Witzmannorgel in Oßmannstedt fast restauiert

Vor diesem Instrument, das in kaum zählbaren Einzelteilen über den Innenraum der Oßmannstedter Kirche ausgebreitet liegt, steht selbst der Fachmann und wundert sich. Das Staunen ist Joachim Stade, Orgelbaumeister aus Waltershausen nicht einmal nach einem Jahr vergangen, in dem er sich intensiv mit der vor 199 Jahren von Benjamin Witzmann (1782-1814) gebauten Orgel beschäftigen konnte.

Ein großer Teil des Innenlebens konnte gerettet werden. Einige der hölzernen Teile mussten allerdings rekonstruiert werden. So werden die Orgelbauer aus Waltershausen in den kommenden Tagen auch noch das Pedal nachbauen müssen. Foto: tlz/Brandt

Ein großer Teil des Innenlebens konnte gerettet werden. Einige der hölzernen Teile mussten allerdings rekonstruiert werden. So werden die Orgelbauer aus Waltershausen in den kommenden Tagen auch noch das Pedal nachbauen müssen. Foto: tlz/Brandt

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Oßmannstedt. Seit kurzem nun sind Stade und seine Kollegen wieder in Oßmannstedt zugange. Die meisten Orgel-Einzelteile sind gesäubert oder rekonstruiert und liegen bereit zum Einbau. Nachdem sich die Orgel monatelang immer dünner machte in der Kirche, geht es seit gestern wieder aufwärts: ein Tag, den sich Pfarrer Sparsbrod rot angestrichen hat im Kalender.

Witzmann hatte es 1810 fertig gebracht, sein diffiziles, mit drei Werken ausgestattes Instrument derart kompakt zu bauen, dass es selbst in die enge Oßmannstedter Kirche passte. "Würde man die gleiche Orgel mit demselben Registerumfang entspannt errichten wollen, müsste man eigentlich den doppelten Raum in Anspruch nehmen", sagt Meister Stade. Wie unkonventionell Witzmann mit der Oßmannstedter Platznot umging, lässt sich an einer der Ziersäulen ermessen, die der Orgel wie eine schmückende Fassade vorgesetzt sind: Die Säule war als Kaschierung einer Pfeife gedacht. Dass sie am Ende doch nicht in dieser Weise genutzt wurde, mag Witzmanns hohen Ansprüchen an den Klang geschuldet gewesen sein.

Darüber lässt sich aus heutiger Betrachtung aber nur spekulieren. Die Orgel besticht noch durch weitere Besonderheiten: gedrechselte Knäufe an hölzernen Schrauben und Intarsien an Stellen, die außer dem Orgelbauer niemand zu Gesicht bekam. Dass die sechs Windladen mit aufwändigen Einlegearbeiten versehen sind, grenzt an schieren Luxus, den sich die Gemeinde zu einer Zeit leistete, als die Finanzierung einer Orgel noch viel größere Opfer forderte als heute. "Man sollte nicht dem Irrtum erliegen, dass Handarbeit zu jener Zeit keinen großen Anteil an den Preisen hatte", gibt Stade zu bedenken.

Auch Oßmannstedts Pfarrer Johannes Sparsbrod ist völlig von den Socken angesichts dieser unsichtbaren Pracht und sucht nach einem passenden Bild: Dass sich die Vorfahren einst solche Intarsien leisteten, sei heute allenfalls zu vergleichen mit der Vergoldung der Innenseite eines Gefrierfachs im Kühlschrank.

Drei- bis viertausend Arbeitsstunden werden nach Abschluss der Restaurierung in dem überarbeiteten Instrument stecken. Die Reparatur der Windladen als Herzstück der Orgel bereitet einen Aufwand, der für Außenstehende in seinem Umfang schwer nachvollziehbar ist. Kaum ein Teilchen konnte an seinem Platz bleiben, nahezu jedes Blättchen, jeder Stift wurde einzeln gereinigt.

Die Restaurierung der zuletzt fast unbespielbaren Witzmann-Orgel wird den Gegenwert eines kleinen Fertighauses haben. Die restlichen 19.000 von 140.000 Euro, die trotz der Anstrengungen der letzten Jahre gegenwärtig noch an der Finanzierung fehlen, hofft die Gemeinde, im kommenden Jahr u.a. aus Konjunkturmitteln begleichen zu können. Eingeweiht werden soll die rekonstruierte Witzmannorgel zum Gottesdienst am 27. Juni 2010, dem Höhepunkt eines Festwochenendes mit Überraschungsgästen.