen. Diese Prozesse, die Hoffnung darauf geben könnten, dass sich die Intelligenz der Menschheit doch letztendlich durchsetzt, werden leider durch den Klimawandel wieder gefährdet, der Teile der Welt unbewohnbar machen wird.

Was bedeutet für Sie Glück?

Von dem, was ich tue, leben zu können. Gesund geboren worden zu sein auf einem Kontinent, der nicht kolonialisiert wurde, in einem Land, in dem ich kostenlos eine gute Ausbildung erhielt und eine gute Gesundheitsvorsorge, in dem ich nicht auf der Straße leben musste. Menschen zu haben, die ich mag, sowas ist doch ganz schön viel Glück.

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