"Weimar darf nicht im Historischen erstarren"

TLZ-Interview mit Minister Christoph Matschie über die "Causa Seemann" und die Zukunft der Stiftung

Verlangt einen Wechsel: Christoph Matschie wünscht sich mehr dynamische Impulse von der Klassik-Stiftung. Foto: Michaelis

Verlangt einen Wechsel: Christoph Matschie wünscht sich mehr dynamische Impulse von der Klassik-Stiftung. Foto: Michaelis

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Weimar/Erfurt. Nach tagelangem Schweigen in der Personalie Seemann nimmt Kultusminister Christoph Matschie (SPD) nun Stellung. Scharf kritisiert er im TLZ-Gespräch die Amtsführung des Klassik-Präsidenten; zugleich definiert er Aufgabenschwerpunkte und Zukunftsvisionen für die Stiftung.

Was macht Sie mit der Arbeit Hellmut Seemanns so unzufrieden?

Es ist kein Geheimnis, dass es an der Amtsführung des Präsidenten immer wieder und seit längerem auch öffentliche Kritik gibt. Es war in der Vergangenheit unvermeidlich, dass man von außen in die Arbeit der Stiftung ordnend eingreifen musste. Ein Beispiel ist das Wirken der Strukturkommission 2005 zur Zukunft der Stiftung. Ein aktuelles Beispiel ist die Auseinandersetzung um den Standort für das neue Bauhaus-Museum, die nur durch mein Eingreifen noch zu einer einvernehmlichen Lösung geführt werden konnte.

Darüber hinaus war von Management-Fehlern, auch in haushalterischen Fragen, die Rede.

Der Landesrechnungshof hat sich mit der Stiftung beschäftigt, und der Landtag hat sich dessen Kritik angeschlossen. Wir hatten uns in der Vergangenheit mehrfach mit massiver Kritik von Sponsoren und Spendern oder Leihgebern an der Amtsführung des Präsidenten auseinanderzusetzen.

Es fühlten sich Sponsoren wie die Allianz-Kulturstiftung und Leihgeber wie Paul Maenz vergrault. War das für Ihre Entscheidung ebenfalls von Gewicht?

Es ist kein Geheimnis, dass Herr Maenz seine Sammlung moderner Kunst aus Weimar abgezogen hat, weil eine gute Zusammenarbeit mit dem Stiftungs-Präsidenten nicht möglich war. All das ergibt viele Gründe, weshalb die Zuwendungsgeber - der Bund, das Land und die Stadt - gemeinsam der Auffassung sind, dass die Probleme im Management der Stiftung keine Verlängerung des Vertrages nahelegen. Wir sind uns darin einig, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr gewährleistet ist. Hinzu kommt etwas ganz Prinzipielles: Kultur-Institutionen brauchen immer wieder neue Impulse. Sie sind keine Erbhöfe. Es bedarf guter Gründe, einen Vertrag, der zehn Jahre läuft, noch weiter zu verlängern. Diese guten Gründe haben wir nicht gesehen.

Kritiker wenden ein, dass ein Wechsel an der Stiftungs-Spitze jetzt noch größere Zeitverluste hervorrufe.

Wenn man dieses Argument ernstnähme, dürfte es auch keine Regierungswechsel geben. Ein US-Präsident darf nur acht Jahre im Amt bleiben, obschon seine Aufgabe wesentlich komplexer ist. Nein, das ist für mich ein absurdes Argument. Für das Amt des Stiftungs-Präsidenten gibt es Verträge auf Zeit, in diesem Fall auf zehn Jahre. Das ist eine lange Zeit, und danach muss es möglich sein, neue Impulse zu setzen und dafür zu sorgen, dass neue Leute neuen Schwung einbringen.

Wie geht die Nachfolgersuche vor sich, nachdem es für einen bereitstehenden Bewerber am Montag keine ausreichende Mehrheit im Stiftungsrat gab?

Wir machen eine Ausschreibung im gesamten deutschsprachigen Raum. Ich bin sicher, dass wir so eine exzellente Lösung finden.

Gibt es Positives über Herrn Seemann zu sagen?

Ich möchte an dieser Stelle betonen: Hellmut Seemann hat seine Verdienste als Präsident der Klassik-Stiftung, die ich nicht kleinreden will. Er hat nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek gute Arbeit beim Wiederaufbau geleistet und hat auch bei der Entwicklung des "Kosmos Weimar" Impulse gesetzt.

Wie kann es sein, da es eigentlich nur um eine reguläre Personalentscheidung geht, dass der Eindruck entsteht, es handele sich um den "Handstreich" eines Ministers?

Die Entscheidung ist in Gesprächen der Zuwendungsgeber in den letzten Wochen diskutiert und vorbereitet worden; von "Handstreich" kann überhaupt keine Rede sein. Es geht dabei nicht um meine Haltung als Stiftungsratsvorsitzender, sondern alle Zuwendungsgeber sind sich in dieser Frage einig. Weder geht es um parteipolitische Fragen noch um persönliche Befindlichkeiten. Sondern um eine nüchterne Bewertung und eine daraus folgende Entscheidung.

Es wurde insinuiert, das Amt des Präsidenten sei nun beschädigt. Wie nehmen Sie diese Kritik auf?

Das Amt des Präsidenten der Klassik-Stiftung ist eine Aufgabe auf Zeit. Es gehört zum Wesen kultureller Entwicklung, dass keine Erstarrung in etablierten Bahnen stattfinden darf. Deshalb kann ich nicht erkennen, weshalb das Amt beschädigt sein sollte. Wir haben ausreichend Zeit, um den Übergang zu organisieren. Ich kann nicht verstehen, weshalb eine so aufgeregte Debatte losbricht und manche meinen, dieses Amt sei auf Lebenszeit verliehen. Das ist es nicht.

Freunde empfehlen Herrn Seemann, er möge sich um die eigene Nachfolge bewerben. Würden Sie ihm dazu raten?

Das muss er selbst entscheiden. Er kennt die Gründe, die zu unserer Entscheidung geführt haben. Ich gebe ihm da gar keine Ratschläge.

Versuchen wir einen Blick auf die Stiftung als Ganzes: Welche Rolle messen Sie ihr im Leitbild für das Kulturland Thüringen bei?

Die Klassik Stiftung Weimar ist ein Flaggschiff der deutschen Kulturlandschaft, und in Weimar bündeln sich wie in einem Brennglas die Glanzpunkte europäischer Kultur ebenso wie die dunkelsten Seiten unserer Geschichte: die Klassik, Nietzsche und das Bauhaus, aber auch Buchenwald und das Gauforum. Deshalb will ich, dass wir Weimar zu einem Ort neuer Debatten über moderne Kultur, über Menschlichkeit, über das Zusammenleben von Kulturen und Religionen machen. Das ist dringender denn je. Die Pflege des Erbes ist fraglos eine sehr wesentliche Aufgabe. Aber Weimar darf nicht im Historischen erstarren. Um Weimar wieder zu einem Ort des aktiven Diskurses zu machen, muss die Klassik-Stiftung eine bündelnde und Initiativ-Funktion übernehmen. Weimar zu einem Ort zu machen, der nicht nur im Verwalten des Erbes glänzt, sondern ein internationaler Treffpunkt kluger, kreativer Köpfe zur lebhaften, lebendigen Debatte ist: Das ist mein Leitbild.

In der bundesweiten, gar internationalen Wahrnehmung kommt die Klassik-Stiftung kaum zum Zuge. Bedürfte es nicht publikumswirksamerer Ausstellungen?

Wir brauchen eine Konzeption, um Weimar zu einem Ort des kulturellen Austausches und der internationalen Debatte zu machen. Ich bin sicher, mit den Potenzialen der Stiftung und mit ihrem großen Mitarbeiterstab kann man dabei sehr viel mehr ausrichten, als wir in den letzten Jahren gesehen haben. Wir stellen für die Stiftung erhebliche Mittel zur Verfügung, allein 156 Millionen Euro bis 2017 für Investitionen. Wir brauchen eine Stiftung, die bereit ist, aktiv diese Aufgabe anzupacken und Impulse zu geben. Dazu gehören auch große und überregional wirksame Ausstellungen - aber eben nicht nur.

War die Kooperationsfähigkeit der Klassik-Stiftung dazu bisher ausreichend?

Ich glaube, dass auch in dieser Frage mehr möglich ist. Zum Beispiel können Bauhaus-Universität und Klassik-Stiftung sehr viel mehr gemeinsam machen. Wir müssen das Know-how der Bauhaus-Universität stärker in die Debatte um die Entwicklung moderner Gesellschaften und ihr kulturelles Selbstverständnis einbinden.

Aber ich denke auch an andere kulturelle Einrichtungen in Thüringen, zum Beispiel an andere Residenzstädte wie Gotha oder an Eisenach. Wir müssen eine sinnvolle Vernetzung erreichen - nicht zuletzt mit tourismuswirtschaftlichen Erträgen. Das ist eine Aufgabe der nächsten Jahre, die nur gelingt, wenn Weimar noch stärker international ausstrahlt.

Sprechen wir über die Bauaufgaben: Geht das etwa schnell und konzise genug voran?

Es ist in der Vergangenheit nicht ausreichend gelungen, für eine rasche Umsetzung der Baukonzepte zu sorgen: die ewig lange Debatte ums Bauhaus-Museum, auch Sanierung und Umbau des Stadtschlosses kommen schleppend voran. Das Geld steht zur Verfügung, verliert aber von Jahr zu Jahr an Wert. Deshalb muss mehr Druck in diese Entwicklung gebracht werden.

Für das Stadtschloss ist bereits 2008 ein Raumbuch angekündigt worden, das offenbar immer noch fehlt. Hätte man nicht mit dem Umbau der Residenz zum "Kosmos Weimar" längst beginnen müssen?

Es gibt Verzögerungen, die möglicherweise dazu führen, dass man es bis 2017 gar nicht mehr schaffen kann. Es ist in den letzten Jahren versäumt worden, die Planungen ausreichend voranzutreiben.

Hätte die Standortsuche fürs Bauhaus-Museum nicht von Beginn an im Konsens mit der Stadt - und der Bauhaus-Universität - betrieben werden müssen?

Die Standortdebatte ist über lange Zeit hinweg nicht konsequent auf ein einvernehmliches Ergebnis hin geführt worden. Sondern jeder hat auf seinem Standpunkt beharrt. Deshalb habe ich gleich, als ich ins Amt kam, diese Aufgabe angepackt. Das Bauhaus-Museum ist ein Projekt, das man nicht gegen die Stadt, sondern nur mit der Stadt betreiben kann. Es wurden zwei Jahre Zeit verloren, wir könnten heute wesentlich weiter sein.

Mitunter erweckte der Prozess zuvor den Eindruck einer Machtprobe zwischen dem Stiftungs-Präsidenten und dem Oberbürgermeister respektive dem Stadtrat.

Man mag das vielleicht auch als Machtprobe betrachten. Fakt ist, dass der Präsident der Klassik-Stiftung nicht in der Lage war, eine einigungsfähige Lösung zu erreichen. Wenn sich jeder in seinen Schützengraben begibt, hat das nur den Effekt, dass Zeit ins Land geht. Es gab deutliche Versäumnisse im Management dieser Aufgabe.

Wo sehen Sie die Klassik-Stiftung 2017?

Dann gibt es mit dem Stadtschloss einen neuen Besuchermagneten, der Wege in die gesamte Weimarer Kulturlandschaft öffnet. Die Stiftung sehe ich in einer Leitfunktion für die Kulturentwicklung in Thüringen und im Zentrum einer internationalen Debatte über das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Weimar ist dann ein Ort, den jeder kennt, weil Weimar Impulse für unsere Zukunft setzt.