Tankred Dorst über seinen "Merlin", der im DNT Premiere feierte

Ein Gespräch mit Tankred Dorst über "Merlin", über die virtuelle, globalisierte Welt und über die dramatische Kunst im technischen Zeitalter.

Gerne in Weimar, unter den Klassikern früherer Tage, zu Gast: Tankred Dorst vorm Deutschen Nationaltheater, wo sein "Merlin" vergangene Woche Premiere feierte. Foto: Maik Schuck

Gerne in Weimar, unter den Klassikern früherer Tage, zu Gast: Tankred Dorst vorm Deutschen Nationaltheater, wo sein "Merlin" vergangene Woche Premiere feierte. Foto: Maik Schuck

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Wie hat Ihnen die Premiere Ihres "Merlin" in Weimar gefallen?

Normalerweise gehe ich gar nicht zu Premieren, sondern lieber zu Generalproben. Aber es war aus Termingründen nicht anders möglich. Was ich in Weimar gesehen habe, hat mir sehr gefallen. Es ist eine schöne Aufführung mit vielen Details. Wie der Zuschauer die Inszenierung aufnimmt, kann ich nicht beurteilen, weil ich das Stück zu gut kenne und nicht weiß, wie sich die Geschichte für jemanden fügt, der das komplette Stück nicht kennt. Es ist ja ein großer Steinbruch von Szenen, Momenten und Personen...

Bei Kritikern gehört ja das Mäkeln zum Berufsethos: Mir war die Weimarer Spielfassung zu unpolitisch.

Das kann ich nicht finden, weil ich immer, wenn ich eine Fassung auf der Bühne sehe, das ganze Stück vor Augen habe. Komplett wird es nie gespielt - dazu ist es wohl zu lang. Alle Kürzungen sind, ob gewollt oder nicht, Interpretationen. Es ist immer die Frage, was dem Regisseur wichtig und unwichtig ist, und vielleicht hat er sich etwas ganz anderes vorgestellt als ich mir beim Schreiben. Man kann mit dem Stoff natürlich eine engere politische Haltung verbinden, wie es Christoph Hein in "Die Ritter der Tafelrunde" tut. Aber das war nicht die Absicht. Für mich ist "Merlin" ein Versuch, in Form eines Weltmärchens die Verhältnisse in der Welt als Ganzes darzustellen und nicht das politische Tagesgeschehen.

Natürlich. Als ich mich mit dem Stück befasst habe, dachte ich, der wahre Merlin, der in die Zukunft sehen kann, muss vor 30 Jahren, als er es geschrieben hat, Tankred Dorst selbst gewesen sein. Er hat nicht nur den Runden Tisch geweissagt, sondern auch das Ende der Utopien. Geht Ihnen nicht, wenn Sie Ihr Stück an der inzwischen stattgehabten Geschichte abgleichen, ein Schauer über den Rücken?

Naja. Ein Stück schreiben ist ja mein Leben. Ich selbst will das gar nicht als Vision oder Utopie sehen, obwohl Utopien ein Thema in "Merlin" sind. Ich habe Aufführungen in Budapest, Prag und Kiew gesehen, wo für das Publikum das Hauptinteresse in der zusammenbrechenden oder nicht mehr geglaubten Utopie bestand. In diesen Ländern hat sich das, was ursprünglich gar nicht meine Hauptabsicht war, automatisch ergeben. Aber inzwischen verlief doch die Weltgeschichte derart, dass man den Utopien gegenüber außerordentlich skeptisch geworden ist. Und ich selber auch. Wir haben uns damals jedoch mit der Frage beschäftigt, wie das Leben denn möglich sein sollte ohne Utopie. Ich denke - mal so für mich: Der Mensch braucht eine Utopie. Er steht morgens auf und putzt sich die Zähne - und dann fängt die Utopie schon an.

Welche Utopie können Sie empfehlen, nachdem der Sozialismus sich als untauglich erwiesen hat und der Kapitalismus gerade ebenfalls seine Zusammenbrüche feiert?

Sie sagen es! Vielleicht werden die späteren Generationen fragen, was für ein schreckliches Jahrhundert das unsrige war, als utopische Gedanken, um die Welt zu verbessern, zu gewaltigen Katastrophen geführt haben.

Im "Merlin" mag der Teufel die Idealisten, weil sie ganze Völker in die Hölle geführt hätten. Ist das ein Reflex auf persönliche Lebenserfahrungen?

Natürlich, in gewisser Weise ist alles aus persönlichen Erfahrungen geschöpft. Aber diese ist nicht nur meine eigene, sondern die Lebenserfahrung von zwei, vielleicht drei Generationen im Krieg und Nachkrieg: dass das Böse und das Gute nicht einfach zu trennen sind. Als ich "Merlin" in Stockholm gesehen habe, hieß es in einem Pressegespräch, so ein Stück könne nur ein Deutscher schreiben, weil in Schweden das Böse gar nicht existiere. Aber schon aus dieser Feststellung blinzelt es ja hervor. Zwar haben die Schweden keinen Weltkrieg zu verantworten, doch nicht nur im Krieg, auch im täglichen Leben geschehen böse Dinge. Und das sind oft die, die uns am schärfsten berühren.

Ihr Stück trägt deutlich experimentellen Charakter. Würden Sie sagen, dass es die Funktion der Bühne ist, einen Experimentierraum für das menschliche Miteinander, für menschliche Verhaltensweisen zu gewähren?

So, wie Sie das sagen, klingt es für mein Ohr gut - speziell für dieses Stück, das eine Welt neben unserer wirklichen Welt ist und eine Welt abbildet, während sich unentwegt die eine an der anderen misst. Beim Schreiben eines solchen Stückes richtet sich der Blick auf die wirkliche Welt, wie ich sie einfügen kann - und umgekehrt. Die Spannung eines Theaterstücks beruht letztlich darauf, dass man sich mit dieser oder jener Figur identifizieren will - oder eben nicht. Vor der Uraufführung in Hamburg, als das Stück erst als Exposé vorlag, diskutierten Regisseur Peter Zadek und seine Leute, wer sich mit welcher Figur identifizieren wolle. Zu meiner Überraschung hat Zadek selbst nicht Merlin, den Zauberer, auserkoren, sondern Artus. Und der Dramaturg meinte, Parzival könnte man heute überhaupt nicht schreiben. Da dachte ich, gerade Parzival interessiert mich - außer Merlin - am allermeisten.

Besitzt das Theater heute noch diese gesellschaftspolitische Kraft wie in den 70er und frühen 80er Jahren?

Meine Zeit begann in den Sechzigern, als ich "Toller" geschrieben habe. Der Dichter Ernst Toller, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Räterepublik gründen wollte, war für mich eine Identifikationsfigur - auch im Negativen, seinem mangelnden Realitätssinn, dieser Schwärmerei. Aber man sah, obwohl ich es früher geschrieben habe, das Stück als eines über die 68er. Damals jedenfalls funktionierte Theater als Diskursort, wie es heute nur noch in selteneren Fällen gelingt. Es befindet sich nicht mehr in dieser Aufregung, mit politischen Argumenten um sich zu werfen.

Während die Diskursebene heutzutage vielleicht eher in Blogs stattfindet. Verzeihen Sie mir bitte die Frechheit meines Vorsatzes, Sie nach dem Internet zu fragen!

Ich kann nichts darauf antworten. Ich schreibe mit einem Kugelschreiber und bin auf medialem Gebiet ganz unwissend.

Das heißt, Sie haben auch keine Freunde im Facebook?

Nein. Nur im wirklichen Leben.

Aber wenn ich mir anschaue, dass Sie für ganz unterschiedliche theatrale Formen und Medien - von der Puppenbühne bis zum Fernsehspiel - gearbeitet haben: Wäre da nicht das Internet heute ein denkbares Medium für Ihre Arbeit?

Ich schreibe fürs Theater. Solange man in diesem Beruf arbeitet, denkt man an szenische Abläufe, an Figurenkonstellationen. Die Stücke, die ich geschrieben habe, sind auf sehr verschiedene Weise benutzt worden, als Libretto, als Hörspiel, als Film. Aber Internet? Ich weiß es nicht, für das Technische bin ich nicht begabt.

Glauben Sie, dass wir uns wegen der neuen technischen Möglichkeiten eines Tages gar nicht mehr im gemeinschaftlichen Theatererlebnis und einer anschließenden Diskussion über unser Gemeinwesen verständigen, sondern nur im Virtuellen kommunizieren und einander begegnen? Können Sie sich das vorstellen?

Das kann ich, aber nur sehr ungern. Darüber wird heute ebenso diskutiert wie über die Frage, ob es eines Tages noch Bücher gibt. Damit aber würde sich auch unsere Lebensform ändern. Wenn es nicht mehr wichtig wäre, ein schönes Buch wie Tolstois "Krieg und Frieden" zu besitzen, zu lesen, die Seiten umzublättern, sondern alles nur noch virtuell wäre, täte es mir sehr leid. Das wäre eine Verarmung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Verleger, ein Regisseur oder ein Fernsehredakteur von mir erwartet, mit diesen technischen Mitteln umzugehen.

Den Status, dass viele junge Leute lieber im Internet surfen als ein Buch zur Hand nehmen und lieber in sozialen Netzwerken plaudern als ins Theater gehen, haben wir doch schon erreicht. Was bedeutet es in Ihren Augen, wenn wir uns immer mehr im Virtuellen, in dieser entwirklichten Wirklichkeit, bewegen?

Die gar nicht wirklich da ist! Ich höre das auch immer von Verlagen, dass das Buch überhaupt aufhört. Ich hoffe, dass das so schnell nicht gehen wird, dass es immer noch Bücher gibt, auch wenn sie vielleicht teuer sind. Aber sie sind immer noch Gegenstände. Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Gegenstände abgeschafft werden.

Körperlichkeit erlischt, wenn Menschen sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht begegnen.

So wie wir gerade, indem wir in verschiedenen Städten sitzen, miteinander nur telefonieren.

Dabei habe ich den Vorteil, Ihr Porträtfoto vor mir auf dem Bildschirm zu sehen, und ich stelle mir vor, wie sich, während wir sprechen, Ihre Lippen bewegen.

Das ermutigt Sie?

Es verschafft mir zumindest eine größere Unmittelbarkeit...

...während ich in einem Wintergarten sitze und auf den Walter-Benjamin-Platz schaue und mich auf meine Fantasie verlassen muss, wenn ich mir Wolfgang Hirsch dort in Weimar vorstellen will.

Aber wir hören den Tonfall des anderen, seinen Sprechduktus. Sind es Diffusionserscheinungen unseres Gemeinwesens, wenn man das Aseptische des Mediums dem persönlichen Umgang vorzieht?

Ich weiß nicht. Ich kenne niemanden, der sich nur auf die Neuen Medien beschränkt. Vielleicht haben Sie recht, der technische Fortschritt überwältigt alles. Alles was machbar ist, wird gemacht. Das ist ein unheimlicher Gedanke. Gibt es denn keine Gegenbewegung?

Es liegt an uns selbst. Oder würden Sie das Internet in seiner Spezifik der künstlichen Wirklichkeit als einen Mythos des 21. Jahrhunderts bezeichnen wollen?

Ein interessanter Gedanke. Nur kenne ich es zu wenig, um darüber zu urteilen. Ich hab' das alles ja gar nicht, bin ein Urmensch sozusagen. Leben kann ich trotzdem. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke - ich bin ja vom Dorf -, da war das Leben nicht derart beherrscht von technischen Mitteln. Als ich 14 war, da ist man mit dem Floß gefahren oder hat sich Indianergeschichten erträumt. Das Leben war, in gewisser Weise, auch langweiliger als heute. Heute sind Industrien fieberhaft tätig, um die Zeit der Kindheit mit allen möglichen technischen Mitteln zuzudecken. Dabei denke ich, das Sich-Langweilen ist eigentlich etwas dem Menschen Nützliches.

Inwiefern?

Es setzt die eigene Fantasie in Bewegung. Wenn Maschinen tätig sind, um die Langeweile zu verscheuchen, führt das zu einer Verarmung.

Leben wir in einer fantasielosen Zeit?

Ja - oder die Fantasie bewegt sich auf anderen Gebieten. Technik, Naturwissenschaft...

In keinem früheren Jahrhundert wäre uns ein solch ungeheuerlicher, die Welt verändernder Technikfortschritt widerfahren. Erschreckt Sie das?

vieles ist natürlich besser, als es früher war. Technisch, gesellschaftlich. Wir leben in einer sehr freien Welt, wenigstens in Mitteleuropa. Ursula Ehler und ich arbeiten seit 20 Jahren für ein Festival "Neue Stücke aus Europa", so dass wir viel reisen. Da ist man, auf der Suche nach guten Stücken, mal für zwei Tage in Moskau, dann in Irland und im Kosovo. Da bemerke ich nicht, dass die Technisierung, die sogenannte Globalisierung der Welt die unterschiedlichen Kulturen einander uniform machte. Ich sehe allerdings, dass immer weniger Stücke geschrieben werden, die einen Anfang und ein Ende, die Personen und eine Story haben.

Sondern?

Dafür gibt es Arbeiten in der Art einer Performance. Man inszeniert kein neues Stück, sondern man inszeniert die Arbeit des Entstehens eines Stückes. Ich sehe viele Produktionen europaweit, die abstrakt räsonieren und sich entfernt haben von dem, was den Menschen eigentlich ausmacht - weil sie keine Geschichte haben. Ich will das nicht verallgemeinern, es ist nur eine subjektive Beobachtung.

Wenn wir Bildtelefon hätten, hätten Sie mich nicken sehen können. Das Modewort der Zeit heißt Textfläche. Wie erklären Sie sich das?

Da könnten Sie mich jetzt auch nicken sehen. Eine Erklärung weiß ich nicht. Ich glaube, das Problem wird mit der Zeit abnehmen. Man wird wieder darauf kommen, solange es das Theater überhaupt gibt, dass es wieder Geschichten über Menschen erzählt. Sofern es Talente gibt, die Menschen schreiben. Man schreibt ja nicht Sätze, sondern Menschen. Textflächen hätte man früher als dramaturgische Schwäche angesehen und gar nicht erst auf die Bühne gebracht. Auf einmal ist das gewollt. Theater ist ein Medium, das alles aufnimmt, durch die Mühle dreht und vielleicht wieder ausspuckt. Theater ist ein malmendes Medium. Textflächen haben mich nie verlockt. Wenn ich keine Menschen mehr im Kopf habe, kann ich vielleicht zur Textfläche übergehen...

Woran arbeiten Sie?

Vier Stücke möchte ich noch machen. Eines davon hat damit zu tun, dass ich, als ich vor vielen Jahren den Büchner-Preis bekommen habe, eine Rede über Georg Büchner halten sollte. Ich habe mir damals vorgestellt, es würde in einem Antiquariat ein Zettel auftauchen, auf dem in Büchners Handschrift das Wort "Aretino" stünde. Was für ein Stück könnte das sein? Büchner hat vermutlich kein Wort davon geschrieben. Meine Rede handelte von diesem nicht vorhandenen Stück. Jetzt habe ich den Entwurf meiner Rede wieder gefunden und mich gefragt: ,Warum hast Du es damals nicht geschrieben?' Jetzt mache ich es. Es handelt übrigens auch vom Weltuntergang.

Wenn ich die Schlagworte unseres Gesprächs bedenke, frage ich mich, woher Sie diesen Optimismus nehmen.

Der tiefere Grund, weshalb viele andere keine Stücke über Menschen mehr schreiben, ist vielleicht, dass sie nicht mehr sagen können oder wollen, was das ist, die "Person". Nur ein Konglomerat aus ganz verschiedenen, einander widersprüchlichen Eigenschaften? Wenn es den Menschen als fassbares Individuum mit einer Lebensverantwortung für alles, was er tut, nicht mehr gäbe, könnte es keine Stücke mehr über Personen geben. Dagegen schreibe ich an.

Zur Person

Tankred Dorst (86), in Oberlind bei Sonneberg geboren und aufgewachsen, gehört zu den führenden Dramatikern unseres Zeitalters. Nach Kriegsteilnahme und -gefangenschaft studierte er in Bamberg und in München. Erste Stücke und theatertheoretische Schriften erschienen Ende der 1950er Jahre; berühmt wurde Dorst mit dem Drama "Toller" (UA 1968). Er arbeitete mit Regisseuren wie Peter Zadek, Peter Palitzsch, Robert Wilson und Dieter Dorn zusammen, schrieb Libretti u. a. für Wilhelm Killmayer und Günter Bialas sowie Hör- und Fernsehspiele. Zu seinen bekanntesten Stücken zählen u. a. "Sand", "Kleiner Mann - was nun?", "Merlin", "Eiszeit", "Ich, Feuerbach", "Parzival", "Korbes", "Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben" und "Herr Paul".

Als Gastdozent lehrte Dorst an Hochschulen in Deutschland, den USA, Neuseeland und Australien. 1970 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis, 1990 den Georg-Büchner-Preis. Mit 80 Jahren debütierte Dorst als Opernregisseur mit Wagners "Ring" in Bayreuth.

Merlin am DNT: Ende aller Gesellschafts-Utopien

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