Wieder tristes Grau: Maler überpinseln Blau-Gelb-Weiß im Abbe-Sportfeld

Jena  Der Stadioneigentürmer „Kommunale Immobilien Jena“ ließ das „Blau-Gelb-Weiß“ in der Südkurve wieder verschwinden – für 2000 Euro.

Alles wieder beim alten: Eine Malerfirma strich die Südkurvenstufen wieder grau – außer natürlich die gelben Fluchtwege. Foto: Jürgen Scheere

Alles wieder beim alten: Eine Malerfirma strich die Südkurvenstufen wieder grau – außer natürlich die gelben Fluchtwege. Foto: Jürgen Scheere

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Der Maler war im Ernst-Abbe-Sportfeld. Nein, nicht für den letzten farbenfrohen Anstrich vor dem DFB-Pokalkracher gegen den VfB Stuttgart, sondern um aus Bunt wieder Grau zu machen. Der Stadioneigentürmer „Kommunale Immobilien Jena“ ließ das „Blau-Gelb-Weiß“ in der Südkurve wieder verschwinden.Weil die Polizei das so fordere, sagt Thomas Graf, Abteilungsleiter Schul- und Sportimmobilien bei KIJ. Und weiter Graf: „Wir können nicht anders!“

Heimlich Jenaer Südkurve angemalt: OB pfeift Stadioneigentümer zurück

„Es gibt keine behördliche Anweisung diesbezüglich von der Polizei. Das dürfen wir auch gar nicht“, sagt dagegen Steffi Kopp, die Pressesprecherin der Landespolizeiinspektion Jena.

Denn: „Grundsätzlich sind der Träger des Stadions, also KIJ und damit die Stadt Jena und der Verein für die Sicherheit im Stadion verantwortlich. Die Polizei kann lediglich Empfehlungen aussprechen, aber keine Anweisungen“, sagt Kopp weiter. Sie spricht allerdings die Problematik mit der farbenfrohen Südkurve an: „Bereits nach dem Spiel gegen den HSV hatte die Polizei darauf aufmerksam gemacht, dass die neue Farbgebung in der Fankurve nicht den Sicherheitsrichtlinien entspricht“, sagt Kopp. Sie erinnert daran, dass die Farben an den Trittflächen „in einer Nacht- und Nebelaktion angebracht worden und nicht mit den Verantwortlichen abgesprochen“ waren. Stadioneigentümer „KIJ“ hatte daraufhin eine Anzeige wegen Sachbeschädigung gegen Unbekannt erstattet – die allerdings von Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter sogleich wieder einkassiert wurde.

Eine Anordnung der Polizei gibt es expressis verbis nicht

Deshalb stellt sich jetzt auch die Frage, warum ausgerechnet vor dem großen Pokalhit gegen den VfB Stuttgart die farbenfrohe Kurve wieder in ein tristes Grau verwandelt wurde. Wurde etwa von der Polizei das genau jetzt eingefordert? Auch darauf hat Steffi Kopp eine klare Antwort: „Die Polizei machte die Sicherheitsdefizite infolge der neuen Farbgebung bereits seit Juli in diversen Beratungen deutlich und nicht erst jetzt“. Thomas Graf von KIJ erklärte, dass man das schon länger auf dem Schirm habe, die regnerischen Tage aber die Durchführung der Malerarbeiten verhindert haben. Die erfolgten nun am Samstagmorgen ab 7.30 Uhr – Fans und Verein wurden so vor vollendete Tatsachen gestellt. Kostenpunkt laut Graf: 2000 Euro.

Der Polizei ist die neue Farbgebung freilich recht. Denn: „In einem Stadion müssen Fluchtwege klar gekennzeichnet und gut erkennbar sein. Folgt man gelben Linien und Beschilderungen, gelangt man ins Freie“, sagt Kopp. Das sei nicht mehr der Fall gewesen. Jedoch waren die Trittflächen der Kurve gar nicht bemalt, nur die Stoßflächen der Stufen. Die TLZ machte den Test am Freitagabend beim Spiel gegen den Berliner AK und stellte sich vor dem Spiel in die Kurve. Der Blick nach unten bewies: alles grau. Die blau und weiß bemalten Stellen waren auf den ersten Blick gar nicht zu sehen. Wie die TLZ erfuhr, soll die Polizei obendrein noch eine andere Empfehlung zur Verbesserung der Sicherheit in der Südkurve gegeben haben. Nämlich die Anbringung von Schildern, die den Weg aus der Kurve zeigen. Denn bei einer eventuellen Panik schaut man ganz sicher nicht als erstes auf den Boden. Diese Schilder aber gibt es bisher wohl nicht – das Grau aber, das ist wieder da.

„Die Kurve das bleibt, was sie immer war: blau, gelb und weiß. So oder so.“

Beim FC Carl Zeiss Jena, dem Hauptmieter, zeigt man sich betroffen: „Fingerspitzengefühl und Empathie buchstabieren sich sicherlich anders“, sagt Andreas Trautmann, der Pressesprecher. Und er gibt sich trotzig: „Es wird daran nichts ändern, dass die Kurve das bleibt, was sie immer war: blau, gelb und weiß. So oder so“, sagt er.

Übel aufgestoßen waren ihm und dem Trainergespann bekanntlich auch, dass KIJ der ersten Mannschaft am vergangenen Donnerstag verbot, kurz auf dem Hauptplatz zu trainieren. Als „Jenaer Besonderheit“ apostrophierte Trainer Volkan Uluc diesen eigenartigen Umstand. KIJ-Mann Thomas Graf hatte dazu aber auch eine Begründung parat: Die Arbeiten am Flutlicht seien noch nicht abgeschlossen gewesen, zudem seien die Zusatztribünen gerade erst abgenommen gewesen. „Das war alles Spitz auf Knopf“, sagt er. Der Verein habe eine ganze Trainingseinheit auf dem Hauptplatz beantragt. „Und das geht nicht. Dieser Platz ist kein Trainingsplatz“, sagt Graf. Auch KIJ habe in den vergangenen Wochen viel Zeit investiert und man hoffe, dass alles klappt. „Wir arbeiten mit dem FCC gut zusammen“, sagt Graf.

Auch habe er das Gespräch mit den Fans gesucht, um ihnen die Problematik mit der Südkurve zu erklären. Die damals einfach ohne Absprache zu bemalen, sei der falsche Weg gewesen, bemerkt Graf. Für den Montag kündigte er im Telefonat mit der TLZ noch am Freitag die Maler an – die kamen aber schon am Samstag.

Michael Ulbrich kommentiert: Die Museumswächter

Dem Eigenbetrieb „Kommunale Immobilien Jena“ gebührt großer Dank. Denn niemand würde wohl über ein neues Fußballstadion reden, wenn der Stadioneigentümer es nicht museumsreif heruntergewirtschaftet hätte.

Als Museumswärter sind die Bürokraten der Abteilung „Sportstätten“ bestens geeignet. Sollen sie doch gleich ein Schild vors Stadion hängen: Bitte nicht betreten! Bitte nichts anfassen! Eltern haften für ihre Kinder!

Bei KIJ agiert man welt- und fußballfremd! Wo ist deren Freude, dass der FC Carl Zeiss Jena in deren Stadion den Großen Paroli bietet? Selbst in der Champions League ist es dem Gästeteam erlaubt, einen Tag vor dem Spiel im Stadion zu trainieren. Und die eigenen Leute aus der eigenen Stadt verwehren ihrem Heimatverein diesen Vorteil! Die KIJ-Attitüde ist „Betreten verboten!“, statt „Das ist euer Rasen, Jungs. Macht sie fertig!“ – Wer so handelt, so entscheidet, sollte sich aus dem Sport verabschieden.

Der FC Carl Zeiss Jena war es, der das Flutlicht und die Zusatztribünen und deren Aufbau organisiert hat. Eigentlich hätte das Aufgabe von KIJ sein müssen. Der FC Carl Zeiss Jena hatte den riesigen Aufwand, um den Fehler des Flutlichtabrisses zu heilen – und als Dank darf die Mannschaft nicht auf dem Rasen trainieren und die Südkurve wird grau angestrichen. Das Entsetzen ist groß – nicht nur bei den Fans. Hiesige Politiker, Aktive anderer Sportarten schütteln nur mit dem Kopf eingedenk so großer „Kommunaler Inkompetenz Jena“.

Dass die Südkurve nun wieder in altem Grau dahinsiecht, fußt auf einer Notlüge. Schreibt die Bürgerinitiative „Unser Stadion“. In der Tat: Es gab keine behördliche Anweisung der Polizei – dem gegenüber steht ein „Wir können nicht anders“ vom zuständigen KIJ-Abteilungsleiter. Sie hätten anders gekonnt, aber sie wollten nicht. Der Stachel bei KIJ saß tief, als man auf richtige Anordnung des Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter diese unsinnige Anzeige wegen Sachbeschädigung zurückziehen musste. Jetzt hat man seinen Willen; Auge um Auge. Wie entlarvend.

Reaktionen aus Jena und dem Umland: „Region sollte zusammenstehen“

Dr. Mario Voigt, Generalsekretär der CDU Thüringen:Es wäre ein starkes Signal gewesen, wenn wir in dieses DFB-Pokalspiel auch mit unseren Farben gegangen wären. Als Region sollten wir zusammenstehen, um diese großartige Chance zu nutzen, den VfB Stuttgart zu schlagen – stattdessen werden Steine in den Weg gelegt.

Daniel Kraus, Cheftrainer des FF USV:Vielleicht hätte sich am Freitagabend gegen Berlin mal jemand von KIJ in die Südkurve stellen sollen, um sich ein Bild zu machen. Aber so hat das nur den Geschmack einer Retourkutsche. Alle in dieser Stadt freuen sich auf dieses Spiel am Mittwoch – und die beschäftigen sich mit so etwas. Das ist nicht zu verstehen.

Markus Giebe, SPD-Fraktionsvize im Jenaer Stadtrat:Das ist eine überflüssige Aktion von KIJ. Es hat in den letzten Spielen niemandem geschadet, dass das EAS bunter geworden ist. Insofern ist das unnötig. Das mit den Fluchtwegen ist absurd. Das ist keine Begründung, die den realen Tatsachen im Stadion an Spieltagen entspricht.

Elisabeth Wackernagel, Vorsitzende des Stadtsportbundes Jena:Ich finde es interessant, dass man so viel Geld dafür hat – aber auf der anderen Seite kein Geld hat, um mal etwas an Hallen für den Schulsport zu machen. Lieber streicht man plötzlich diese Kurve grau. Und der Grund dafür ist für mich auch nicht einleuchtend.

Ralph Lenkert, MdB, Die Linke: Ich habe das Gefühl, ich wohne nicht in Jena, sondern in Schilda. Wir sollten ernsthaft den KIJ-Haushalt überprüfen, wenn für so was Geld da ist. Das ist ein Affront und es zeigt die Ignoranz einiger. Es scheint Verantwortliche zu geben, die dem Fußball Knüppel zwischen die Beine werfen wollen. Ohne Gefühl!

Matthias Stein, Leiter des Fanprojekts:Man sollte über Ultras, die vorrangig dadurch auffallen, dass sie ihr Stadion in den Vereinsfarben erstrahlen lassen, mehr als froh sein. Bunte Kurven sind definitiv besser als braune oder graue. Wenn farbige Stufen unser größtes Problem sind, verstehe ich das nicht. Arbeitszeit und Farbe wurden vergeudet.

Steffen Heilmann, Sprecher BI „Unser Stadion“:Das ist ein Schlag ins Gesicht der Fans. Sie haben Farbe in den tristen Alltag gebracht, das marode Stadion aufgehübscht. Und kurz vor der Fete gegen Stuttgart gibt es diesen Nackenschlag. „Support your local Team“ ist das Motto des FCC – das sollten sie sich auch in den KIJ-Büros zu Herzen nehmen.

FC Carl Zeiss Jena: Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!

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