Barocke Prunklust lockt die High-Potentials an

Eine empirische Opern-Studie von Jenaer Ökonomen erregt Aufsehen in der Zunft.

Sinnbild für traditionellen Musikgenuss: Die Dresdner Semperoper zieht nicht nur Touristenströme in die Elbmetropole, sondern wirkt auch als gewichtiger Faktor bei der Standortwahl Hochgebildeter. Foto: apn

Sinnbild für traditionellen Musikgenuss: Die Dresdner Semperoper zieht nicht nur Touristenströme in die Elbmetropole, sondern wirkt auch als gewichtiger Faktor bei der Standortwahl Hochgebildeter. Foto: apn

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Jena. "Natürlich", bestätigt Stephan Heblich lachend, "gehen auch Volkswirte gern in die Oper." Fast wäre dies eine eigene Studie wert, doch werden deren Ergebnisse durch eine Aufsehen erregende Arbeit bereits vorweggenommen, die Heblich und zwei Kollegen jetzt vorgelegt haben. Ihr verblüffendes Ergebnis: In Deutschland korreliert die räumliche Verteilung von Opernhäusern aus absolutistischen Zeiten auffällig mit der Dichte an hochqualifizierten Arbeitnehmern. Demnach hegen sogenannte High-Potentials - also kreative und innovative Köpfe mit hohem Bildungsabschluss - bei der Wahl ihres Arbeitsorts eine signifikante Vorliebe für jene Regionen, in denen man die traditionellen Kulturwerte pflegt.

Das mag prima vista nach einer abenteuerlichen These, gar einer Wunschvorstellung altbackener Theaterstrategen aussehen. Doch zählt Heblich, der bis September am Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik forschte und inzwischen an die schottische Universität Stirling wechselte, ebensowenig zu den eingefleischten Theoretikern seiner Zunft wie die beiden Koautoren der Studie, der Jenaer Universitäts-Professor Michael Fritsch und Oliver Falck vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München. Auch geben sie sich bei der Arbeit keineswegs kulturbeflissenen Fantasien hin. Vielmehr arbeiten die drei grundsätzlich empirisch, das heißt: auf der Basis eindeutigen Zahlenmaterials.

So haben die Forscher 29 "barocke" Opernstandorte von Aachen bis Dresden und Lübeck bis München untersucht, deren Theatergründungen zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und 1800 stattfanden. Monieren möchte man dabei bloß die großzügige Epochendefinition. Aber gemeint sind repräsentative Einrichtungen, die - unabhängig von der damaligen Wirtschaftskraft - vornehmlich der Prunklust der Regenten oder, in selteneren Fällen wie Hamburg und Frankfurt, einer wohlhabenden und selbstbewussten Bürgerschaft dienten.

Weitere Faktoren eingerechnet

Sodann ermittelten die Forscher anhand von Sozialversicherungsdaten die Verteilung von Arbeitnehmern mit Universitätsabschluss auf die 439 Landkreise und kreisfreien Städte in der Republik. Und siehe: Nicht nur die Dichte der in der Künstlersozialkasse versicherten Freiberufler, sondern nahezu grundsätzlich aller Hochqualifizierter, gleich welcher Branche sie angehören, nimmt auffällig zu, je näher ihr Landkreis zu einem alten Opernhaus situiert ist.

Man könnte dieses Resultat für einen Zufall halten, indes tatsächlich andere Infrastruktur-Faktoren die Ursache wären. Aber Heblich & Co. haben diesem vorhersehbaren Einwand Rechnung getragen und beispielsweise die Verteilung von Hochschulstandorten auf die Regionen sowie deren wirtschaftliche Attraktivität miteinkalkuliert. Und selbst dann bleibt der Effekt bestehen.

Es geht also, wie Heblich betont, nicht nur um regionale Künstlerszenen, die freilich selbst ebenfalls eine wirtschaftliche Bedeutung besitzen, sondern um Innovativpotenziale generell. In historischer Zeit mag das leichthin erklärbar sein; heute indes spielt neben der Pflege der Kulturangebote vor Ort auch der traditionelle Nimbus eine Rolle. Als habe sich die Sehnsucht nach Repräsentation über die Jahrhunderte fortgepflanzt. - Warum sonst hätte der Arbeiter- und Bauernstaat DDR die feudale Semperoper nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg anno 1985 unter erheblichen Anstrengungen wieder aufgebaut?

So mag heute den Optikspezialisten nicht zuletzt die Aussicht auf Weimarer oder Geraer Opernbesuche nach Jena und den Informatiker die Lust auf Semperoper nach Dresden locken. "Das Vorhandensein eines künstlerischen Umfelds hat Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Region", diagnostiziert Heblich nüchtern.

Bestätigt finden die Jenaer Ökonomen dies durch eine Migrationsstudie von McKinsey, in der 500 000 Hochqualifizierte nach den Kriterien für ihre Standortwahl befragt wurden: Das Kulturangebot rangierte dabei schon an fünfter Stelle. So ist dem Ex-Jenaer Stephan Heblich klar: "Wenn man das künstlerische Umfeld fördert, lockt man Hochqualifizierte an."

Umgekehrt mahnen die Ökonomen eindringlich, traditionelle Theaterstandorte nicht kurzsichtig und leichthändig abzuwickeln. - Auch davon wüsste man in Thüringen ja ein bitteres Lied zu singen. Allerdings weisen sie die Verantwortung dafür nicht dezidiert den öffentlichen Händen zu. Auch Unternehmen könnten ihr Scherflein beitragen.

Inzwischen hat die Jenaer Studie Resonanz zum Beispiel bei der Deutschen Orchestervereinigung und bei der deutschen Minderheit in Belgien verursacht. Nur mit dem eigenen Schicksal mag der 31-jährige Heblich derzeit ein wenig hadern. Weil seine ehemalige Abteilung am Jenaer Institut dezimiert wurde, hat er sich zu einem Auslandsengagement in Stirling entschlossen. Die nächsten Opernhäuser wären in Glasgow und Edinburgh, aber "das habe ich in vier Monaten noch nicht einmal geschafft". - So dürfte klar sein, dass die schottische Provinz für ihn nur eine Durchgangsstation bleiben kann.

Die Studie ist online verfügbar unter: http://ftp.www.iza.org/dp5065.pdf

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