Das Theaterjahr 2013: Einige Erwartungen wurden enttäuscht

Ein Rückblick auf das Thüringer Theaterjahr 2013, das nicht nur in kulturpolitischer Hinsicht recht ruhig verlief.

Selbst im Weimarer "Lohengrin" barg die Leuchtschrift tiefere Ironie. Das Theaterjahr war kein schlechtes, die Hoffnungen waren zu hoch gesteckt. Foto: Karl-Bernd Karwasz

Selbst im Weimarer "Lohengrin" barg die Leuchtschrift tiefere Ironie. Das Theaterjahr war kein schlechtes, die Hoffnungen waren zu hoch gesteckt. Foto: Karl-Bernd Karwasz

Foto: zgt

Weimar. Kein Dreivierteljahr ist es her, als Strategen des Bühnenvereins die deutsche Theaterlandschaft für die Unesco-Welterbeliste vorschlugen - ihrer einzigartigen Dichte und Fülle wegen. Zwar wissen die Kenner unter uns Theaterfreunden, dass Thüringen da herausragt und mit acht Profi-Theatern und zehn -Orchestern noch fülliger und dichter aufgestellt ist als der Rest der Republik. Aber dass diese Funktionärs-Idee nicht funktionierte, hat uns mit tiefster Befriedigung erfüllt. Denn auf die Welterbeliste gehört, was bedroht ist. Wessen man sich fortan nicht mehr zu versichern braucht, weil man es gesichert glauben darf.

Theater- und Konzertbesuche gehören nicht zum Brauchtum. Es sind Lebensmittel - der intellektuellen und ästhetischen Art. Dafür haben Theaterfreunde und -macher hierzulande jahre-, jahrzehntelang heftig gestritten, bis die Kulturpolitik in personam des zuständigen Ministers Christoph Matschie (SPD) ein Einsehen hatte und sämtliche Institutionen bis 2016 mindestens ausreichend finanziert. Als Moratorium, das - da missverstanden - eine Museumsruhe erzeugt hat.

Fürs Nationaltheater in Weimar sehnte man bis zum Sommer den Epochenwechsel herbei. Aus der Übergangsspielzeit nach Stephan Märkis Abschied blieb kein Schiwago, Wanja oder Shylock in der Erinnerung haften. Umso freudiger, erwartungsvoller wurden der Ex-Stuttgarter Intendant Hasko Weber und sein Team begrüßt. Schneidig ihr Saisonauftakt mit "Faust I" und "Lohengrin" - aber ach: Zu Jahresende stellen wir mit größter Verblüffung fest, dass bisher alle Produktionen der Ära Weber im großen Haus von uns verrissen wurden. Mal vom einen, mal vom anderen. Mal mehr, mal weniger heftig. Gewiss reüssiert der handwerklich vom Hausherrn solide inszenierte Weimarklassiker bei den Schulklassen, dem Bildungsbürger indes ist dieser "Faust" zu flach.

Eine "Butterfly" als Lichtblick

So strategisch Weber es unternimmt, unterschiedliche - und auch neue - Publikumsschichten zu erschließen, so mag dieses Denken womöglich eine gewisse Distanziertheit zum Eigentlichen, dem Bühnengeschehen, bedingen. Als glutvoll gespielt sowie originell und klug inszeniert erinnern wir vor allem die Abschiedspremiere der Märki-Truppe, Puccinis "Madama Butterfly": Eva-Maria Höckmayrs Regie, die das zweiaktige Liebesdrama spiegelbildlich aus der Warte Pinkertons und Cio-Cio-Sans zeigte, und Martin Hoffs umsichtige, emotional wohldosierte Musikin­terpre­ta­tion hätten das Po­tenzial, zur Thüringer Theaterproduktion des Jahres gekürt zu werden.

In Erfurt blieb alles beim alten. Nach zehn Jahren im neuen Haus moniert niemand mehr die einseitige Ausrichtung des Ein-Sparten-Theaters aufs unterhaltsame, ausstattungsmächtige Musiktheater. Und davon, dass Intendant Guy Montavon mit Uraufführungen und Ausgrabungen Marksteine setze, redet niemand mehr außer ihm selbst. Was gab es denn da im Jahrgang 2013? Wir haben zurückgeblättert: Bröders "Frauen der Toten" und Leoncavallos "Medici".

Bei Musicals wie "Anatevka" und "Evita" sah Montavon sich gar der Konkurrenz in der eigenen Stadt durch die "Rocky Horror Show" in der privatwirtschaftlich geführten Alten Oper ausgesetzt. Als weit schlimmer empfindet man unter gebührend objektiver Betrachtung, dass der vom Intendanten bei Dienstantritt vollzogene Abbau der Schauspiel- und der Ballettsparte nicht kompensiert und das seit jeher bestehende Defizit einer zu geringen Orchesterstärke nur prolongiert wird.

Zumindest hat Montavon mit der charmant wirkenden Joana Mallwitz eine neue musikalische Leiterin gekürt. Sie wird ab Sommer 2014 als "jüngste Generalmusikdirektorin Deutschlands" auftreten - ein Superlativ, der beim Alltag im Orchestergraben indes nicht per se Respekt generiert. Mit Samuel Bächli hat Mallwitz einen vorzüglichen Kapellmeister im Rücken. Wünschen wir ihr Glück!

Im Dienstalter gleich hinter Montavon rangieren Lars Tietje in Nordhausen und Ansgar Haag in Meiningen . Während sich der eine wirtschaftlich überhaupt keine Experimente leisten kann und mit dem üblichen Spektrum von Elton Johns "Aida"-Musical bis zu Wagners "Holländer" als Sommer-Open-Air in Sondershausen Kasse machen muss, hat der andere, obschon er‘s sich leisten könnte, auch nichts anderes im Sinn. Meiningens Wagner-Wahn mit Baumgarts "Wahnfried"-Schauspiel und einem wohlfeilen "Tristan" haben wir randständig registriert.

Solange Haag auf hinreichenden Besuchertransfer aus osthessischen und fränkischen Provinzen vertrauen darf, besteht kein Drang zur Veränderung. Bühnenästhetisch repräsentiert sein Haus, was in der Anfangszeit des Regietheaters vor 30 Jahren als Avantgarde galt. Haags "Hamlet" steht exemplarisch dafür ein.

Spannender anzusehen ist dagegen, wie die Partnerbühnen in Eisenach und Rudolstadt sich entwickeln. In der notorisch finanzklammen Wartburgstadt bleiben nach wie vor die Ränge bei Meininger Gastspielen leer, auch wenn sich die Auslastung inzwischen gebessert hat. Aber die Eisenacher - das sei allen Fusionstheoretikern ins Stammbuch geschrieben - wollen partout Eigenes sehen. Da kann selbst Peter Shaffers "Amadeus"-Komödie beinahe lokalen Kultstatus erlangen, während das "Luther"-Musical vielleicht allzu kommerziell gedacht war.

Steffen Mensching in Rudolstadt versteht es geschickt, sein Haus zum soziokulturellen Zentrum der Stadt zu machen. Mag sein, dass die Bühnenadaption von Volker Brauns "Hellen Haufen" als altkommunistisches Klagelied selbst bei unserem (lokal-)patriotischen Rezensenten nur Schulterzucken hervorrief. Mindestens fürs etablierte Mehrgenerationenfestival "60plus" verdient Mensching jedoch höchsten Respekt.

Die Geraer zeigen, was in ihnen steckt

Während sich in Jena die derzeitige Theaterhaus-Truppe ein bisschen zu Tode experimentiert, schweift unser Blick weiter gen Osten, und dort, in Altenburg/Gera , finden wir ein Theater vor, dass man sich schier die Augen reibt. Soeben einen wirtschaftlichen Beinaheabsturz überstanden, machen Intendant Kay Kuntze und Schauspielchef Bernhard Stengele jetzt ihre Handschriften deutlich. Sie stehen ein für ein Theater der Intensität und der Dringlichkeit, das nahbar ist und uns angeht.

Das gilt nicht nur für "Die im Dunkeln", ein Auftragswerk über eine Altenburger antikommunistische Widerstandsgruppe in den 50er Jahren. Mein Kollege möchte Stengeles Lesarten von Horváths "Kasimir und Karoline" oder Shakespeares "Sommernachtstraum" zur Inszenierung des Jahres küren; ich halte die "Lady Macbeth" von Kuntze und Ader­hold sowie "La Bohème" von Pilavachi und dem neuen GMD Laurent Wagner dagegen, weil diese Opernproduktionen zeigen, was ein prekär aufgestelltes Haus unter äußerster Anspannung noch zu leisten vermag.

Also einigen wir uns: Wir stellen keine einzelne Produktion, sondern ein ganzes Haus heraus. Altenburg/Gera mit allen fünf Sparten, die dazu gehören, ist unser Theater des Jahres 2013. Solange, wie es dort der Fall ist, mit Leidenschaft, Fortune und Professionalität um die Kunst gerungen wird, hat Theater niemals etwas Museales.

Man wird gefälligst daran denken, wenn nach der Landtagswahl 2014 ein neuer oder alter Kulturminister zwecks "demografischer Anpassung" Hand an diese Theaterlandschaft legen will, wenn wieder Fusionsfieber ausbricht und die Bühnen in den finanzschwachen Städten Gera und Eisenach oder Orchester in Gotha und Rudolstadt zur vermeintlichen Disposition stehen. Ob ihrer Fülle und Dichte üben unsere Theater überregional gewiss nicht allzu viel Attraktion aus. Aber vor Ort, in der Region brauchen wir sie. Wie ein Lebensmittel.