Awo-Chef Albrecht: "Wir brauchen völlig neue Pflegemodelle"

Die größte Angst von Frank Albrecht, Chef der Awo Weimar-Jena, ist die, dass in naher Zukunft nicht mehr genug Pflegefachkräfte zur Verfügung stehen. In der Aus- und Weiterbildung muss am dringendsten etwas geschehen.

Schlechte Bezahlung und schwere Arbeit: Die Pflegeberufe haben keinen guten Stellenwert in der Gesellschaft. Sie werden jedoch dringend gebraucht. Foto: dapd

Schlechte Bezahlung und schwere Arbeit: Die Pflegeberufe haben keinen guten Stellenwert in der Gesellschaft. Sie werden jedoch dringend gebraucht. Foto: dapd

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Jena. Fünf ältere Menschen sitzen in der milden Herbstsonne vor dem Alten- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt in Weimar. Ihr Lachen klingt bis ins Foyer des Hauses. "Oh, gute Stimmung hier. Das ist prima", sagt Frank Albrecht. Er ist der Chef der Awo Weimar-Jena. Und er freut sich, wenn sich diejenigen, die hier in diesem modernen Gebäudekomplex an der Soproner Straße in Weimar auch wohl fühlen.

Aber wenn man sich die Situation der Pflege in Thüringen insgesamt anschaut, dann gibt es wenig zu lachen, dann ziehen sich eher dicke Sorgenfalten über die Stirn der Verantwortlichen. Die größte Angst, die Albrecht und die anderen Verantwortlichen hier und anderswo beschleicht: Dass schon in naher Zukunft nicht mehr genug Pflegefachkräfte zur Verfügung stehen. "In der Aus- und Weiterbildung muss am dringendsten etwas geschehen", sagt Bernd Lindig. Er ist Geschäftsbereichsleiter Pflege und Gesundheit.

Und Bärbel Schäller, die Pflegedienstleiterin, mahnt die Neudefinition des Begriffs der Pflegebedürftigkeit an. "Derzeit orientiert er sich lediglich an den Aktivitäten der älteren Menschen." Die betreuerische Versorgung schlägt dabei gar nicht zu Buche, sagt sie.

Pflege stopft nicht nur Lücken

Dabei sollte es doch gerade Aufgabe beispielsweise der ambulanten Pflegedienste sein, den älteren Menschen wieder zu einem selbstständigeren Leben zu verhelfen, sie kompetenter zu machen bei den alltäglichen Verrichtungen. Dazu aber, so berichtet die Praktikerin, fehlt den Pflegekräften einfach die Zeit.

Dabei würden sich viele ältere Menschen gerne länger mit ihren Pflegekräften unterhalten, ihnen einmal ihr Herz ausschütten. Aber das geht dann zu Lasten anderer Patienten, denn die warten schon auf die Pflegekraft in dem eng getakteten Zeitplan. Deshalb ist Schäller auch von dem Pflegeneuausrichtungsgesetz enttäuscht, das am 1. Januar in Kraft tritt.

Es bringt zwar einige finanzielle Verbesserungen, vor allem für demente alte Menschen, aber ist im großen und ganzen nach der Meinung von Experten nur Stückwerk geblieben. "Pflege ist mehr als nur Lücken zu stopfen", sagt Schäller mit Nachdruck. Sie macht den Zeit- und Kostendruck an einem konkreten Beispiel deutlich: Die so genannte große Körperpflege wird den Pflegediensten mit gerade einmal 17 bis 18 Euro vergütet. Wenn man aber berücksichtigt, dass eine Leistungsstunde etwa 35 bis 40 Euro kostet, kann man sich leicht ausrechnen, dass gerade mal maximal 30 Minuten dafür bleiben. Und das ist viel zu wenig. Die Pflegedienste und die sozialen Träger wollen aber nicht in die Ecke derjenigen gedrängt werden, die immer nur nach mehr Geld rufen. "Wir brauchen eine bessere gesellschaftliche Akzeptanz der Pflege und der Pflegeberufe", macht Frank Albrecht deutlich. Und dann ist er bei dem Thema, das ihm besonders am Herzen liegt: die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. Denn Thüringen steuert auf eine Lücke bei den Pflegekräften, von der die Verantwortlichen nicht wissen, wie sie sie schließen sollen. Im Bundesvergleich gibt es in Thüringen die geringsten Vergütungen für Pflegekräfte.

Die Folge: Viele junge, gut ausgebildete Pflegekräfte wandern ab in die benachbarten Bundesländer, oder, wenn sie noch mobiler sind, in die Schweiz. Ein Blick über die Landesgrenze nach Bayern zeigt, dass dort beispielsweise bis zu 500 Euro mehr zu verdienen sind. Albrecht wünscht sich aber auch mehr Solidarität unter den Trägern. Denn es gibt auch solche, die nicht ausbilden. Sie müssten eigentlich eine Art solidarischen Ausgleich dafür zahlen, dass andere Träger ihnen die Ausbildung des Pflegenachwuchses abnehmen.

Beruf wird unattraktiver

Schon heute spüren die Pflegedienste die Auswirkungen der in den letzten Jahren gewachsenen Unattraktivität des Berufes. Die Zahl der Bewerber ist auf ein ein Achtel zurückgegangen. Über Gründe muss Bernd Lindig erst gar nicht lange nachdenken. Da ist zum einen das schlechte Image des Berufes, der immer nur dann in die Negativschlagzeilen gerät, wenn irgendwelche Pflegeskandale Deutschland erschüttern. Und dann schlägt natürlich auch die schlechte Entlohnung zu Buche.

Frank Albrecht kann angesichts dieser Entwicklung und der Untätigkeit der Politik nur den Kopf schütteln: "Es wird doch gar nicht gesteuert und es wird auch nicht mittel- und langfristig gedacht." Der Bedarf und die Attraktivität des Pflegeberufes driften immer weiter auseinander. Dabei werden nicht nur Fachkräfte benötigt, die direkt die Patienten betreuen. Es werden auch regelrechte Pflegemanager gebraucht, die auf Augenhöhe mit den Medizinern verhandeln können. "Sicherlich braucht man ein gutes Herz. Aber allein Empathie reicht nicht mehr für den Beruf. Es müssen Empathie und Intelligenz sein", klopft Albrecht die Herausforderungen für die Zukunft fest.

Den Pflegekräften brennt noch etwas auf den Nägeln: die überbordende Bürokratie. Schätzungsweise ein Drittel der Arbeitszeit, so Schäller, gehen derzeit für Formulare und Berichte drauf. Und die Anforderungen werden immer weiter in die Höhe geschraubt. "Wir müssen Alternativen entwickeln", mahnt Albrecht. "Wir brauchen völlig neue Modelle der Pflege." Er spricht von einer flexibilisierten Pflege, die die Übergänge von ambulanter zu stationärer Pflege fließend werden lässt. "Wir brauchen auch ein anderes Zeitmaß. Wir können die älteren Leute nicht nach einem Zeittakt abhandeln. Zuwendung ist nicht in Zeit und Geld zu fassen."

Überarbeitet werden müssten auch die Einstuftungen bei den Pflegestufen. Und selbst die Hoffnung, ausländlische Fachkräfte könnten die Probleme in Deutschland lösen, scheint sich als Irrglaube zu erweisen. "Ausländer wollen gar nicht nach Deutschland. Die wandern lieber aus in die Schweiz oder nach England, wo die Bedingungen besser sind", so Albrecht.

Als das Gespräch über die Sorgen der Pflege vorbei ist, sitzen die älteren Menschen noch immer in der Sonne und scherzen. Sie bekommen von den Problemen kaum etwas mit. Und das ist auch gut so.

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