FC Rot-Weiß Erfurt: Kartenflut und Spielerwut

13 Karten in einem Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt hat es wohl selten gegeben. Die Thüringer verloren nicht nur die Partie, sondern auch zwei Spieler. Ausgerechnet ein Osnabrücker hat diese Drittligapartie gepfiffen. Der VfL und RWE stritten vor dem Spiel noch um Platz vier ...

Aufgebracht: Erfurts Spieler reden nach einer strittigen Entscheidung auf Schiedsrichter Frank Willenborg ein. Foto: Karina Hessland

Foto: zgt

Erfurt "Ja", sagt Walter Kogler, "ich habe ihm die Hand gegeben. Das macht man doch so."

Es fiel dem Österreicher nach diesen 90 Minuten schwer, die Ruhe zu bewahren, vor allem den Mund darüber zu halten. was er zusammen mit den fast 5000 Zuschauern im Spiel gegen Jahn Regensburg erlebt hatte. Klar, da stand am Ende die 2:3-Niederlage und damit wohl auch das endgültige Aus im Kampf um Platz vier. Da war diese von seiner Mannschaft fast leidenschaftslos geführte erste Halbzeit. Darüber wird er sicher mit den Spielern reden.

Doch da gab es auch einen Schiedsrichterauftritt, der ältere Erfurter Fußballanhänger an längst vergangene BFC-Dynamo-Zeiten erinnert haben dürfte. Frank Willenborg, Realschullehrer aus Osnabrück, war am Ende der Buhmann. Zehn Gelbe Karten (gut verteilt für beide Teams), dreimal Gelb-Rot dürften rekordverdächtig sein.

"Er hat das Fingerspitzengefühl vergessen lassen, denn so viele schnelle Karten zeigt man selten", sagt Nils Pfingsten-Reddig. Er hatte Rot-Weiß schon nach neun Minuten in Führung gebracht. Natürlich vom Punkt. Jahns Patrick Haag hatte Kevin Möhwald zuvor zu Fall gebracht - und sah dafür Gelb. Nur Gelb. "Wenn er pfeift", so der Kapitän, "muss er eigentlich Rot geben ."

Mit Logik aber war an diesem Tage nur wenig zu erklären. Wie Möhwald später am eigenen Leibe erfuhr. Nach einem taktischen Foul schon verwarnt, sprang dem Mittelfeldspieler nach einer halben Stunde im Strafraum der Ball an die Brust. Dafür gab es Gelb-Rot und Handstrafstoß, den Mario Neunaber sicher verwandelte. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst", beteuerte der 21-Jährige zur Pause fassungslos. In Unterzahl konnte Erfurt bis zum Halbzeitpfiff von Glück reden und sich bei Philipp Klewin bedanken, das man nicht hinten lag. Seine größte Tat zeigte er beim Schuss des frei stehenden Haag (39.), nachdem zuvor - wie in einigen Szenen zuvor - Regensburgs Oliver Hein Erfurts linke Abwehrseite fast mühelos überlaufen hatte. Die Pfiffe zur Halbzeit gehörten noch der eigenen Mannschaft.

Danach galten sie nur noch einem: Frank Willenborg. Als dieser zehn Minuten nach Wiederanpfiff Rafael Czichos nach einem Allerweltsfoul die zweite Ampelkarte gegen einen Erfurter zeigte, schlug die Stimmung auf den Rängen vollends um. Auch beim Betroffenen selbst. "Ich begehe zwei Fouls im Spiel und fliege gleich mit zweimal Gelb vom Platz. Eine Frechheit."

Rafael Czichos war bedient. Auch weil er vor seinem Platzverweis mitbekommen hatte, dass der Linienrichter Willenborg über dessen Headset darauf aufmerksam gemacht hatte, dass der Spieler schon Gelb gesehen hat. "Ich weiß nicht", sagt Czichos, "ob der Schiedsrichter überfordert war. Aber ich bin lieber vorsichtig, mit dem, was ich jetzt noch sage."

Man musste mit zwei Spielern in Unterzahl schlimmes befürchten. Das Gegenteil trat ein - freilich aber erst nach dem 1:2 durch Zlatko Muhovic, dem ein Regensburger Handspiel voraus ging und dem verzweifelte Erfurter Proteste folgten. Plötzlich standen die Fans wie eine Wand hinter der Mannschaft und die zeigte nun jene Moral, die später nicht nur Walter Kogler lobte, sondern von der Regensburgs Trainer Thomas Stratos meinte: "Das war einfach peinlich für uns."

Rot-Weiß begann zu kämpfen, verschenkte keinen Ball. Typische Szene für diese Phase: Pfingsten-Reddig erkämpft sich einen Ball, bedient Stefan Kleineheismann, nach dessen Zuspiel der ungemein laufstarke Carsten Kammlott am Jahn-Keeper scheiterte (64.). Zwei Minuten später aber traf der Torjäger doch. Wieder hatten seine Mitspieler zuvor einen Ball mit letztem Einsatz im Mittelfeld dem Gegner abgejagt. Dass Regensburgs Gino Windmüller danach mit der Hacke das 2:3 besorgte war bitter. Dass dessen Mitspieler Daniel Franziskus drei Minuten vor dem Ende nach Foul an Marius Strangl von Willenborg auch noch Gelb-Rot sah, passte zum Bild eines irrwitzigen Schiedsrichter-Auftritts.

Am Dienstag will Rot-Weiß in Nordhausen im Thüringenpokal die Punktspielpleite vergessen machen. "Ich glaube nicht", sagt Marco Engelhardt, "dass uns dort die Körner wegen des heutigen Spieles fehlen werden." Walter Kogler jedenfalls hofft auf die Regeneration für das bedeutungsvolle Spiel im Südharz. Und abhaken will er den Sonnabend auch schnell. Vor allem nichts zum Schiedsrichter sagen. "Man ist mit möglichen Worten da ja sowieso nur der zweite Sieger." Also besser einfach nur die Hand geben ...

Bild 4: Bedient: Rafael Czichos nach Gelb-Rot.Foto: Sascha Fromm

Zu den Kommentaren
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.