Madrid. Während der Erdbeben-Katastrophe war König Mohammed VI. offenbar in Paris. Hilfe für sein Land lehnte er ab – auch die aus Deutschland.

Der Monarch schweigt. Während die Menschen im Katastrophengebiet ihre Toten in Massengräbern beerdigen, wächst die Kritik an Marokkos König Mohammed VI. Der Mann, der alle Macht in seiner Person zentralisiert hat, lehnte – mit einigen Ausnahmen – weitreichende internationale Hilfe nach dem verheerenden Erdbeben ab. Dabei sind die nationalen Rettungskräfte mit der Suche nach Überlebenden völlig überfordert. Für viele Menschen unter den Trümmern dürfte die Hilfe zu spät kommen.

Schon Stunden nach den schweren Erdstößen in der Nacht zu Sonntag gingen im Palast des 60-jährigen Herrschers Beileidsbekundungen und Hilfsangebote aus aller Welt ein. Doch von Mohammed, der sein Land seit 1999 mit strenger Hand führt, kam kein Wort. Mittlerweile hört man, dass sich der König gar nicht in seinem Palast in der Hauptstadt Rabat befunden habe. Vielmehr habe er sich in seiner Luxus-Residenz in Paris aufgehalten, hieß es in verschiedenen Medien.

Mohammeds Leben wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet

Warum war Mohammed in Frankreich und nicht in seinem Land? Machte er Urlaub, wie einige Königshausexperten wissen wollten? Oder war er wegen einer medizinischen Behandlung in Paris, wie andere mutmaßten? Offiziell wurde dazu nichts mitgeteilt. Bestätigt wurde nur, dass der König inzwischen wieder nach Hause geflogen sei. Mohammeds Leben wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Er ist für sein Volk ein Unbekannter – auch wenn in jeder marokkanischen Amtsstube sein Konterfei hängt.

Mohammed leidet nach Angaben französischer Medien an Sarkoidose (Morbus Boeck). Die Sarkoidose ist eine entzündliche Erkrankung, die fast alle Organe des Körpers betrifft und somit deren Funktion stören kann. Mohammed soll bereits mehrfach am Herzen operiert worden sein. Es fällt auf, dass er bei seinen immer selteneren öffentlichen Auftritten immer blasser und dünner wirkt.

Ein Mann schaut auf die Trümmer im Bergdorf Imi N'Tala südlich von Marrakesch.
Ein Mann schaut auf die Trümmer im Bergdorf Imi N'Tala südlich von Marrakesch. © AFP | Matias Chiofalo

Aus dem Palast kam eine überraschende Abfuhr für internationale Hilfsorganisationen

Tatsache ist, dass es erst einen Tag nach der Katastrophe ein erstes Lebenszeichen von Marokkos Monarchen gab: Der Palast veröffentlichte eine Erklärung des königlichen Kabinetts, in dem mitgeteilt wurde, dass „Ihre Majestät“ angeordnet habe, den Erdbebenopfern zu helfen. Zudem bedankte sich Mohammed für die internationale Solidarität und die Angebote, bei der Bergung von Opfern zu kooperieren. Dann herrschte wieder einen Tag Stille – während in Dutzenden zerstörten Dörfern die Menschen starben.

Zwei Tage nach der Katastrophe kam schließlich aus dem Palast eine überraschende Abfuhr für die internationalen Hilfsorganisationen, die in ganz Europa – auch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz – bereits auf gepackten Ausrüstungskisten saßen und auf grünes Licht aus Rabat warteten: „In diesem Moment“ sei massive ausländische Hilfe nicht sinnvoll, ließ Mohammed über sein Innenministerium verlauten. Warum? „Weil ein Mangel an Koordination kontraproduktiv sein könnte“, heißt es in dem Kommuniqué weiter.

König Mohammed VI. bei einer Zeremonie in Rabat am 12. Oktober 2018.
König Mohammed VI. bei einer Zeremonie in Rabat am 12. Oktober 2018. © picture alliance/AP Photo | ABDELJALIL BOUNHAR

Nach 72 Stunden unter Trümmern gibt es nur wenig Hoffnung, Überlebende zu finden

Eine Ausnahme machte Rabat lediglich für vier Hilfsangebote: Rettungsteams aus Spanien, Großbritannien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten durften inzwischen einreisen. Doch auch diese begrenzte internationale Hilfe dürfte für die meisten Verschütteten zu spät kommen. Die Erfahrung lehrt, dass es nach 72 Stunden unter Trümmern nur wenig Hoffnung gibt, Überlebende zu finden.

Unterdessen wachsen in den am schlimmsten betroffenen Bergdörfern im Süden und Westen der Touristenhochburg Marrakesch die Verzweiflung und die Wut der Menschen, die sich von Staatschef Mohammed und seiner ihm unterstehenden Regierung im Stich gelassen fühlen. In den offiziellen Medien Marokkos, die weitgehend das Königshaus kontrolliert, lobt man derweil die „heldenhaften Anstrengungen“ des nationalen Militärs, das der König mobilisiert hat.

„Einige Dörfer wurden zerstört – ohne dass es dort noch Anzeichen von Leben gibt“

Aus der Katastrophen-Provinz Al Haouz, in der eine halbe Million Menschen leben und in der das Epizentrum dieses apokalyptischen Erdbebens lag, werden über die sozialen Netzwerke Notrufe gesendet: Per Video berichtet ein Mann namens Mustapha über die Lage in seinem Dorf Tazolt und in den Nachbarorten: „Viele Menschen liegen noch unter den Trümmern. Deswegen ist die Zahl der Toten sehr viel größer als bisher bekannt. Einige Dörfer wurden völlig zerstört – ohne dass es dort noch Anzeichen von Leben gibt.“

Rettungskräfte suchen in Talat N'Yaaqoub nach Überlebenden.
Rettungskräfte suchen in Talat N'Yaaqoub nach Überlebenden. © dpa | Khaled Nasraoui

Nach den neusten Angaben des marokkanischen Innenministeriums wurden bis Montag 2497 Tote geborgen – davon 1452 in der Provinz Al Haouz. Zudem gebe es mehrere Tausend Verletzte. Die Opferzahlen dürften weiter steigen. „Noch immer sind mehrere Dörfer im Atlas-Gebirge von der Außenwelt abgeschnitten und warten auf Rettungskräfte“, meldet die marokkanische Nachrichtenseite Hespress.

Viele Marokkaner werfen ihrem Herrscher Abwesenheit und Desinteresse vor

„König Mohammed muss uns Hilfe schicken“, bitten Dorfbewohner im französischen TV-Sender TF1. Doch Mohammed scheint all dies kaum zu berühren. Er zeigt bisher wenig Anzeichen von Anteilnahme am Schicksal seiner 37 Millionen Untertanen. Viele Marokkaner werfen ihrem allmächtigen Herrscher – wenn auch aus Angst vor Repressalien nur hinter vorgehaltener Hand – schon lange vor, besonders durch Abwesenheit und Desinteresse zu glänzen.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die angesehene französische Online-Zeitung Mondafrique bringt dieses Gefühl mit einer Karikatur auf den Punkt. In einer Satirezeichnung informiert ein Diener den König mit den Worten: „Majestät! Das Königreich ist durch ein schweres Erdbeben erschüttert worden.“ Mohammed, der neben einer Flasche mit Alkoholischem am Fenster steht, antwortet: „Ach wirklich? Ich habe davon nichts gemerkt!“