Klassik-Stiftung macht Kulturgeschichte auf großem Parkett

Das diesjährige Ausstellungs-Programm profitiert von Kooperationen und zeigt Leihgaben aus halb Europa in Weimar.

Motiv aus der klassischen Mythologie: Die aquarellierte Federzeichnung Friedrich Burys (1763-1823) zeigt eine antik gewandete Figur auf ein kolossales Medusenhaupt zeigend.Foto: Klassik-Stiftung

Motiv aus der klassischen Mythologie: Die aquarellierte Federzeichnung Friedrich Burys (1763-1823) zeigt eine antik gewandete Figur auf ein kolossales Medusenhaupt zeigend.Foto: Klassik-Stiftung

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Weimar. Zwar widmet die Klassik Stiftung Weimar ihre wichtigste Ausstellung 2013 dem "Alleskünstler" Henry van de Velde (1863-1957), sie setzt aber zugleich weitere Programm-Akzente in ihrer eigentlichen Domäne, der klassischen Zeit: mit Zeichnungen und Graphiken unter dem Titel "Wahlverwandtschaften", mit einer Retrospektive auf den zu Unrecht vergessenen Klassizisten Friedrich Bury und last, but not least mit Hommagen an Wieland.

Deutlich wird bei diesen Projekten, wie Deutschlands zweitgrößte Kulturstiftung immer effizienter und internationaler von ihrem wachsenden Kooperationsnetzwerk profitiert. So wandert die Schau über Van de Velde, die ab 24. März unter dem Titel "Leidenschaft, Funktion und Schönheit" im Neuen Museum gezeigt wird, direkt nach Abbau Ende Juni gen Brüssel. Der belgische Multikünstler, von 1902 bis 1917 in der biederen Klassikstadt nicht gerade allseits beliebt, avanciert so aus Anlass seines 150. Ehrentages zu einem posthumen Exportschlager der Weimarer Moderne.

Ein exquisiter Coup glückt zum unvermeidlichen Goethe-Geburtstag mit den "Wahlverwandtschaften". Sie präsentieren im Schillermuseum Zeichnungen und Graphiken der Goethezeit aus der Privatsammlung Charles Booth-Clibborns. Der Londoner Verleger verdient sein Geld vornehmlich als Distributor namhafter Brit-Pop-Artisten wie Damien Hirst und hegt als Steckenpferd ein Faible für Runge, Tischbein, C."D. Friedrich & Co. "Er hat eine riesige Sammlung", schwärmt der Weimarer Graphik-Experte Professor Hermann Mildenberger. Umso heller die Freude, vier Fünftel der Blätter aus einer bevorstehenden Exposition im British Museum, London, übernehmen und in einen Dialog mit Werken aus eigenen Beständen setzen zu dürfen.

Den Weimarer Titel hat Mildenberger mit Bedacht und mit Gusto gewählt: zum einen, weil sich die gezeigten Werke nicht gänzlich präzise in die enge Epoche des Klassizismus einordnen lassen, zum anderen, um an den im Goethe-Roman als englischer Lord porträtierten und Grand-Tour-reisenden Künstler Charles Gore zu erinnern. Ein bibliophiler, deutschsprachiger Katalog wird vom großzügigen Booth-Clibborn gesponsert.

Kleine Schauen gedenken Wielands

Einen internationalen Zirkel schlägt schließlich eine dem Klassizisten Friedrich Bury gewidmete Personalausstellung aus Anlass dessen 250. Geburtstages. Dieser Goethe-Freund gilt, obzwar heute nur noch Experten vertraut, als ein wichtiger Por­trätist seiner Zeit und lernte den berühmten Dichter als Wohngenossen auf Romreisen kennen. Ihm nach Weimar folgend, vermochte er dort nicht Fuß zu fassen und reüssierte bald später in Berlin - zumal als Lehrer, insofern ihn die Preußenprinzessinnen Auguste und Friederike Wilhelmine nach ihren Eheschließungen mit an die Höfe nach Kassel bzw. in die Niederlande mitnahmen.

Deshalb wird es ab 1. Mai im Schillermuseum neben einer Auswahl aus mehr als 100 Bury-Zeichnungen aus eigenen Beständen auch einige prominente Leihgaben etwa aus Den Haag geben, kündigte Mildenberger an. Die Weimar-Besucher dürfen sich auf treffliche Konterfeiungen u."a. Goethes, Herders und Jean Pauls sowie auf einige Szenen aus der römischen Wohngemeinschaft freuen. Parallel zur Vorbereitung der Schau entsteht der überfällige Bury-Werkkatalog.

Mit vergleichsweise geringem Aufwand, doch gleichwohl großer Expertise widmet die Stiftung sich Christoph Martin Wieland, dem eigentlichen Gründervater der Deutschen Klassik. Wenn nun die gebildeten Stände seines 200. Todestages am 20. Januar gedenken, eröffnet im Wittumspalais sechs Tage später eine Kabinettausstellung, und im August erhellt das Goethe- und Schiller-Archiv (GSA) die mirakulösen Umstände des Oßmannstedter Wielandgrabes, das außer den Gebeinen des Klassikers auch jene seiner Ehefrau Anna Dorothea sowie die Sophie Brentanos birgt: "Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben"..." Die Schätze aus den GSA-Archiven, welche u."a. den Nachlass des Dichters, Übersetzers und Herausgebers bewahren, werden jedoch nur zum kleinsten Teil ans Licht der Öffentlichkeit gehoben.

Dennoch mag man das Ausstellungsprogramm der Weimarer Stiftung für umso beachtlicher halten, als sie 2013 ihre größten Energien auf vom Weimar-Besucher unbemerkt bleibende Aktivitäten lenken muss: auf den Bezug des neuen Zentralen Museumsdepots im Herbst und auf das beginnende Planungsverfahren des neuen Bauhaus-Museums, das laut Präsident Hellmut Seemann nun frühestens Ende 2016 zu eröffnen ist. Darüber, ob weitere Verzögerungen ins Haus stehen, fällt in den nächsten Wochen eine Vorentscheidung.

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