Mildenfurth: Wie Volkmar Kühn eine mystische Welt erschuff

Von Gera stadtauswärts nur ein paar Kilometer, schon ist man in Mildenfurth angelangt - und unversehens in einer vollkommen anderen Welt. Ein Kloster soll es hier geben. Aber dieser seltsam erhabene, gedrungene Bau, der den Flecken dominiert, wirkt mehr wie ein Rittergut, ein Renaissanceensemble waghalsig aufgesetzt auf zwei Natursteingeschosse erheblich älteren Datums.

Besinnliche Ruhe herrscht in Mildenfurth: In strengem Gleichmaß ziehen die Figuren ihre bedächtige Runde. Volkmar Kühn (rechts, vor "Große Verführungsgruppe") hat den Klostergarten mit seinen Werken in einen Skulpturenpark verwandelt. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Im milden Novembernachmittagslicht fühlt sich der Besucher augenblicklich entschleunigt. Er lugt durchs verriegelte Tor in der hohen Mauer, erblickt dort Gestalten im Garten und will schon rufen, winken, da weiß er im selben Moment, dass sie nicht antworten werden. In sich gekehrt, würdig dem Weltenlauf enthoben, verharren sie stumm im Gleichklang mit der Natur. Auf den zweiten Blick, nein, sind es nicht Menschen, nicht Tiere - eher Wesen der dritten Art. Wie heißt doch dieser Ort: Wünschendorf? Erinnerungen an Märchen aus Kindheitstagen erwachen.

Auf dem verwucherten Wirtschaftsweg zu einem Nebengelass der seltsamen Anlage ruht eine Katzenskulptur, die, Aug' in Aug' mit dem Besucher, sich zu herzhaftem Gähnen hinreißen lässt. Es ist, wie man später erfährt, Paul, und auf seine alten Tage sieht er nicht eben aus, als ob er sich nur von Kirchenmäusen ernährte. "Kommen Sie doch erst einmal rein", sagt da plötzlich eine kauzige Figur, die wie aus dem Nichts aufgetaucht ist.

Befremdliche Wesen zuhauf

"Das war mal der Schweinestall", erklärt der Bildhauer Volkmar Kühn, als er die Tür zu seinen Wohn- und Arbeitsräumen öffnet. Schüchtern schweift der Blick über Tische, Regale und freistehende Fachwerkbalken, die von schlanken, armhohen Bronzefiguren okkupiert worden sind. Lauter befremdliche Wesen, manche mit Menschengesichtern, andere mit Tierköpfen wie aus der ägyptischen Mythologie. Trotz der Werkstattatmosphäre fühlt man sich von heiligem Schauder erfasst. "Sie wollten doch in die Kirche?" fragt Kühn. Schon ist er wieder verschwunden, nur um zwei Ecken in dem verwinkelten Haus, und prompt stehen wir im Klostergarten.

"Sehen Sie da diesen romanischen Bogen?" zeigt er auf eine Struktur in der Fassade. "Wie schade, dass sie das zugemauert haben!" Mit früheren Denkmalskonzepten war Kühn nicht immer einverstanden. Unverhohlen liebt er das ehemalige Kloster mehr als das gewesene Schloss. - "Ich? Bin ja hier nur der Hausmeister", macht er sich klein. Das freilich ist arg untertrieben, seit 1968 lebt und arbeitet Kühn in Mildenfurth. Mit Leib und Seele ist er in dem alten Gemäuer verwurzelt. "Ich halte Schafe und verschneide auch die Obstbäume", umreißt er seine bescheidene, naturverbundene Lebensweise. So als sei er der letzte der Prämonstratenser am Ort - ein kunstliebender Klosterbruder, wie ihn Wackenroder und Tieck in den "Herzensergießungen" beschrieben.

Mit ausholenden Armbewegungen deutet Abt Volkmar an, wo früher Refektorium, Schlafräume und Nebengebäude lagen, dann betreten wir durch einen Seiteneingang die Vierung der alten Stiftskirche. Renaissance-Bögen wölben sich über einen Saal mit gut 100 Stühlen. "Das war ein Geschenk der Gemeinde zur 800-Jahr-Feier des Klosters Mildenfurth", klärt Kühn gleich auf. "Seit 1992 bemühen wir uns, das Pflänzchen Kultur hier zu pflegen."

Der Veranstaltungsraum taugt für Konzerte und Lesungen, einmal im Jahr gibt's ein Klostergartenfest und eine Gastausstellung, die der Bildhauer und seine Ehefrau, die Graphikerin Marita Kühn-Leihbecher, im Verein mit ein paar Getreuen aus der Gegend ehrenamtlich organisieren. Trotzdem ist das Ganze immer noch schwerlich als ein Kirchengebäude erkennbar. "Wir sind hier im Querhaus", sagt Kühn. "Da im Mittelschiff" - Fingerzeig nach links oben - "habe ich mal gewohnt."

In der Tat besitzt Mildenfurth eine höchst merkwürdige Historie. 1193 hat der Weidaer Vogt Heinrich das Kloster Prämonstratensern aus Magdeburg gestiftet, die ehrwürdige Pfeilerbasilika im Zentrum der Anlage stammt aus dem frühen 13. Jahrhundert. Sie gilt bis heute als bedeutendstes Zeugnis der Spätromanik in der gesamten Region. Doch 1543, im Zuge der Reformation, wurde das Stift aufgelöst und die Liegenschaft an den Coburger Hauptmann Matthes von Wallenrod verkauft. Der ließ alsbald die beiden dominanten Westtürme abtragen, Zwischendecken in die Kirchenschiffe einziehen und Wohngeschosse aufsetzen. Das Gotteshaus mutierte zum profanen Schloss.

Aufschüttungen ohne Drainage

Daher überwölbt der Renaissancestil die ursprüngliche sakrale Romanik, und der Bau ist gewiss der kurioseste Zwitter in ganz Mitteldeutschland. "Nein, eine Klosterkirche", insistiert Kühn. "Schlösser haben wir hier doch viele." Warum will ihn nur keiner verstehen! "Sie müssen sich nur die Pfeiler und Querbögen wegdenken", rät er. Im Saal nebenan hat eine archäologische Grabung ein Tonnengewölbe freigelegt. "Das ist nachträglich eingezogen worden. Das ganze Areal wurde ja damals um zwei Meter aufgeschüttet." Was heutzutage die Sanierung erschwert, weil natürlich Drainagen fehlen. Zudem hat Wallenrods Umbau die Statik in einen heiklen Zustand versetzt.

Über eine steinerne Wendeltreppe stapfen wir hinauf. "Dieser Turm ist auch erst später angefügt worden", bedeutet Kühn. Für das erste Obergeschoss hat er den Schlüssel, weiter hinauf kommen wir nicht. Am Ende werden wir nur einen kleineren Teil besichtigt haben.

Aber das reicht für den Schrecken. Denn das Haus befindet sich in einem Zustand zum Gotterbarmen. Durch ein hässliches, mannsdickes Loch in der Balkendecke spähen wir ins nächste Geschoss. Die Rußflecken an der Wand - dort, wo mal ein Kamin eingebaut worden sein muss - sind noch das geringste Übel. Wir suchen unseren Weg durch einen Wald aus provisorischen Stützen.

Nach dem Weltkrieg diente Mildenfurth als Altenheim und als Obstlager. Bald wurde es einfach aufgelassen. Als man das Areal 1995 der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten zuschlug, war Volkmar Kühn, wie ein Hausbesetzer, längst vor Ort. Gern ließ man ihn, der sich um das Nötigste kümmert, gewähren. Bloß hat die landeseigene Stiftung auch kein Geld, um die Sanierung energisch voranzutreiben. Zwar wurde vor kurzem das Dach des Langhauses erneuert, aber das Gerüst an den Stümpfen des Westportals steht schon eine kleine Ewigkeit. Eigentlich wollte man nächstes Jahr weitermachen, damit das Haus allmählich wieder einen begehbaren Zustand erhält. Doch hat der sparwütige Finanzminister der Stiftung den Etat zusammengestrichen.

Kühn zuckt die Achseln, beklommen treten wir den Rückzug an. Wieder im Freien, wird der Künstler lakonisch. Leise knirschen unsere Schritte auf den Wegen. "1997 habe ich begonnen, das Außengelände zu bevölkern." Er meint seine lebensgroßen Plastiken. Vorm Westportal thronen drei bronzene Bischöfe, die Hände wie zum Segen ausgebreitet. Aus einem Portal lugt eine Gruppe tönerner Wesen hervor. Vor uns vier langbeinig Schreitende. Dort eine Zirkusreiterin, wunderbar grazil mit ausgestreckten Armen auf dem Pferderücken balancierend. Wir schweigen lange - als gelte es, monastische Regeln zu respektieren.

Fraglos sind diese Figuren beseelt

Hager, wie von mönchischer Askese gezeichnet, verkörpern diese Figuren erdenkliche Anmut und Würde zugleich. Geraden Rückens und verschlossenen Gesichtsausdrucks ähneln sie uns - und sind doch nicht wie wir. Zwischen ihrer kontemplativ in sich gekehrten Haltung und ihrer expressiven Gestik, als wollten sie uns Dringliches bedeuten, besteht eine merkwürdige Spannung. Äußerlich kühl, unnahbar, sind sie fraglos beseelt. Ein Völkchen für sich, selbstbestimmt wie ihr Schöpfer, führen diese vermeintlichen Klosterbrüder und -schwestern ihre stille Existenz in paradiesischer Abgeschiedenheit.

Er habe mal kurz im Geraer Neubauviertel Lusan gewohnt, erzählt Volkmar Kühn. Nicht auszuhalten sei das gewesen. Man habe ja nur mal den Gipseimer auskratzen müssen, schon klopft's an die Wand. Inzwischen formt er seine Figuren fast nur noch in Wachs - als Vorlage für den Bronzeguss - und in hochreinem Schamotte-Ton. "Ich arbeite eben sehr traditionell, und ich halte daran fest und lebe auch so", bekennt er. Als sei er der Letzte seiner Art.

Als Tierpfleger im Leipziger Zoo

Ursprünglich hat Kühn Modelleur in der Sitzendorfer Porzellanmanufaktur gelernt. Nach dem Studium in Leipzig verdingte er sich eine Zeitlang als Tierpfleger im Zoo, um in jeder freien Minute zu zeichnen. Was seinen untrüglichen Sinn für Proportionen erklärt. Wo immer seine Figuren ihren vorbestimmten Platz einnehmen, definieren sie einen Raum. Aufträge nimmt dieser Künstler nie an. "Ich mache nur, was hier drinnen ist", sagt er und klopft sich auf die Brust. Er folgt einem inneren Drang, den er nicht zu bändigen, nicht anders zu artikulieren weiß als durch seine Kunst.

Dabei arbeitet Kühn langsam und im Einklang mit sich, seiner Welt und seinem Schöpfer, grad wie ein Klosterbruder. "Mildenfurth treibt mich an", gesteht er. Hier hat er ein Arkadien gefunden und sich "auf das fassbar menschliche Maß" konzentriert. Freundschaftlich verabschieden wir uns, es wird ja schon dunkel. Beim wehmütigen Blick zurück scheint es aus der Dämmerung des Klostergartens leise zu winken: "Auf Wiedersehen." - Auf bald, bestimmt.

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