"Sepsis" in Jena: Nichtigkeiten des Forscher-Alltags

Simon Meienreis Stück wurde am Theaterhaus uraufgeführt.

Endlich Party: Die "Sepsis"-Forscher im Theaterhaus Jena haben sich lustig verkleidet. Foto: Dette

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Jena. Es ist eine triste Laborsituation: Sieben Darsteller liegen leblos auf grauem Linoleum, eingehüllt in ein karges Soundbett. Mählich beginnen sie zu zucken - ebenso die Klangkulisse - und raffen sich mühsam nach und nach auf. Den drei Tänzern, die, während die anderen abgehen, bleiben, gelingt nun eine einfache, durchweg synchrone Bewegungsstudie, die man mit etwas Phantasie als Todeskampf deuten könnte.

Szenenwechsel. Zwei Weißkittel diskutieren unter gleißend aseptischem Neonlicht über die Qualität des Instantkaffees aus dem Automaten. Offenbar handelt es sich um die Frühstückspause in einem Klinikum oder Forschungsinstitut, und irgendwie spinnt sie sich über die gesamte eineinhalbstündige Aufführungsdauer im Theaterhaus Jena fort. Zumindest verspürt ein den darstellenden Künsten herzlich zugewandter Besucher weder einen dramatischen Fortgang noch eine Erschütterung. Es sei denn über die Banalität der Dialoge und den Dilettantismus der Akteure.

Moritz Schönecker, der Theaterhaus-Chef persönlich, hat das Stück "Sepsis - Das System ist vergiftet" zum Auftakt des Jenaer Festivals "Theater in Bewegung" als Uraufführung inszeniert. Den Text steuerte Dramaturg Simon Meienreis bei, der laut Webinfo in Bochum geboren wurde und mal einen Wellensittich hatte. So schreibt er auch. Die Dialoge seines Vier-Personen-Stücks bestehen aus sinnfreien Flachheiten, garniert mit bauernschlauen Sentenzen und pseudomedizinischen Floskeln. Schon der Hinweis auf dem Programmzettel, bei einer Sepsis seien es "auto-immune Abwehrkräfte, körpereigene Bakterien, die unser System schließlich zersetzen", verursacht spontanes Haaresträuben. "Körpereigene Bakterien"? Da können E. coli & Co. nur kichern. Dort, wo sie existieren, gehört diese Produktion eigentlich hin.

Der Institutschef begeht einen Mord

Gutwillig kann man unterstellen, Meienreis habe Anleihen beim Theater des Absurden gezeichnet, ohne das artifizielle Niveau dessen vergangener Größen zu streifen. Wo der Zuschauer sinnsuchend fragt, hüllt die Welt sich in vernunftwidriges Schweigen. Somit gälte es, uns die alltägliche Absurdität einer Biowissenschaftler-Existenz vor Augen zu führen.

Tatsächlich betreibt das Universitätsklinikum Jena voluminöse Forschungsverbünde zur Sepsis, und das Center of Sepsis Control and Care wird als Kooperationspartner des Theaterhauses genannt. Fachlicherseits ist indes nur wenig eingeflossen. Außer dass Yves, der kurzbehoste Weißkittel-Chef, in Mickey-Mouse-Stimmlage über einen Sepsis-Leitfaden sinniert und emsig, wie seine Mitstreiter, Formeln und Zeichen mit gelbem Leuchtstift auf das Linoleumgrau malt. All das ist eben so, wie Klein-Simon es sich so vorstellt.

Gestört wird der Alltag durch Mathias, der ei­ner übergeordneten Forschungsinstanz, dem "Zentrum", angehört, und dessen Präsenz heftige Aktivitäten und Kompetenzgerangel hervorruft. Als die hoffnungsvolle Nachwuchsforscherin Rahel beschließt, mit ihm ins "Zentrum" zu gehen, wird sie von Yves erschlagen. Dieser schwach motivierte Mord stellt keinen Höhepunkt dar. Nur den Schluss des Stücks. Schale Turbulenz entfacht lediglich eine Party im Institut, indem alle Hygienevorschriften - der repetitive Ritus der Desinfektion - außer Acht bleiben, Johanna sich auf den Tisch und mitten hinein in die Schnittchen setzt und Yves in den Pa­pier­korb erbricht.

Die Präzision in Artikulation und szenischer Darstellung gelingt den Akteuren derart, dass man mindestens einem von ihnen einen Berufswechsel vorschlagen möchte. Zudem inszeniert Regisseur Schönecker in quälender Langatmigkeit, eine ästhetische Einbindung der Tänzer gelingt nicht, und der Sinn dieses Spiels ist die Sinnlosigkeit. Erkenntnisfrei, doch in tiefer Sorge um die künstlerische Qualität des Theaterhauses Jena fühlt man sich von dieser mit Weltrettungspathos vergifteten Aufführung am Ende erlöst.

Weitere Vorstellungen: Heute, 15. u. 16. Nov.

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