"Breiviks Erklärung": Eine Perversion des Theaters

Milo Raus eklatante Inszenierung am Freitag in Weimar beruht auf einer empörend törichten Argumentation.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau spricht während einer Fotoprobe der szenischen Lesung "Breiviks Erklärung" mit seiner Schauspielerin, der Deutsch-Türkin Sascha Soydan. Foto: dapd

Der Schweizer Regisseur Milo Rau spricht während einer Fotoprobe der szenischen Lesung "Breiviks Erklärung" mit seiner Schauspielerin, der Deutsch-Türkin Sascha Soydan. Foto: dapd

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Weimar. "Ich bin nicht Breivik", betont Sascha Ö. Soydan nach der Aufführung im Weimarer Lichthaus-Kino. "Ich spreche seinen Text. Ich bin nicht sein Medium." Im Rahmen des szenischen Kongresses "power and dissent" am DNT Weimar hat die deutsch-türkische Schauspielerin soeben die Verteidigungsrede des norwegischen Massenmörders Anders Breivik verlesen, die dieser am 17. April vor den Schranken des Osloer Amtsgerichts gehalten hatte.

Man kann nicht behaupten, dass es sich bei diesem "Reenactment" - als einer Form des Dokumentartheaters - nicht um eine Inszenierung handelte. Allein durch den Rahmen, den theatralen Gestus des "Als ob", wird die Breivik-Rede mindestens in den Status eines künstlerischen Ausgangsmaterials erhoben. Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der für die Produktion des International Institute of Political Murder (IIPM), verantwortlich zeichnet, erläuterte nach der Aufführung zwar in einer dürftigen Podiumsdiskussion, es sei "kein guter Text", aber er nannte ihn "faszinierend". Man müsse sich mit den Inhalten auseinandersetzen.

Dabei bedarf es nicht mal durchschnittlichen Verstandes, um den in sich widersprüchlichen, ideologisch verblendeten Breivik-Stuss zuverlässig als solchen zu identifizieren. Wer wie er am 22. Juli 2011 in Oslo und auf Utøya 77 Menschen niedermetzelt und sich zur Rechtfertigung auf das Völkerrecht und auf die Menschenrechte beruft, gibt sich klar als pathologischer Fall zu erkennen, der außerhalb jeglicher Zivilität steht.

Mit ihm jedoch in eine paranoide Komplizenschaft einzutreten und seinen kruden Gedanken ein Forum - zudem eines der Kunst - zu bieten, lässt sich auch mit ei­nem radikalaufklärerischen Impetus nicht entschuldigen. Sondern die Inszenierung von "No1: Breiviks Erklärung" war eine Perversion dessen, was Theater seit Menschengedenken ist und sein will; sie war eine Beleidigung des Publikums und machte die Schauspielerin Soydan zu einem — allerdings freiwilligen - Missbrauchsopfer. Es wurde die Schaubühne zum Ge­genteil dessen gewendet, was Friedrich Schiller als "moralische Anstalt" postulierte.

Man erkennt an dem Beispiel dieses intellektuellen Irrläufers Milo Rau und seiner Konsorten, wie wenig Horkheimers und Adornos Essay "Dialektik der Aufklärung", vor 75 Jahren publiziert, gefruchtet hat. Raus geistige Libertinage huldigt einem selbstzweckhaften Po­si­tivismus und nimmt eine Verletzung des naturrechtlichen Fundaments, auf dem abendländische Civitas nach unserem philosophischen Verständnis gründet, lässig in Kauf. Aus solch einer Haltung spricht, wenn man sie mit selbstverständlicher Empathie aus der Warte der Breivik-Opfer und ih­rer Angehöriger betrachtet: die kalte Menschenverachtung.

Die Weimarer Intendanz hat Recht damit getan, Raus Aufführung in Räumen des Deutschen Nationaltheaters zu untersagen. Sie hat sich davon klar distanziert - und jeder von menschlichem Geist beseelte Zeuge dieses Eklats hält es ebenso.

Darf man das? "Breiviks Erklärung" in Weimar
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