Ulf Salzmanns Welt ist voller Flausen

«... und schlag Dir die Flausen aus dem Kopf!» Flausen als Synonym für flüchtige Gedanken, Ideen und Phantasien. Ulf Salzmanns Kopf ist voll davon. Niemand musste ihm die Flausen austreiben. Er bringt sie zu Papier. Er zeichnet Comics und blickt in der virtuellen Welt auf eine wachsende Fangemeinde.

Klassik mit Bart: Für unsere Zeitung zeichnete Ulf Salzmann einen Comic-Strip.

Foto: zgt

Weimar. Die Angst ist unter uns: Sie ist klein, rosa und hat Glubschaugen. Angst gehört zur Familie, weshalb der Mann seiner Frau erklärt: «Weiß Du, was mir an Angst so gut gefällt? In ihrem defensiven Pessimismus ist sie die optimale Projektionsfläche für Schuld.» Der Mann doziert und zeigt dabei auf Angst, die bass erstaunt und hilflos den Mund aufreißt. Fast haben wir Mitleid mit ihr. Fast.

Ulf Salzmann (34) zeichnet Web-Comics, die autobiografisch orientiert sind. Die Ehefrau taucht auf, die Kinder, Freunde und er selbst natürlich mit Dreitagebart, Brille auf der Nasenspitze und zumeist einen schwarzen Pullover tragend. Seit 2006 berichtet der Familienvater in launigen Bildern aus seinem Alltag: Träume, Schneeballschlachten, Selbstgespräche, der Gang zur Kaufhalle, et cetera - Momentaufnahmen eines Tages als kleine, geistreiche Miniaturen. Zu sehen sind jeweils vier zum Quadrat angeordnete Bilder, eine feste Struktur, die selten durchbrochen wird. «Im Schnitt sind es zwei Strips je Woche», erzählte Salzmann. Familie und Beruf erforderten eben Zeit. Vom Zeichnen allein kann Salzmann nicht leben.

Ulf Salzmann stammt aus Gotha, lebt seit 1995 in Weimar und studierte Architektur an der Bauhaus-Universität. Heute arbeitet er als Architekt in Erfurt. Die Liebe zu den Comics begann mit Mosaik, den Digedags und den Abrafaxe. «Ich habe die Geschichten stundenlang abgezeichnet», erinnerte er sich. Während des Studiums ging es weiter: Es gab einen Comic-Stammtisch in der Gerberstraße, Freunde und er hefteten und tackerten Comic-Fanzines und Ende der 90er Jahre wurde erstmals ein Strip veröffentlicht, der von Ulf Salzmann gezeichnet worden war. Als sich dann die schnellen Internetanschlüsse verbreiteten, erkannte er sehr schnell die sich bietende Chance: Strips zu verbreiten, ohne dafür tief in die Tasche zu greifen. Die fixe Struktur seiner Strips hat er vom Comicblogger-Urgestein Kurt Schalker übernommen. Der Gelsenkirchener begann 1956 seine «Lebensfenster» der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er gilt als ältester Comicblogger überhaupt und ist Vorbild vieler moderner Autoren.

Salzmann zeichnet mit einem blauen Bleistift, dann wird getuscht, die Koloration vollzieht er nach dem Scannen am Computer. So landen scheinbar unfertige Cartoons in der digitalen Welt, wobei Salzmann die Schrift in den Sprechblasen selbst schreibt. Mit dem Vorwurf, bisweilen unleserliche Dialoge zu veröffentlichen, kann er leben.

Was sagt die Familie, wenn Szenen einer Ehe plötzlich als Comic auftauchen? «Eine grundsätzliche Frage: Wo werden bei autobiografischen Comics die Grenzen gezogen? Mir gegenüber bin ich viel schonungsloser.» Neben seiner Arbeit als Comic-Blogger ist Salzmann Mitherausgeber der Anthologie «Panik Elektro», deren siebte Folge in dem Weimarer Comic-Verlag «Schwarzer Turm» erschienen ist. Dass er beim Comicpreis Sondermann 2010 in der Kategorie Webcomics zu den vier Nominierten zählte, hat seine Popularität in der Szene gesteigert. Seit 2004 wird der Preis verliehen, der nach einer Figur des Malers und Cartoonisten Bernd Pfarr (1958-2004) benannt wurde.

Heiligabend wird er mit seiner Familie zu Hause in Weimar verbringen. Man singt zusammen, man isst zusammen und abends kommt der Weihnachtsmann. «Weihnachten ist für mich eine Zeit des Innehaltens und der Kontemplation. In dieser Zeit nehme ich mir meistens auch eine Auszeit vom Comiczeichnen bis zum neuen Jahr.» Das vergangene Jahr lässt er dann Revue passiert und es werden Pläne für das neue geschmiedet. Silvester wird dann gefeiert. Mit oder ohne Angst ...

Zum Comicblog von Ulf Salzmann

Zu den Kommentaren