Die Säbelzahnkatze kommt nicht mehr zurück

Der Weimarer Eiszeitforscher Ralf-Dietrich Kahlke über den Klimawandel, die Veränderung der Lebensräume und den menschlichen Einfluss

Das Menageriebild (1925) von Oskar Herrfurth zeigt Steppenmammute und Moschusochsen am Ufer der Ur-Ilm in friedlicher Eintracht. Die Realität sah, wie wir wissen, anders aus. Foto: Thomas Müller

Das Menageriebild (1925) von Oskar Herrfurth zeigt Steppenmammute und Moschusochsen am Ufer der Ur-Ilm in friedlicher Eintracht. Die Realität sah, wie wir wissen, anders aus. Foto: Thomas Müller

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Ralf-Dietrich Kahlke (56) leitet die Forschungsstation für Quartärpaläontologie Weimar der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und ist Spezialist für Säugetiere des Eiszeitalters, insbesondere für Mammutfaunen. Kahlke promovierte 1987 nach einem Studium der Geologie und Paläontologie an der Universität Greifswald über fossile Flusspferde und habilitierte sich 1993 an der Universität Kiel über kälteangepasste Großsäugerfaunen in Eurasien. Forschungsreisen führten ihn u. a. in die sibirische Arktis, nach Georgien, Süddakota/USA und in den Jemen. Seit 2010 bekleidet er eine Honorarprofessur an der Universität Jena.

Was ist das überhaupt: Quartärpaläontologie?

Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Paläontologie die "Lehre des alten Lebens", und als Quartär bezeichnen wir das jüngste Erdzeitalter, also die vergangenen 2,6 Millionen Jahre. Anders gesagt: Wir erforschen die Entwicklung von Fauna und Flora - also Lebewelten - während des Eiszeitalters.

Da wird das wichtigste Werkzeug der Spaten sein"...

Durchaus bergen wir Funde durch Grabungen. Außer mit dem Spaten gehen Paläontologen auch mit Präparationsbestecken oder Mikroskopen um - etwa zur Untersuchung von Bohrkernen aus Sedimenten. Das Graben nach fossilen Skeletten ist ja nicht alles, genauso interessieren wir uns für Mikrofossilien - praktisch für alles vom Mammutschädel bis zum Blütenpollen. Im Verbund mit Forschungspartnern wird längst auch die DNA von Fossilien un­tersucht. Das hilft zum Beispiel dabei, Wanderungsbewegungen von Tierarten zu rekonstruieren.

Somit haben Sie den Überblick über all das, was da auf Erden kreuchte und fleuchte in den letzten 2,6 Millionen Jahren?

Soweit dessen Überreste gefunden und die Zusammenhänge bereits verstanden sind.

Der normale Thüringer würde sich wundern, dass Sie in den Weimarer Senckenberg-Sammlungen Fossilien von Kreaturen wie Säbelzahnkatzen, Flusspferden oder Südelefanten haben, die man gewiss nicht mit der Eiszeit in Verbindung bringt - die aber zum größeren Teil aus unserer Gegend stammen.

Die Zeitspanne des Eiszeitalters war natürlich von starken klimatischen Veränderungen geprägt. Wir kennen im Vergleich zu heute sowohl deutlich kältere als auch wärmere Perioden und entsprechende Übergänge. Es lassen sich Klimazyklen über Zeitspannen von 41.000 und 100.000 Jahren klar identifizieren. Die unterschiedlichen Umweltparameter - Temperaturen, Niederschlagmengen, Vegetationen - bedingen die Zuwanderung oder, sofern die Phasen lang genug andauern, die Entwicklung von neuen Tierarten.

Das heißt, es gab in Thüringen Warmzeitphasen mit viel milderen Wintern als heute?

Aber ja. Wir blicken dank Fundstellen in Südthüringen durch ein sehr gutes Fenster in die Zeit vor 1,05 Millionen Jahren und können belegen, dass es so war. Flusspferde, die in der Ur-Werra lebten, hätten Frosttage im Winter nicht überstanden. Diese Tiere sind standorttreu und waren über Generationen in der hiesigen Fauna präsent.

Auch müssen die Sommer mitunter wärmer und länger gewesen sein als heute, sonst fänden wir beispielsweise im Weimarer Stadtgebiet und in dessen Umfeld keine fossilen Sumpfschildkröteneier. Die Gelege werden ja von der Sonne ausgebrütet. Wir schließen daraus, dass das Klima ausgeglichener, milder und insgesamt wärmer gewesen ist, also stärker vom Atlantik beeinflusst war. Den Motor des Klimageschehens bildete damals wie heute das komplexe Zusammenspiel von kalten und warmen Meeresströmungen.

Wie wirkte damals der Golfstrom?

Wir wissen von starken Intensitätsschwankungen und Phasen, in denen er ganz zusammengebrochen sein muss. Für die Vereisungsperioden ist belegbar, dass der Golfstrom nach Süden, in Richtung der afrikanischen Westküste, abgelenkt wurde. Nur deshalb hatte Nordwesteuropa zeitweilig eine Eiszeitfauna. Sein Wiedereinsetzen milderte das Klima in Europa.

So hat Thüringen eine wechselvolle Klimageschichte?

Es war, soweit wir zurückschauen, immer ein Wechselspiel zwischen zentaleurasischen Kontinentaleinflüssen und mediterran-atlantischen Faktoren"...

..."so dass sich Südelefant und Mammut quasi die Klinke in die Hand gaben?

Die Replacement-Theorie ist ein gängiges Modell, insbesondere für Phasen, in denen Klimaveränderungen kurz aufeinander folgten. Südelefanten wechselten als Einwanderer aus Afrika mit Steppenelefanten aus Asien ab. Das ist bis etwa 1,2 Millionen Jahre vor heute so gewesen. Ab 900.000 vor heute verlängern sich die Klimazyklen von 41.000 auf 100.000 Jahre, so dass neue Tierarten entstehen, die sich hochspezialisiert auf die Bedingungen in diesen Lebensräumen anpassten. Diese Spezialisten verdrängten die Generalisten.

Es war alles immer eine Frage des Nahrungsangebots?

Genau. Zum Beispiel hatten wir seit dem frühen Quartär bis etwa 600.000 Jahre vor heute das Hundsheim-Nashorn in un­serer Gegend mit breitem Nahrungsspektrum. Unsere Analyse seiner Zähne hat belegt, dass es sowohl weiche Blätter als auch härtere Gräser aufschließen konnte. Verdrängt wurde es von einem Steppen- und einem Waldnashorn, die aus Asien einwanderten und seine ökologische Nische besetzten. Es gibt niemals Stillstand in der Evolution, und sobald neue Tierarten auf den Plan treten, die ei­nen Lebensraum effizienter ausnutzen, müssen angestammte weichen. Es ist ein völlig natürliches, also gnadenloses Geschehen.

Diese Spezialisten sind wiederum anfälliger für Umweltveränderungen?

Ganz recht. Sobald die kalte, trockene Mammutsteppe mit ih­ren weiten, offenen Graslandgebieten völlig verschwindet, verschwindet auch das Mammut. Heute gäbe es nirgends auf unserer Erde mehr einen Lebensraum für Mammute. Schon deshalb disqualifizieren sich alle Versuche, sie aus Fossilien zu klonen, als barer Unfug.

Weil es immer wärmer wird?

Nein. Seit dem späten Tertiär, das heißt, seit etwa 15 Millionen Jahren, haben wir global eine Abkühlungstendenz. Das Klima zeichnet zwar eine Zitterkurve mit zyklischen Schwankungen, aber generell ist es kälter geworden. Ein gravierenderer Faktor für Eurasien ist die Austrocknung des Kontinents, weil sich seit dem Tertiär von den Pyrenäen bis zum Himalaya ein Gebirgsgürtel gebildet hat, der den Zustrom feuchter Meeresluft aus den Süden und Südosten unterbricht. In den Kaltzeiten konnten somit nur Pflanzenfresser überleben, die sich mit harter Grasnahrung der Steppe begnügten.

Wie kommt es, dass Tierarten aussterben. Kann man zum Beispiel die Karriere der Säbelzahnkatze rekonstruieren?

Wir sind uns wegen ihres typischen Eckzahns sicher, dass sie sich vorwiegend von Aas ernährt hat. Derart lange, grazile Zähne taugen schlecht für die aktive Jagd, sie brechen schnell ab. Stattdessen kann man damit selbst Dickhäuter vorzüglich tranchieren. Die Konkurrenz von Beutegreifern, die auch Aas fressen, hat der Säbelzahnkatze das Leben schwer gemacht, und als die großen Beutetiere verschwanden, war es für Großkatzen und erst recht für große Aasfresser vorbei. Die Säbelzahnkatze ist - als Opfer ih­rer Spezialisierung - spätestens vor 15.000 Jahren verschwunden. Sie kommt nicht zurück. Sie hätte auch gar keine Chance, schon gar nicht gegen den bewaffneten Menschen.

Worin besteht, entwicklungsbiologisch betrachtet, der Verlust, wenn solche Tierarten verschwinden?

Die eiszeitliche Mammutfauna ist mit Ausnahme des Moschusochsen, des Rentiers und einiger kleinerer Tierarten komplett abgetreten, weil ihre Umwelt nicht mehr vorhanden ist. Das als Unglück zu bezeichnen, wäre allzu romantisch: Fragen Sie doch mal ein Reh oder Wildschwein danach! Hinzu kommt eine faunistische Verarmung durch den Einfluss des Menschen. Wir haben doch alles ausgerottet oder dezimiert, was uns im Wege war: den Wolf, den Bären, den Luchs, den Kormoran, den Bison"...

Was fehlt damit in einem solchen Ökosystem?

Eine natürliche Entwicklung findet nicht mehr statt. Fehlen wichtige Hauptdarsteller in diesem Theater, verhalten sich alle Akteure auf der Bühne anders.

Und der Mensch führt Regie?

Als Famuli der Evolution glauben wir, wir hätten es verstanden, und wundern uns umso mehr über die Ergebnisse. Die Ökologie aber kennt weder gut noch schlecht, sie ist ein komplexes, dynamische System. Die Natur reagiert immer natürlich. Aber möglicherweise anders, als wir es uns wünschen.

Wenn wir heute von Klimawandel reden, meinen wir eine globale Erwärmung von fünf Grad binnen eines Jahrhunderts. Gibt es Beispiele im Quartär für solche rapiden Wandel?

Während der letzten Warmzeit hat es zwischen 126.000 und 125.000 Jahren vor heute einen rapiden Temperaturanstieg gegeben. Die Ursachen kennen wir nicht, aber das Faktum lässt sich dank Klimadaten aus grönländischen Eisbohrkernen zuverlässig feststellen.

Wie hat sich das Ökosystem damals verändert?

Sehr schnell. Als Vegetation dominierte bei uns der Eichenmischwald mit einem reichen Nahrungsangebot, und eine wärmeliebende Tierwelt breitete sich aus, soweit sie Zugang fand. Da gab es Flusspferde in England; die berühmteste Fundstelle ist der Trafalgar Square mitten in London. In Thüringen hingegen fehlten sie zu dieser Zeit ebenso wie der Wasserbüffel, obwohl die Bedingungen eigentlich gut gewesen wären. Stattdessen finden wir Waldnashörner - etwa mit Fossilien von Taubach bei Weimar.

Das klingt nach problemloser Anpassung?

Die Fauna richtet sich immer nach den Umweltbedingungen, die sie vorfindet. Als beispielsweise der Meeresspiegel zum Maximalstand der letzten Vereisung 125 Meter tiefer lag als heute und weite Schelfgebiete als Steppe trockenlagen, waren die Britischen Inseln zu Fuß erreichbar. Deshalb finden wir Mammutknochen auf dem Grund der Nordsee.

Moment mal! Das klingt, als nähme die Natur einen Klimawandel gar nicht übel?

Die Natur ist der Klimawandel. Die Pflanzen- und Tierwelt stellt sich darauf ein. Der einzige, der einen Klimawandel übelnimmt, ist der Mensch.

Aber der Klimawandel führt zum Aussterben des Eisbären!

Das wissen wir noch nicht. Die größere Gefahr für ihn ist vielleicht, dass sein Lebensraum für uns interessant werden könnte. Eisbären gibt es schon seit mindestens 600.000 Jahren. Diese Art hat also schon etliche Warmzeiten überstanden.

Welche Veränderungen unserer Tierwelt haben wir zu gewärtigen?

Das ist schwer vorherzusagen. Einen nicht unwesentlichen Faktor bildet der Mensch selbst, weil "seine" Globalisierung Tierarten über natürliche Barrieren hinweghilft. Sie müssen sich nur an uns vorbeischmuggeln. Die Chinesische Wollhandkrabbe zum Beispiel hat als blinder Passagier in Schiffstanks ja nicht nur den Ozean überwunden, sondern ist längst elbaufwärts bis hinter Dresden gewandert. Das sind biogeografische Vorgänge, die in dieser Vielzahl für frühere Zeiten nicht feststellbar sind.

Der Mensch als Transporthelfer?

Allerdings ziemlich blind und planlos. Wir spielen da Schicksal. Nur kennt die Natur keine anthropozentrische Milde, und auch wir haben die Folgen zu tragen.

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