Titel, Tränen, Träume (3): "Einmal durften wir nicht Meister werden"

Erfurter Fußball-Legenden Martin und Löffler erinnern sich an die glorreiche Zeit des FC Rot-Weiß Erfurt in den 50er Jahren.

Beim Abschiedsspiel des Steigerwaldstadions besuchte Karl-Heinz Löffler (links im Interview mit Lars Sänger) seine alte Fußballheimat. Lothar Kaiser (Mitte) lauscht beim Gespräch. Foto: Holger John

Beim Abschiedsspiel des Steigerwaldstadions besuchte Karl-Heinz Löffler (links im Interview mit Lars Sänger) seine alte Fußballheimat. Lothar Kaiser (Mitte) lauscht beim Gespräch. Foto: Holger John

Foto: zgt

Erfurt. Die Sonne hatte über Erfurt geschienen an diesem Dienstag. Und dennoch zogen am Abend dunkle Wolken auf, als Fußball-Erfurt die Nachricht vom Tode von Helmut Nordhaus erfuhr. Heute beim Derby des FC Rot-Weiß gegen Chemnitz werden Spieler, Verantwortliche und Zuschauer mit einer Schweigeminute der Erfurter Legende gedenken - des Kapitäns des zweifachen DDR-Meisters Turbine Erfurt, des einzigen Ehrenspielführers des jetzigen Drittligisten.

Gedenken für einen Mann, über den der frühere Mitspieler Karl-Heinz Löffler vor Jahren in einem TLZ-Gespräch einmal gesagt hatte: "Helmut Nordhaus konnte eine Mannschaft führen, wie nur wenige Spieler nach ihm in Deutschland. Alle anderen waren, da schließe ich mich nicht aus, seine Zuarbeiter."

Wenige der einstigen Helden sind nach dem Tod von Nordhaus geblieben. Nur vier Spieler leben noch. Winfried Herz, Siegfried Vollrath, Karl-Heinz Löffler und Erich Martin.

Es war eine glorreiche Zeit in den 50-er Jahren mit Spielgestalter und Kapitän Nordhaus und mehreren Nationalspielern wie Gerhard Franke und Georg Rosbigalle. Die beste Zeit des Erfurter Fußballs. Es war die Zeit, in der Deutschland 1954 mit dem ersten WM-Titel das Wunder von Bern vollbrachte. Im gleichen Jahr gewann Turbine seinen ersten Titel. Doch ein Wunder von Erfurt war das damals nicht, findet der heute 89-jährige Karl-Heinz Löffler. "Unser Titel war kein Wunder. Wir hatten Anfang der 50er Jahre einfach eine tolle Mannschaft." Und mit Hans Carl einen tollen Trainer.

Löffler bestritt 1951 sein erstes Spiel für Erfurt. Bis 1957 wurden es insgesamt 157 Partien, in denen er zwei Tore erzielte. Er kam damals aus dem südthüringischen Themar, spielte dort meist vor nur 500 Zuschauern. Vor seinem ersten Einsatz bei Turbine bekam er weiche Knie. "Ich lag damals auf der Massagebank, im Stadion warteten 30"000 Zuschauer. Heinz Wozniakowski fasste mich ans Ohrläppchen und sagte: Denk dran, die meisten da draußen können jetzt nicht mehr so gut geradeaus laufen wie Du." Wozniakowski stand zu jener Zeit übrigens bei Sepp Herberger auf der Liste.

Ein Fachmann, wie sein Erfurter Kollege Hans Carl, der nach den großen Erfolgen aber Erfurt in Richtung Hessen verließ und dort in der Folgezeit den KSV Hessen Kassel trainierte.

Erich Martin erinnerte sich jüngst im RWE-Radiotalk an Carl, der "ein toller Taktiker" war. Der frühere Leichtathlet hatte den Meister geformt. Und er hatte 1954, als man ab dem 15. Spieltag die Tabellenführung übernahm und nicht mehr abgab, einen Mann wie Stürmer Siegfried Vollrath in seinen Reihen, der in jener Saison zusammen mit dem Auer Heinz Satrapa mit 21 Treffern Torschützenkönig wurde und auch im Folgejahr mit 16 Toren sehr treffsicher war. Zudem glänzte im Tor mit Rolf Jahn ein Keeper, der in beiden Meisterjahren mit seiner Abwehr jeweils die wenigsten Gegentore der Liga zuließ.

Was Erfurter Fußballfreunde von damals aber noch heute ärgert, war die Tatsache, dass ein dritter Titel der Turbine-Truppe von den Oberen nicht vergönnt wurde. In der Saison 1950/51 stand Turbine am Ende punktgleich mit Chemie Leipzig vorn, hatte sogar das bessere Torverhältnis. Dennoch musste ein Entscheidungsspiel zwischen beiden Vereinen ausgetragen werden.

Im Kader angekommen

Es fand in Chemnitz statt - vor der Rekordkulisse von 60"000 Zuschauern. Erfurt verlor mit 0:2. Helbig und Krause hatten Erfurts Senftleben im Tor keine Chance gelassen. Dennoch glaubt Erich Martin, dem in jenem Spiel ein Tor gelang, was aber nicht gegeben wurde, noch heute: "Wir durften wahrscheinlich nicht Meister werden." Schiedsrichter jenes denkwürdigen Finalspieles war ein gewisser Herr Liebscher aus Weißenfels. Für Martin, der in jener Zeit mehr Einwechselspieler war, war es damals dennoch ein gutes Jahr. Er wurde nach diesem Spiel in die Thüringer Auswahl berufen. "Das war mein Startschuss, dass ich in der Folgezeit im Kader angekommen bin." Bis 1956 gehörte er dem Kader von Turbine Erfurt an.

1952 musste Turbine, so erinnert sich Martin noch heute, nach Gotha ausweichen, weil im Georgij-Dimitroff-Stadion der Rasen abgetragen und Schotter drauf gemacht wurde.

Danach folgten die beiden Meisterjahre. Doch an diese Glanzzeiten konnte Turbine nach dem Karriereende vieler wichtiger Spieler nicht mehr anknüpfen.

Mehr als ein achter Platz sprang in der Saison nach dem zweiten Titel nicht heraus. 1959 stieg der Verein erstmals in die zweitklassige DDR-Liga ab.

Am kommenden Sonnabend lesen Sie, welche Erinnerungen Manfred Wozniak an das internationale Testspiel gegen Torpedo Moskau 1953 im damaligen Georgij-Dimitroff-Stadion hat.

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