Ein eiskaltes Frauenleid

Michael Talkes Regie sorgt im Weimarer "Werther" für Empathie mit Charlotte.

Foto: zgt

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Weimar. Bis zum finalen Akt benötigt Michael Talke mit seiner "Werther"-Inszenierung am DNT Weimar, dann gelingt ihm eines jener verstörend schönen Bilder, die einen Opernabend unvergesslich machen: Durch ein hohes Fenster schauen wir am Weihnachtsabend hinein in das Wohnzimmer der jungvermählten Albert und Charlotte - es schneit. Aber nein: Nicht auf die Dächer und Firste der friedvollen Kleinstadt Wetzlar rieseln leise feine Eiskristalle, sondern bloß drinnen, in der guten Stube der Beiden, fallen die frostig glitzernden Tränen hinab, die die Himmlischen weinen. Das charakterisiert die Temperatur dieser Beziehung - einer gefühlskalten Ehehölle.

Weit greift der Regisseur damit über Goethes Briefroman hinaus, und er illustriert klar, was Jules Massenet in seiner Literaturoper lediglich andeutet. Damit auch der Allerletzte im Publikum es noch begreift, wird‘s sogar plakativ, muss Albert seiner Ehefrau Gewalt antun und sie vergebliche Fluchtversuche aus ihrem grau-gräulichen Gefängnis unternehmen. So hätte diese Oper wohl besser "Charlotte" heißen sollen?

Freilich ist es nicht einfach, etwas zu inszenieren, dessen Ausgang ohnehin jeder kennt: jenes Scheitern der Amour fou zwischen Werther, der seine idealisch übersteigerte Empfindsamkeit mit hemmungsloser Konsequenz auslebt, und einer zur Liebe erweckten Charlotte, die bei Massenet - anders als bei Goethe - nicht nur an bürgerliche Konventionen, sondern zudem an das Gelübde am Sterbebett ihrer Mutter, Albert zu ehelichen, gekettet ist. Die Entwicklung der Figuren vollzieht sich in der Oper mit fein ziselierter Psychologie - vor allem als innere Handlung in der Musik.

In den farbästhetisch von Barbara Steiner wundervoll klar gestalteten, von noblem, bald als bedrückend wahrgenommenem Grau dominierten Bühnenräumen böte sich das rechte Ambiente für ein drangvolles Kammerspiel. Talke jedoch erzählt am liebsten in symbolhaften Bildern, die er aus der Belle Epoque ins zeitliche Irgendwo der Nachkriegszeit rückt. Eine religiöse Motivik, wie sie bei Massenets Schmerzensmann mindestens untergründig spürbar wird, hat darin keinen Platz.

Auch die Selbstsucht des Titelhelden, sich immer mehr, immer blindwütiger und auswegloser in eine Liebesmanie hinein zu treiben, übersetzt die Regie statisch, indem sie ihn von Beginn an bis zum Ende als Schlagerhelden zeigt, der sich für seine Umwelt und Fans kaum interessiert. Der stumpfe Spießbürger Albert indes muss sich bis zur Karikatur eines plumpen, sadistischen Patrons entlarven; feinsinnigen Gemütern hätte seine Infamie, Charlotte zu zwingen, dass sie Werther selbst die für eine "lange Reise" erbetene Pistole aushändigt, schon genügt, um diesen Charakter zu erkennen. Und die adoleszente Sophie, die sich ein bisschen in Werther verguckt und darüber ihre naive Unverstelltheit verliert, bleibt letztlich eine blasse, vertändelte Kopie ihrer Schwester.

Kein Kuss auf dem Sterbebett

Nein, einzig Charlotte sollen wir unser Mitgefühl schenken: wie sie sich mit Perücke und Pillen zurüstet, um die bürgerliche Fassade zu wahren, und nicht die Chance hat, ihren wahren Gefühle im Spiegelkugelglamourglanz mit Werther freien Lauf zu gewähren. Da braucht‘s sogar zwei Doubles, um die Idee von einer Turtelei auszuleben, und nicht einmal auf dem Sterbebett gibt sie ihm einen Kuss. Ihr "tout est fini" meint mehr das eigene, erstarrende Leben als das des sterbenden Geliebten.

Trotz solch dramaturgischer Mängel ist der Weimarer "Werther" ob Talkes Deutungserweiterung und faszinierender Bilder sehenswert. Vor allem aber ist er überaus hörenswert, und dafür sorgen Kapellmeister Martin Hoff und eine exzellente Staatskapelle mit kammermusikalischer Differenziertheit sowie einer ätherisch, warmen und empathiemächtigen Intonation. Da hört man aus dem Graben weitaus mehr als das kalte Frauenleid, das man auf der Bühne sieht.

Julia Rutigliano interpretiert die Charlotte so reif, souverän und in der Prosodie so versiert, dass sie dies auch auf jeder größeren Bühne vermöchte. In Uwe Schenker-Primus findet man einen sonoren, Respekt heischenden Amtmann, in Alik Abdukayumovs Albert ein überragendes Scheusal und in Elisabeth Wimmers spielfreudiger Sophie eine mit famoser Disziplin geführte Koloraturstimme. In die wahrlich mörderische Titelpartie tastet der junge Artjom Korotkov sich mit aller Vorsicht und Umsicht hinein. Das macht ihn sympathisch, zumal er über einen schön geschmeidigen, hellen Tenor verfügt, dem es - vorerst noch - an Volumen fehlt. Da weiß man, der wird einmal ein überragender Werther.

Weitere Vorstellungen: 23. Jan., 2. u. 14. Feb.

DNT-Homepage

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