Wieland, der verschmähte Dichterfürst

Christoph Martin Wielands, des Stammvaters des Weimarer Klassik, wird morgen aus Anlass seines 200. Todestages gedacht.

Die Büste Wielands wacht noch über das Landgut in Oßmannstedt. Heute hat dort die Klassik-Stiftung eine Gedenkstätte eingerichtet. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Weimar/Erfurt. Einst pries man ihn als berühmtesten Dichter der Deutschen, keinem anderen Autor unserer Sprache widmete zu Lebzeiten ein Verlag eine derart opulente Gesamtedition. Heute indes ist Christoph Martin Wieland in geradezu furchterregende Vergessenheit geraten. Dass 2013 eine Wieland-Zentenar-Feier anstünde, weil "der unsterbliche Sänger" am 20. Januar vor 200 Jahren gestorben ist, mag niemand bemerken.

In Weimar, dem Hauptort seines Wirkens, legt man morgen am leeren Sockel seines Denkmals einen Kranz nieder - die Statue befindet sich gerade zur Restaurierung. In Oßmannstedt - dem Ort seines arkadischen Landgutes - findet sich die Gemeinde am 25. Januar, seinem Begräbnistag, zur Gedenkfeier ein, während die Klassik-Stiftung eine kleine Ausstellung im Wittumspalais eröffnet. Mehr nicht. Wieland? - Allgemeines Achselzucken.

Dabei könnte man gerade den schwäbischen Pfarrerssohn, der am 5. September 1733 in der Nähe von Biberach in kleinbürgerlich-pietistische Verhältnisse geboren wurde, heute als Humanisten und Aufklärer, als Freidenker und vorbildhaften Eu­-ropäer auf den Schild heben. En­-de des 18. Jahrhunderts schätzte man ihn, den Stammvater der Weimarer Klassik, literarisch höher ein als Goethe und Schiller, doch schon im frühen 19. Jahrhundert war er den gebildeten Lesern zu kompliziert, verzopft und angeblich antiquiert. Gegen Ende seines 80 Jahre währenden Lebens sah sich der ungekrönte Dichterfürst offenen und gehässigen Angriffen u."a. seitens der Brüder Schlegel ausgesetzt. Dass er die Französische Revolution begrüßt hatte, nahm man ihm während der Restauration bitter übel.

Als Erster übersetzt er uns Shakespeare

Wieland war ein ungeheuer polyglotter und vielseitiger, vorzüglich vernetzter Vielschreiber. Neben dem voluminösen literarischen Werk füllen allein seine niveauvollen Korrespondenzen dicke Editionsbände. Daneben verfasste er fast beiläufig Publizistisches u."a. für seine wichtigste Zeitschrift, den "Teutschen Merkur", und in Legion Übersetzungen Shakespeares sowie einer Vielzahl griechisch- und römisch-antiker Klassiker. Er erst hat mit seinen Übertragungen den weltbedeutenden englischen Dramatiker auf deutschen Bühnen etabliert.

Schon ob dieses Pensums will ihn der Jenaer Germanistikprofessor Klaus Manger höchstens mit Lessing vergleichen. Manger dürfte sich da als williges Opfer fühlen, weil er in einem Langzeitprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft die überfällige historisch-kritische Gesamtedition leitet. Knapp ein Drittel der bis Ende dieses Jahrzehnts geplanten 36 Bände seien bereits druckfertig, erklärt er.

Trotzdem ist sich der Wissenschaftler bewusst, dass auch dieses herkuleische Vorhaben zu keiner Wieland-Renaissance führen wird. "Ich glaube, er gehörte nie richtig zum Kanon", gesteht Manger. So offen er das sagt, so unbegreiflich mag es ihm insgeheim scheinen. "Wieland lässt sich schwer auf Schlagworte herunterbrechen", erklärt er.

Es gelten die "Verknotungen und Entknotungen" in diesen mit gelehrter, gewitzter Intelligenz anspielungsreich gefassten Texten als Haupthinderungsgrund für eine entspannte Lektüre. Der Horizont des Dichters umfasste die geistige und mythologische Welt der Antike, wovon er selbstverständlich Gebrauch machte, wie auch die zeitgenössische Literatur im europäischen Ausland. Wieland war nicht nur wegen seiner Rezeption des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau ein Moderner. Mada­me de Staël hieß ihn einen Vertreter der "école voltairienne".

Wer aber verfügte heute über den Bildungsschatz, um derlei nachzuvollziehen, wer hätte die Muße, den sprachlichen Wendungen zu folgen? Dabei meint Manger, dass Wieland gerade für das 21. Jahrhundert gut zu gewinnen sein müsste, weil wir - etwa dank des Kubismus in der Kunst oder die Globalisierung im Leben - mit multiperspektivischen Sichtweisen vertraut sind. Andererseits verlange die Wieland-Lektüre ein Differenzierungsvermögen, das Leser sich hart erarbeiten müssen.

Goethe nennt ihn seinen Lehrer

Als originären Schriftsteller und literarischen Experimentator schätzt der Fachmann Manger seinen Dichter ebenso sehr wie als Anreger und Anstifter für Literatur und als Kommunikator. Wir stellen uns etwa jene Szene vor, als ein junger, unbekannter Wirrkopf den Altvater auf dessen Gut in Oßmannstedt besucht und ihm des Abends an Kamin aus dem Stegreif die Verse seines Fragment gebliebenen Dramas "Robert Guiskard" vortrug: Zu unserem Glück schrieb, von Wieland ermutigt, dieser Heinrich von Kleist weitere und allervorzüglichste Dramen. Oder wir denken an den wackeren Johann Gottfried Seume, welcher von Leipzig aus auf seinem legendären, sozialhistorisch prägenden "Spaziergang nach Syrakus" zuerst in Oßmannstedt Station machte, um sich ein Mandat für die Berichterstattung im "Teutschen Merkur" zu holen.

Solcher Beispiele wüssten wir viele und erwähnen zuletzt das Bekenntnis eines jungen, wilden Studenten in Leipzig, für ihn sei Wieland "noch der einzige, den ich für meinen Lehrer erkennen kann" - Goethe. Trotzdem verfasste er bald darauf die freche Satire "Götter, Helden und Wieland", um sich am Ruhm des Meisters zu reiben. Mit Großmut reagierte selbiger und beförderte die Berufung des eine halbe Generation Jüngeren nach Weimar. Ohne Wieland, zumal ohne dessen philosophisch-literarische Grundlagen, würde die goldene Epoche der Klassik vielleicht gar keinen Kulminationsort in der Ilm-Provinz gefunden haben.

Unterschätzt wird heute Wielands literarischer Innovationsgeist: Zum Beispiel verfasste er mit "Lady Johanna Grey" das erste deutsche Drama in Blankversen, oder er unternahm es im Verein mit dem Komponisten Anton Schweitzer, das Musiktheaterwesen in Deutschland zu revolutionieren: Die "Alceste" gilt als erste deutschsprachige Oper. Klaus Manger urteilt über Wieland: "Seine Originalität ist riesig, weil er in der deutschen Literatur die Gattungen neu beheimatet hat."

Ob "Agathon" oder "Alceste", "Oberon" oder "Aristipp": Manger gibt zu, er habe Wieland-Einsteigern früher zur Versdichtung "Musarion" geraten, empfehle nun jedoch frank und frei "Die Abderiten": "Das ist das Komischste überhaupt", frohlockt er; das ließe sich höchstens mit Cervantes‘ "Don Quijote" oder dem "Rasenden Roland" Ariosts vergleichen. Immerhin verhandelt Hofrat Wieland darin nichts weniger als "die Narrheiten des ganzen Menschengeschlechts, besonders unserer Nation und Zeit".

Aus Erfurt hat man ihn abgeworben

Wie aber kam es zur Weimarer Klassik-Vorblüte dank Wieland? Man hat, was heute in der Ilmstadt kaum jemand wissen will, den großen Mann einfach den Erfurtern abgeworben. Ab 1769 diente er als Professor für Philosophie an der kurmainzischen Universität, mag sich dort aber alsbald nicht mehr recht wohlgefühlt haben, so dass er 1772 dem Rufe der Herzogin Anna Amalia folgte, als Prinzenerzieher Carl Augusts in die Nachbarschaft überzusiedeln.

Wieland war als junger Mann zunächst der pietistischen Un­ter­weisung im Kloster Bergen bei Magdeburg (1747/49) entflohen, hatte kurz Philosophie in Erfurt studiert und ein Jura-Studium in Tübingen auch nicht beendet, 1752 bis 1754 eine prägende Zeit bei Bodmer in Zürich erlebt, als Hauslehrer in der Schweiz und als Kanzleiverwalter in Biberach gearbeitet. In Weimar aber genoss er alsbald die schönste Freiheit, die man ihm wünschen konnte: seit 1775 als Pensionär und freier Schriftsteller in der biederen Kleinstadt, und als ihm diese zu eng und stickig erschien, zog er 1797 hinaus auf das frisch erworbene Gut nach Oßmannstedt.

Sechs Jahre hielt Wieland dort als ungekrönter Dichterfürst Hof und ließ seine treu sorgende Ehefrau den Hausstand samt der Erziehung des erklecklichen Nachwuchses besorgen. Der noble Herr, den wir nur mit Samtkäppchen kennen, war womöglich gar nicht so altväterlich und charakterlich ausgeglichen, wie sein schon in den letzten Lebensjahren von Goethe beförderter Nachruhm es glauben machen will. Böse Zungen behaupten, er sei eitel und jähzornig gewesen.

Sei's drum. Wir kennen ja weder ihn noch seine Werke. Nur das arge Ignorantentum seinem überlieferten Werk gegenüber könnten wir aus eigener Kraft revidieren. Indessen als Relikt der Wielandschen Memorialkultur das dank des Mäzens Jan Philipp Reemtsma spät restaurierte Wielandgut und sein Grabmal in Oßmannstedt unverrückbar fest unseres Besuches harren.

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