Nike Wagner: Rückbesinnung auf die Kunst, das Neue zu suchen

Die frühere Kunstfest-Intendantin gibt Auskunft über den vorbildhaften Theatermacher Gerard Mortier und die Uniformität unserer Festivals.

Herzlich begrüßt Intendantin Nike Wagner ihren Kollegen Gerard Mortier, als er 2005 zum Kunstfest kommt. Ihrem "pèlerinages"-Konzept zollt er höchste Anerkennung. Foto: Harald Wenzel-Orf

Herzlich begrüßt Intendantin Nike Wagner ihren Kollegen Gerard Mortier, als er 2005 zum Kunstfest kommt. Ihrem "pèlerinages"-Konzept zollt er höchste Anerkennung. Foto: Harald Wenzel-Orf

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Weimar. Morgen verleiht das Goethe-Institut, wie stets an Goethes Geburtstag, in Weimar die Goethe-Medaillen an Persönlichkeiten, die um den internationalen Kulturaustausch herausragende Verdienste erworben haben. Neben dem US-Regisseur Robert Wilson und der polnischen Intendantin Krystyna Meissner wird der dritte Preisträger jedoch fehlen: Gerard Mortier ist am 9. März mit 70 Jahren gestorben.

Der Belgier hat als Kulturmanager das europäische Theaterleben nachhaltig beeinflusst. Als Intendant führte er von 1981 an die Brüsseler Oper, das Théâtre Royal de la Monnaie, zu neuer Blüte und modernisierte anschließend ab 1991 die Salzburger Festspiele in der Nach-Karajan-Ära grundlegend. Er gestaltete die ersten Ruhrtriennalen 2002-2004 und leitete zuletzt das Teatro Real, Madrid. Über seine Vorbildwirkung sprachen wir vorab mit seiner morgigen Laudatorin, Nike Wagner, die nach ihrer zehnjährigen Intendanz des Weimarer Kunstfestes nun dem Beethovenfest in Bonn obwaltet.

Kriminologen sagen, eine Täterin treibe es immer zurück an den Ort der Tat. Mit welchen Gefühlen reisen Sie nach Weimar?

Mit den allerbesten! Ich bin Beute einer hemmungslosen Verklärung dieser Stadt. Ihrer Pflastersteine und Parks, ihrer Blickachsen und Bratwurststände. Nur die Weimar GmbH vermisse ich nicht. Sie hält es doch wirklich für nötig, mein Kunstfest abzuwerten, um das neue aufzuwerten. Aber dieses Weimar gehört - und gehörte - eben immer auch dazu.

Wenn das Kunstfest zu Ende geht, beginnt Ihr Beethovenfest in Bonn. Bitte werben Sie in drei, vier kurzen Sätzen bei unseren Thüringer Lesern, warum sie unbedingt eine Stippvisite zu Ihnen an den Rhein unternehmen sollten!

Ich nenne nur drei Dirigentennamen: John Eliot Gardiner, Andris Nelsons und Yannick Nézet-Séguin. Sie kommen mit internationalen Orchestern. Egal, welche traditionellen Werke diese drei Musiker dirigieren - immer Ernst, Feuer, Wahrhaftigkeit... Superschön wird auch unser europäisch besetztes Streichquartettwochenende mit Werken zwischen 1813 und 2014.

Das aktuelle Festival hat noch Ihre Vorgängerin programmiert; Sie planen sicherlich schon fürs nächste Jahr. Erwartet die Bonner dann ein ebensolches Hardcore-Niveau der ästhetisch-intellektuellen Rezeptionsakrobatik, wie es in Weimar war?

Um Himmels Willen! Ich kann den fröhlichen Rheinländern doch nicht dieselben Kunstpilger-Qualen zumuten wie dem hiesigen Publikum! Der Bonner liebt Künste, die gut unterhalten, der Rhein fließt, die marodierenden Franzosen sind längst wieder weg, und die zeitgenössischen Künstler toben sich in Köln und bei der Ruhrtriennale aus ...

Im Ernst: "Bonn ist nicht Weimar", um einen berühmten politischen Essay zu zitieren. Was hier viel breiter "Kunstfest" hieß, heißt dort sehr genau umrissen "Beethovenfest". Der alte Meister steht im Mittelpunkt. "Komponierte" Programme werden sein Werk umranken und kommentieren. Aber es wird auch "im Geiste" des Revolutionärs Beethoven programmiert - hat er die - musikalische - Kunst etwa nicht in die Zukunft getrieben?

Viele Festivals machen inzwischen vermeintlich volkstümliche Konzessionen. In Schleswig-Holstein zum Beispiel gab es dieses Jahr auch Popmusik mit Elton John. Wie denken Sie darüber?

Ich denke da gar nicht lange nach, ich füge mich bestimmten Zwängen. Es gibt Unternehmen, von denen das Überleben des Beethovenfestes abhängt. Im Gegenzug entwickeln wir für sie eigene "populäre" Programme. Aber da achten wir auf interessante Gruppen, auf einen "Mix", mit dem auch ich leben kann.

Welche Tugenden muss eine Intendantin und welche Vorzüge ein Festival aufweisen, um im großen Zirkus der nationalen Festivalitis mit einem unverwechselbaren Profil sichtbar zu werden?

Alle Festivals heute streben verzweifelt nach dem "Alleinstellungsmerkmal". Das kann ein Komponist sein, eine Musikrichtung, eine Landschaft, ein Bauwerk, eine Location. Zugleich entkommt kein Veranstalter den Gleichmachereien, wie sie durch die Kulturindustrie einerseits und die Folgen öffentlicher Sparpolitik andererseits gegeben sind. Ohne "Promi-Künstler" bleiben die Häuser leer, Promi-Künstler aber liefern häufig Routine, sind halt auf Tournee. Engagieren wir sie nicht, drohen "Quote" und Rotstift. Dennoch gibt es Wege, und ich bleibe dabei: Man versuche, durch stringente Programm-Dramaturgie aufzufallen, man versuche, Raritäten und Unbekanntes in das gewohnte Repertoire einzuschmuggeln, man bleibe sich unserer Gesellschaft und Gegenwart bewusst. Ohne Phantasie und Mut geht da nichts. Aber ohne Ausdauer und Schwung beim Einwerben von Geldern auch nicht ...

Nun haben Sie in Weimar die ehrenvolle, traurige Aufgabe, Gerard Mortier posthum zu laudatieren. Wie würden Sie seine Zeit als Chef der Salzburger Festspiele charakterisieren?

Mortier hat eines fertiggebracht - und das ist ungeheuer: Er hat den Übergang von Karajans Star-Kultur zur Werk-Kultur geschafft. Der Glanz fiel jetzt nicht mehr auf die Diven und Pultmatadore, sondern auf die Stücke - die deswegen gar nicht immer "neu" sein mussten. Er achtete darauf, dass seine Teams das Neue in alten Werken entdeckten und die neueren mit größter konzeptueller Genauigkeit erarbeiteten. Er hat die Prinzipien der großen Theater-Erneuerer seiner Zeit - die "Re-Lecture" a la Peter Stein, Ariane Mnouchkine, Patrice Chéreau - auf die Oper übertragen und damit seine geliebte Oper aus der Routine geholt und das Publikum wachgerüttelt.

Wichtiger als seine zehn Jahre in Salzburg waren vielleicht gar die zehn in Brüssel. Hat er nicht Ungeheuerliches riskiert, so viele Uraufführungen auf die Bühne zu bringen?

In Brüssel waren es weniger die Uraufführungen als der unvergessliche Mozart-Zyklus. Das von Salzburg und Wien festgeklopfte Mozart-Bild wurde sorgfältig aufgebrochen, psychologisch wie politisch; nie wurde plump aktualisiert. Und sein hochintelligenter Brüsseler "Ring" mit Herbert Wernecke und Sylvain Cambreling war grandios! In Salzburg dann gab es einige Uraufführungen, vor allem aber hat er die modernen Klassiker gebracht: Berlioz, Janacek, Messiaen ...

Mortier war ein Kämpfertyp und verdammt kompromisslos. Kann man sich das in der Kunst heutzutage noch leisten?

Mortier war wunderbar "frech" mit großen Autoritäten, nicht nur mit den Wiener Philharmonikern, sondern auch mit großen Sponsoren, wenn diese sich in den Vordergrund schoben. Zugleich war er aber klug: Oper verschlingt nun mal Gelder. Seine Überredungskunst vor Gremien und Kuratorien und bei Fundraising-Dinners war legendär.

Als Gast hat Gerard Mortier auch Ihr Kunstfest "pèlerinages" besucht und das Konzept überschwenglich gelobt. Hat Sie das stolz gemacht?

Na und wie! Ich war sehr glücklich als er 2005 zum Gedenkkonzert für Buchenwald erschien. Sein Freund und Weggefährte Sylvain Cambreling dirigierte damals die Staatskapelle mit Werken von Gija Kancheli und Karl Amadeus Hartmann. Wir haben gefeiert!

2008 haben Sie beide sich gemeinsam um die Intendanz in Bayreuth beworben. Wie hätten Sie den Grünen Hügel revolutioniert?

Wir hätten den teils verwelkten, teils bereits eventartig aufgepeppten Hügel erst mal künstlerisch neu gedacht und wieder auf Niveau gebracht, vor allem den Gesang, wir hätten eine konsequente neue Bayreuther Dramaturgie gebracht ...

Das Letzte, was Mortier auf den Weg bringen konnte, war die "Brokeback Mountain"-Oper am Teatro Real, Madrid. Was ist das Vermächtnis eines solchen Geistesmenschen?

Der Künstlerintendant Mortier ist nicht wirkungslos geblieben. Sein Kunstwollen, sein Konzept-Denken und sein Beharren auf gesellschaftspolitischen Kontexten für die Oper haben international Maßstäbe gesetzt. Visionäre sind immer Rufer in der Wüste - Mortier aber hat seine Jünger und Schüler, die an der Erneuerung des Musiktheaters weiterarbeiten.

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