Offenbarungseid für hehre Kunst-Ansprüche

Ein drastischer Sparkurs ist in Altenburg/Gera programmiert. Ohne Geld von außen geht lässt sich eine Insolvenz nicht abwenden.

Altenburgs Bühne soll unbedingt Produktionsstandort bleiben. Fragt sich, für welche Sparte. Fotos: Hirsch

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Altenburg. Fast zwei Stunden lang gibt Michael Wolf (SPD) den aufdringlichen Journalisten Auskunft über die Finanzmisere seines Theaters, fast die ganze Zeit über hält er seine Hände gefaltet. Herr, lass' Abend werden, mag er denken. Für die Bühnengemeinschaft Altenburg/Gera, als deren Aufsichtsratsvorsitzender Altenburgs Oberbürgermeister fungiert, tritt schon zu Weihnachten die Götterdämmerung ein: Exakt bis zur 50. Kalenderwoche reicht das Geld noch, sagt Wolf.

Ohne fremde Hilfe ist der Konkurs nicht mehr abwendbar. Wolf hofft auf Hilfe vom Land oder zumindest auf die Möglichkeit, einen Überbrückungskredit aufzunehmen. Für die eine wie die andere Lösung wäre ein Konzept erforderlich, wie die TPT Theater & Philharmonie Thüringen GmbH als Dach-Unternehmen dieses Vierspartentheaters für zwei Städte bis 2017, dem Ende der nächsten Finanzierungsperiode, künstlerisch wie wirtschaftlich haushalten soll. Besondere Ansprüche wird man sich kaum mehr leisten können.

Die Ist-Situation beschreibt Wolf mit einer Fülle an Zahlen und Balkendiagrammen. Nein, betont er, ein aktuelles Defizit bestehe ja nicht. Denn man lebt auf Vorschuss, das Land und die Stadt Altenburg haben schon jetzt ihre Dezember-Zuschüsse ausbezahlt. Jedoch selbst wenn die Bühnen florieren und die Zuschauer strömen, wird das Loch in der Kasse Ende 2012 mindestens 1,85 Millionen Euro groß sein (TLZ berichtete). Egal, wie billig man fortan Kunst produziert. Die fixen Personal- und Sachkosten übersteigen die Höhe der öffentlichen Zuschüsse.

Und damit hat die Stunde für einen Offenbarungseid geschlagen. Wie es ab 2013 weitergehen soll, das müssen die Träger bereits jetzt entscheiden. Ohne generelle Strukturentscheidungen des Kultusministers für die Theater und Orchester im Lande abzuwarten und ohne im anstehenden Finanzierungspoker Trümpfe im Ärmel behalten zu können. In der Skatstadt Altenburg spielt man Null-Ouvert.

Ein Spartenabbau ist wohl unvermeidlich

Nur mag sich Wolf vor der nächsten Aufsichtsratssitzung am 8. November nicht in die Karten schauen lassen. Ob er Spartenschließungen einkalkuliere? "Um das Theater zukünftig in fusioniertem Zustand weiter betreiben zu können, ist nichts tabu", sagt er. - "Fast nichts", korrigiert er sich später. Also soll an beiden Standorten weiterhin produziert werden, weil dies der Gesellschaftervertrag zwischen den Städten Altenburg und Gera sowie dem Kreis Altenburger Land verlangt.

Aber man wird drastisch abspecken. Mindestens eine der drei großen Sparten, soviel ist absehbar, muss dann 2013 abgebaut werden, und egal, ob das schwarze Los auf Oper, Ballett oder Schauspiel fällt, trifft dieser Verlust Gera. Denn Altenburg, wo derzeit das Sprechtheater seine Heimstatt hat, muss Produktionsstandort bleiben. Wolf sagt, der Aufsichtsrat habe sich vom Intendanten Matthias Oldag fünf Szenarien für diese fernere Zukunft vorrechnen lassen - und daraufhin ein sechstes gefordert.

Klar erkennt der Aufsichtsratschef indes die Gründe für die aktuelle Misere. Wolf nennt deren drei: 2,4 Millionen Euro kosten die ungeplanten Tarifsteigerungen für den Zeitraum 2009 bis 2012; so wuchsen 13,4 Millionen Euro Personalkosten im Jahr 2006 auf 14,4 Millionen Euro 2010. Zweitens stiegen die Ausgaben für die Gebäude-Instandhaltung von 744 000 Euro 2006 auf 955 000 Euro 2010. Und drittens leistet man sich in der laufenden Spielzeit 2,087 Millionen Euro an Honoraren für Gäste und Aushilfen; 2005/06 waren es nur 1,59 Millionen.

Weil man zu spät erkannt hat, wie die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben aufklaffte, hat man zu lange über die Verhältnisse gelebt. Die Schuld sucht Michael Wolf bei der Leiterin der Buchhaltung und beim Verwaltungsdirektor, aber auch beim Intendanten. Von beiden ersteren hat man sich bereits getrennt. Der Vertrag Matthias Oldags läuft im kommenden Sommer aus, ohne dass Wolf über eine Verlängerung sprechen will, bevor der Haushalt des Theaters nicht konsolidiert ist. Oldag hätte, so Wolf, ein strengeres Controlling walten lassen müssen. Gegen alle drei Verantwortlichen prüfe man Haftungsansprüche.

So ist absehbar, dass das Altenburg/Geraer Theater - selbst wenn man die wirtschaftliche Not überwindet - auf einen künstlerischen Offenbarungseid zusteuert. Alle hochfliegenden Pläne sind perdu, ab geht's auf Provinzniveau. Noch in dieser Saison werden zu kostenintensive Vorstellungen abgesagt, am Spielplan und am Marketing muss gespart werden. Im Gegenzug erhöht man die Eintrittspreise. Und aufwendige Bühnenbilder, teure Ausgrabungen oder besetzungsintensive Werke sind auf lange Sicht nicht finanzierbar.

Die Theaterkrise hat, ohne dass man es rechtzeitig bemerkt hätte, Altenburg/Gera zuerst erreicht. Und die anderen Thüringer Städte? - Michael Wolf macht es vor: Da hilft nur beten.

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