Aufbruch zum Bauhaus des 21. Jahrhunderts

15 Jahre lang hat Gerd Zimmermann die Bauhaus-Universität Weimar als Rektor geleitet. In vier Wochen scheidet er aus dem Amt.

Visionen für Weimar: Bauhaus-Rektor Gerd Zimmermann strebt stets zu neuen Zielen. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Das großformatige Foto in seinem Büro stellt eine virtuelle Realität dar. Wolkenkratzer im Hintergrund, vorn eine Grünfläche mit jungen Leuten im Dialog, ein Campus vielleicht. "Wir müssen rausgehen, sonst stecken wir in der Provinz und sind verloren", betont Gerd Zimmermann mit der ihm eigenen, markanten Gestik. Jetzt ist der Rektor der Weimarer Universität ganz in seinem Element: Internationalität gehört für ihn unbedingt zum Kern des Bauhaus-Gedankens - und weniger, als ein Bauhaus des 21. Jahrhunderts zu repräsentieren, wäre ihm nicht genug.

Man staunt nicht schlecht, mit welcher Dynamik der gebürtige Brandenburger sich Tag für Tag diesem Anspruch stellt, wie er, gern hemdsärmlig, vor Tatendurst sprüht und allzeit Bereitschaft signalisiert, Visionen wirklich zu machen. Wenn's drauf ankäme, würde er, der Weimarer Lehrstuhlinhaber für Theorie und Geschichte der Architektur und nach 15 Jahren Amtszeit Thüringens dienstältester Hochschulleiter, auch selber zum Spaten greifen.

Matt, amtsmüde, ein Rentner in spe? Kein bisschen, die 64 Lenze glaubt man diesem quicklebendigen Kerl nie und nimmer. Eine ungeheuerliche Energie geht von ihm aus, eine sogkräftige Überzeugungskunst und manchmal ein jungenhafter Schalk. Damit hat er die ehemalige Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) in der Nachwende-Ära geprägt. Nicht allein, würde er sofort betonen. Zimmermann mag sich vor allem als ein Impuls- und Ideengeber sehen, dann als ein Moderator bei deren Umsetzung. Aber wer weiß: Ob es ohne ihn so fulminante Fortschritte gegeben hätte? - Dennoch übergibt er Anfang April die Amtskette an einen Jüngeren, den derzeitigen Prorektor Karl Beucke. "15 Jahre: Das reicht - für alle", sein trockener Kommentar.

Bauhaus anno 1923 als ideelles Vorbild

An die Spitze der Hochschule hat Zimmermann sich nicht gedrängt. Zwar hatte er dort schon studiert und von Berlin aus anno '80 als Wissenschaftlicher Assistent angeheuert - gleichsam um im System zu überwintern. Doch die Karriereaussichten waren für ihn, da kein Parteigänger, damals ziemlich gering. Aber dann: "Umbruch gleich Aufbruch", bringt Zimmermann die Wende auf eine einfache Formel. In der Senatskommission für die Neukonzeption der Hochschule fiel er auf - und gab dem Vorschlag, als Rektor zu kandidieren, trotz anfänglicher Skrupel nach.

"Schon in den Wendedebatten hatte sich herausgeschält, dass die Hochschule ein neues Profil brauchte", erinnert er sich. In der DDR hatte man sich auf Architektur und Bauingenieurwesen beschränkt, indes Zimmermann vom Grundgedanken her auf eigentlich Altbewährtes zurückgriff: auf den sich gegenseitig inspirierenden Dualismus von Ästhetischem und Technologischem - halt wie im Bauhaus ehedem. So war ihm wichtig, "dass die Kunst hier wieder Platz nimmt", und 1993 wurde die Fakultät Gestaltung neu gegründet.

Ganz ohne Widerstände mag das nicht abgegangen sein, doch trieb Zimmermann die Umsetzung eines postmodernen Bauhaus-Projekts zielstrebig weiter. "1996 war sicher ein Schlüsseljahr", gesteht er. Im Konzil ging der Vorschlag, den Namen der Hochschule zu ändern, erst im zweiten Anlauf durch; auch die Landesregierung war nur schwer dazu zu bewegen. Bauhaus-Universität: Der Name wäre doch zugleich Programm? Aber genau das wollte Zimmermann ja, zugleich sorgte er für die Gründung der Fakultät Medien.

"Wir sind keine Filmhochschule", schränkt er sofort ein. "Das wollten wir auch gar nicht werden." Vielmehr mag er frühzeitig die Neuen Medien im Blick gehabt haben, und suchte abermals die Interaktion von Theorie und Praxis in Ingenieur- und Geisteswissenschaften - nun im erweiterten Sinne. Denn die Mediengestalter erhielten als Pendant den Bereich Medienkultur hinzu.

Eine multiple, offene Szene hat sich etabliert, obschon Weimar als medialer Produktionsstandort noch nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Gern sähe Gerd Zimmermann ein größeres Festival in der Stadt, die Gründung des Bauhaus-Film-Instituts (BFI) sollte diesen Anspruch untermauern. "Ich kann mir vorstellen, dass Weimar eine Art Mini-Hollywood sein könnte", meint er da - wieder ganz visionär. Aus eigener Kraft ist das sicher nicht zu schaffen. Zum Beispiel ein Literaturfilmfestival wäre nur mit Hilfe der "großen Player" realisierbar.

Da knüpft Zimmermann, der im Nebenamt im ZDF-Verwaltungsrat sitzt, womöglich im Hintergrund Drähte. Jedenfalls stoßen die Weimarer mit dem Digitalen BauhausLab, das in diesem Jahr ihren Campus bereichert, die Türen weit auf ins moderne Informationszeitalter. Plötzlich geht's in der Medieninformatik um Simulation und Kommunikation, konkret um Browser-Systeme für's Internet, um Verschlüsselungstechnologien und um Data Mining. Dabei hat Zimmermann ja bloß das Bauhaus-Manifest der Gropius & Co. anno 1923 ins Heute übertragen. Welche Früchte das trägt? - Im künftigen Gründerzentrum für die Kreativwirtschaft, das für sechs Millionen Euro entstehen soll, wird man es sehen.

Und just, wenn's so spannend ist, soll Zimmermann aufhören? - "Ich hab' überhaupt nicht das Problem, dass ich nicht beschäftigt bin", sagt er mit hellem Lachen. Immerhin sitzt er der Stiftung Baukultur vor, die bis 2019 eine Internationale Bauaustellung (IBA) im Lande koordinieren soll.

Das virtuelle Wolkenkratzer-Foto in seinem Büro hat, wie der scheidende Rektor erläutert, zwei Sonnen - mit entsprechenden Schatten. Das haben Weimarer Studenten "getriggert". Ob er es für seinen Amtsnachfolger hängen lässt?

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